10. Oktober 2017 / 08:17 Uhr

"Sonst wird dein Verein in dem Geschäft aufgefressen": Ex-96er Fredi Bobic im großen Interview

"Sonst wird dein Verein in dem Geschäft aufgefressen": Ex-96er Fredi Bobic im großen Interview

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt, Vorstand Sport).
Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt, Vorstand Sport). © imago
Anzeige

Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt und früherer Stürmer von Hannover 96, spricht im ersten Teil des Interviews über die beiden Clubs, die Rolle von Investoren und den Fan-Protest.

Anzeige

Fredi Bobic rettete 96, damals gerade aufgestiegen, in der Saison 2002/2003 mit 14 Toren vor dem Bundesliga-Abstieg. Am Sonnabend kehrt er als erfolgreicher Sportvorstand von Eintracht Frankfurt nach Hannover zurück – zum Bundesligaspiel bei Aufsteiger 96. Der 45-Jährige spricht im ersten Teil des großen Interviews über seinen Ex-Club.

Herr Bobic, als wir vor dem Pokalspiel 96 gegen Frankfurt im Februar zuletzt gesprochen haben, war 96 ein Aufstiegskandidat und Frankfurt Bundesliga-Dritter. Was ist seitdem passiert?

Dass 96 aufgestiegen ist, ist eine normale und auch eine notwendige Geschichte für 96 – und tut auch der Liga sehr gut. Dass wir letztlich im Mittelfeld gelandet sind und trotzdem eine ordentliche Saison gespielt haben, auch das ist normal. Also ist eigentlich nicht viel passiert.

Warum ist 96 kein normaler Aufsteiger?

Das fängt ja schon bei den wirtschaftlichen Möglichkeiten an. Außerdem war 96 über ein Jahrzehnt lang dauerhaft in der 1. Liga, hatte mal ein schlechtes Jahr und musste runter, ist aber gleich wieder hochgekommen. 96 wird von jedem erst genommen. Zu meiner Zeit bei 96 war die Bundesliga noch ein Abenteuer, das ist nicht mehr so.

Dieser alternativlose Kurs von 96-Boss Martin Kind in Bezug auf den Aufstieg – ist das notwendig für abgestiegene Traditionsvereine?

Das kann nicht jeder Club stemmen. Deswegen zeigt das auch die Kraft von 96 und Martin Kind. Es war eine ganz besondere Situation. Man musste in diesem Jahr hoch, man musste die Kosten hochhalten. Man musste einem Salif Sané sagen, er darf nicht gehen, obwohl eine Ablöse von 10 Millionen Euro kolportiert wurde und man die in den Wind schreiben musste. Dadurch, dass der neue Fernsehvertrag in diesem Jahr aktiv wird, hätten die 96er den Anschluss verloren, wenn sie nicht aufgestiegen wären. Deshalb war es völlig richtig von 96, die volle Power reinzusetzen. Stuttgart hat es ja genauso gemacht. Man hat die gefühlte Schwäche der 2. Liga ausgenutzt.

​Lesetipp: Alle Jubelfotos vom 96-Aufstieg

96 feiert den Bundesliga-Aufstieg 2017 in Sandhausen

Die Roten feiern den Aufstieg in Sandhausen. Zur Galerie
Die Roten feiern den Aufstieg in Sandhausen. ©

96 hat dann ja auch in der 2. Liga noch mal alle Möglichkeiten ausgeschöpft – neuer Manager, neuer Trainer. Alles richtig gemacht?

Schwer zu sagen, ich glaube, dass auch der Daniel (Stendel, d. Red.) einen guten Job gemacht hat. Leider kann man nicht mehr beweisen, ob man auch mit dem alten Trainerteam aufgestiegen wäre. Man wollte vermutlich noch mehr Erfahrung auf der Trainer- und auf der Managerposition reinbringen, der Erfolg hat ihnen recht gegeben. André Breitenreiter und Horst Heldt haben einen guten Job gemacht, die haben auch eine gewisse Ruhe reingebracht. Es wurde eine Euphorie mit in die Bundesliga gebracht. Das erinnert mich ein bisschen an uns in Frankfurt in der vergangenen Saison, da gewinnt man Spiele, die man sonst nicht gewinnt – und plötzlich hat man einen Lauf.

