20. März 2020 / 11:41 Uhr

Jörg Sievers im Interview (Teil 2): Was der 96-Pokalheld sich in Schottland nicht traut

Jörg Sievers im Interview (Teil 2): Was der 96-Pokalheld sich in Schottland nicht traut

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Jörg Sievers im zweiten Teil des Interviews: Der Co-Trainer beim Hearts of Midlothian FC erzählt über sein Abenteuer in Schottland. 
Jörg Sievers im zweiten Teil des Interviews: Der Co-Trainer beim Hearts of Midlothian FC erzählt über sein Abenteuer in Schottland.  © Twitter/dpa/Montage Behrens
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"Es war der richtige Schritt", kann Jörg Sievers jetzt mit Gewissheit sagen. Der langjährige Torwarttrainer von Hannover 96 ist Co-Trainer von Daniel Stendel in Schottland. Beim Heart of Midlothian FC fühlt er sich ziemlich wohl. Trotzdem gibt es in dem schönen Schottland Dinge, die sich der "Colt" nicht traut. Im zweiten Teil des Interviews spricht er über die Corona-Krise, die Beliebtheit von Daniel Stendel und das Liga-Niveau.

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Jörg Sievers, wie läuft der Trainingsbetrieb in Schottland?

Völlig überraschend wurde gerade der Spieltag abgesagt. Corona war tatsächlich gar kein so ein großes Thema, es gab im Prinzip keine Einschränkungen. Deshalb kam die Absage plötzlich. Der Trainingsbetrieb läuft aber noch ganz normal. Es gab nur den Hinweis, nicht so viele Hände zu schütteln. Das war eigentlich alles.

Fast überall wurde der Fußball eingestellt, letzte Woche spielen die Rangers vor 50 000 Zuschauern gegen Leverkusen. Wie bewerten Sie das?

Wie ich es sagte. Für mich war es keine Überraschung, dass die Partie mit Zuschauern stattfand. In der Gesellschaft war Corona noch nicht so ein ausgeprägtes Thema. Da gab es keine Diskussion, es kam allen normal vor. Dass zwei Tage später alles abgesagt wurde, war für alle dann eher überraschend.

Sie haben gesagt, nach 30 Jahren bei 96 wollten sie noch einmal ein Abenteuer wagen. Wie läuft das Abenteuer?

Sehr positiv. Schottland ist ein schönes Land, Die Schotten sind freundlich und offen. Der Verein, die Hearts, ist ein sehr professioneller Verein. Es war der richtige Schritt. Ansonsten hatte ich für Sightseeing oder einen Trip in die Highlands keine Zeit.

Auch deshalb, weil Sie als Co-Trainer mehr zu tun haben denn als Torwarttrainer?

Genau. Ich wollte etwas Neues machen, um was zu erleben und auszuprobieren. In der Position bin ich deutlich tiefer in der Materie als vorher.

Der erste Teil des Interviews

Sie wollten aber bestimmt nicht nur den Hütchenaufsteller machen?

Das wollte ich nicht, genau. Es ist immer vom Cheftrainer abhängig. Einige sagen: Du kümmerst dich um die Torhüter und ich mache den Rest. Andere sagen: Ich möchte deine Meinung zur Taktik hören. Als Daniel Stendel Cheftrainer war in Hannover, war ich auf dem Platz Torwarttrainer und in der Kabine Co-Trainer. Deshalb weiß ich genau, was Daniel möchte, welche Idee er hat. Von daher gibt es da keine Überraschungen.

Die Ergebnisse waren mal so und mal anders. Sieht man bei den Hearts den Stendel-Power-Fußball, den man aus Hannover kennt?

Naja. Es hängt von den Umständen ab. Nicht jede Mannschaft kann jedes System spielen. Man muss es schon modifizieren. Am Ende muss man vielleicht einen Schritt zurückgehen und die Taktik der Mannschaft anpassen. Das haben wir gemacht. Und es gab auch sehr gute Ergebnisse.

Aber die Hearts sind Letzter, es wird diskutiert, die Saison zu beenden und dass die Hearts absteigen sollen. Wie ist die Lage?

In der Tat hatten wir sehr gute Ergebnisse. Wir haben die Glasgow Rangers zweimal geschlagen, einmal in der Liga, einmal im Pokal. Wir sind also im Halbfinale. Das Derby gegen die Hibernians haben wir gewonnen. Ein Nachholspiel gegen den Vorletzten haben wir verloren. Am Ende sind noch acht Spiele zu machen.

Und was ist, wenn die Saison beendet wird?

Ich bin mir sicher, dass wir die Liga halten können. Was durch Corona passiert, kann ich nicht beeinflussen. Wir warten ab, wann und ob es weitergeht. Ich glaube nicht, dass es funktioniert, wenn man einfach die Saison absagt und wir absteigen. Das wird kein Verein dieser Welt akzeptieren. Dann werden die Gerichte bemüht. Ich hoffe, dass es eine andere Lösung gibt. Man muss uns die Chance geben, die Liga zu halten.

Daniel Stendel: Bilder seiner Karriere

Im Jahr 1999 kam Daniel Stendel zu Hannover 96 (hier ein Bild aus dem jahr 2000). Zur Galerie
Im Jahr 1999 kam Daniel Stendel zu Hannover 96 (hier ein Bild aus dem jahr 2000). ©

Aus Hannover kennen Sie Martin Kind gut. Jetzt haben Sie Ann Budge, eine „Frau Kind“ als Chefin. Haben Sie die Chefin kennengelernt?

Ja. Ann ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Wie alle Schotten, ist sie total nett, offen, völlig angenehm. Ich kann nur Gutes sagen.

Worin liegt der entscheidende Unterschied vom schottischen zum deutschen Fußball?

Auffällig ist das Verhalten der Fans. Die Hearts und deren Fans sehen sich als Traditionsverein in der Rangliste gleich hinter Celtic und den Rangers. In dieser Saison liegt man hinten in der Tabelle. Vor vier Wochen liegen wir zu Hause gegen den Tabellenvorletzten mit 0:2 zurück, nach 15 Minuten. Man stelle sich das in Deutschland vor. Die Fans wären, naja, sehr ungehalten. Ganz anders in Schottland. Die Fans stehen wie ein Mann hinter der Mannschaft. Dann kommt ein 2:2 dabei heraus und die Fans sind glücklich, zufrieden und angetan von dem Spiel. In Deutschland hätte es von außen Druck gegeben. Dort sagt man: Hey, 0:2 zurückgelegen, ausgeglichen, tolles Spiel. Die Fans stehen anders hinter dem Verein als in Deutschland.

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Und das Niveau?

Das Niveau ist geringer als in der 2. Liga in Deutschland. Ransgers und Celtic mal rausgenommen, aber die anderen liegen vom Niveau zwischen 2. und 3. Liga.

Warum sind die Hearts so abgerutscht?

Das hat immer Gründe. Wieso, weshalb, warum – da muss ich mich zurückhalten, weil ich nicht dabei war.

Was können Sie essen in Schottland?

Alles. Ich war überrascht, ich bekomme überall ganz normale Gerichte. Die schottischen Spezialitäten habe ich aber noch nicht probiert.

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Sie trauen sich nicht?

An Haggis (Schafsmagen mit Herz, Leber, Lunge) habe ich mich noch nicht rangetraut, das stimmt.

Und der Whisky?

Der ist natürlich gut. Aber die Schotten trinken in den Pubs wenig Whisky, deutlich mehr Bier.

In England war Daniel Stendel ein Kulttrainer. Wie ist es in Schottland?

Er ist sehr beliebt. Auch bei der Eignerin. Er sitzt fest im Sattel.

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