Sind Frankfurt und 96 von den Möglichkeiten her vergleichbar?

Wir sind aus einem anderen Bundesland und haben deshalb eine andere Kultur. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial in Hessen und in Frankfurt speziell. 96 hat das auch – aber nicht in dieser Wucht. Und bei unseren Fans steckt auch eine gewisse Leidensfähigkeit drin. Insgesamt als Verein bewegen wir uns in der gleichen Ecke. 96 kann wirtschaftlich ein bisschen anders hantieren, ist da ein bisschen freier in der Entscheidung. 96 hat einen, der einfacher Geldmittel organisieren kann.

Das Thema 50+1 wird in Hannover kontrovers diskutiert – die Fans ziehen einen Stimmungsboykott durch.

Der schadet dem Team und ist kontraproduktiv. Das muss man ganz klar trennen. Dass man Protest zeigen kann und gegen etwas ist, finde ich legitim. Aber sollte man dafür die 90 Minuten nutzen? Ich finde nicht!

Das ist das Restprogramm von Hannover 96:

Samstag, 05. Mai, 15:30 Uhr: Hannover 96 - Hertha BSC. Zur Galerie
Samstag, 05. Mai, 15:30 Uhr: Hannover 96 - Hertha BSC. ©

​Lesetipp: Kommt es zum endgültigen Bruch bei 96 mit den Fans?

Die Fans sagen: Wie sollen wir unseren Protest denn sonst äußern, wenn nicht im Stadion?

Ich sehe das jetzt mal ganz sachlich: 96 hat über ein Jahrzehnt gar nicht stattgefunden. Das hat dann einer in die Hand genommen, hat den Verein entwickelt, die Wirtschaftszweige miteinander verknüpft, selber enorm mit investiert. Und zwar über die Jahre hinweg … Man kann Kritik an Martin Kind üben, damit kann er umgehen. Aber ohne ihn wäre diese Entwicklung des Vereins nicht möglich gewesen. Er ist ja kein Ismaik (Investor von 1860 München, d. Red.), der den Laden total in den Keller fährt. 96 ist unter Kind ein gestandener Bundesligist geworden. Das sind die sachlichen Fakten. Manchmal muss man die Moral auch mal ein wenig hintendran lassen, sonst wird dein Verein in dem Geschäft aufgefressen. Dann spielst du wieder 3. oder 4. Liga.

Das heißt also: in der Geldliga mitspielen – oder nicht?

Genau, in der 2. oder 3.Liga wirst du auf Dauer das Stadion nicht vollkriegen und keine Begeisterung entfachen. Es geht ja nicht nur um die 90 Minuten auf dem Platz. Das ist ja ein großer Wirtschaftszweig dahinter. Hier geht es auch um all jene, die rund um den Maschsee die Würstchen verkaufen.

In der Saison 2014/15 boykottierten einige 96-Fans die Spiele der Profis.

Schon 2012 schwiegen die 96-Fans aus Protest - allerdings nur vereinzelt. In der Saison 2014/15 boykottierten Teile der Ultras dann aus Wut über die Nicht-Verlängerung ihrer Dauerkarten über mehrere Monate die 96-Spiele in der Bundesliga. Zur Galerie
Schon 2012 schwiegen die 96-Fans aus Protest - allerdings nur vereinzelt. In der Saison 2014/15 boykottierten Teile der Ultras dann aus Wut über die Nicht-Verlängerung ihrer Dauerkarten über mehrere Monate die 96-Spiele in der Bundesliga. ©

​Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews