25. März 2020 / 07:37 Uhr

"So geht es nicht weiter": 96-Legende Hans Siemensmeyer fordert Gehaltskürzungen

"So geht es nicht weiter": 96-Legende Hans Siemensmeyer fordert Gehaltskürzungen

Uwe von Holt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
96-Ikone Hans Siemensmeyer spricht im SPORTBUZZER-Interview.
96-Ikone Hans Siemensmeyer spricht im SPORTBUZZER-Interview. © Madsack-Archiv
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Hans Siemensmeyer ist vielleicht der beste Spieler, den Hannover 96 je hatte. Im Interview spricht er über seinen Umgang mit der Coronapandemie, sein medizinisches Wundermittel und Gehaltskürzungen von Fußballprofis.

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Hans Siemensmeyer, nach traditioneller Einschätzung der beste Spieler, den Hannover jemals hatte, bleibt auch in der Corona-Krise am Ball – er verfolgt aufmerksam die aktuellen Entwicklungen im Sport, die Absagenflut, die Not der Klubs und Athleten. Zusammen mit seiner Frau Doris lebt der frühere 96-Star, Nationalspieler und Trainer in Arnum. Siemensmeyer ist mittlerweile 79 – und gehört damit zu einer vom Virus besonders bedrohten Altersgruppe. Ein Interview.

Guten Morgen, es ist halb zehn, hoffentlich habe ich Sie nicht geweckt. Lange schlafen ist ja ausdrücklich erlaubt in diesen Zeiten.

Ach was, ich stehe so früh auf wie immer. Es gibt ja trotzdem viel zu tun im Haus und im Garten. Und ich gehe auch jeden Tag raus, spazieren. Manchmal mit meiner Frau, aber meistens alleine. Das Wetter ist ja herrlich gerade, es gibt immer so viel zu sehen und Neues zu entdecken.

Was ist Ihre Strecke?

Jeden Tag anders, hier habe ich ja alle Möglichkeiten. Aber oft schaue ich bei der Baustelle an der neuen Umgehungsstraße nach, was sich so tut. 500 Meter müssen sie noch bauen, aber da passiert seit einiger Zeit nichts mehr. Im Sommer wollten sie fertig sein, jetzt frage ich mich aber: in welchem Sommer?

Vielen gilt er als der beste Spieler, den Hannover 96 je hatte: Fotos aus der Karriere von Hans Siemensmeyer

1965: Hans Siemensmeyer setzt in seiner ersten Spielzeit bei Hannover 96 einen Freistoß in die Dortmunder Mauer (mit Paul, Groppe, Emmerich und Lothar Geisler). Zur Galerie
1965: Hans Siemensmeyer setzt in seiner ersten Spielzeit bei Hannover 96 einen Freistoß in die Dortmunder Mauer (mit Paul, Groppe, Emmerich und Lothar Geisler). ©

"Wenn mir einer entgegenkommt, mache ich einen großen Bogen"

Fällt es Ihnen schwer, das Kontaktverbot einzuhalten? Sie kennen ja bestimmt jeden Dackel in Arnum.

Das halte ich aus. Wenn mir einer entgegenkommt, mache ich einen großen Bogen, das ist schon fast automatisch drin. Früher als Spieler habe ich ja eher den engen Kontakt gesucht, Zweikämpfe habe ich geliebt.

Haben Sie denn Ihr medizinisches Wundermittel schon genommen?

Ja sicher, jeden Morgen zum Frühstück. Seit dem 4. April 2016, das weiß ich noch genau, mische ich mir täglich einen gestrichenen Teelöffel mit Koriander, Kurkuma und Muskat, das habe ich aus einer schlauen Fernsehsendung.

... aber gegen das Coronavirus hilft das wohl nicht.

Leider nicht. Aber gegen Entzündungen. Mein rechtes Knie, meine Schultern, schon nach einer Woche hat es nicht mehr wehgetan. Das war vorher die Hölle. Die Mischung hilft mir wirklich, das ist keine Scharlatanerie.

Die zehn Spieler mit den meisten Partien für 96

Matthias Kuhlmey - 284 Spiele: Kuhlmey kam 1984 aus der eigenen Jugend von Hannover 96 in den Profikader und stieg mit dem Verein nur ein Jahr später in die Bundesliga auf. 1992 wurde er DFB-Pokalsieger. Zur Galerie
Matthias Kuhlmey - 284 Spiele: Kuhlmey kam 1984 aus der eigenen Jugend von Hannover 96 in den Profikader und stieg mit dem Verein nur ein Jahr später in die Bundesliga auf. 1992 wurde er DFB-Pokalsieger. ©

Gut wäre es aber auch, wenn es schnell ein Mittel oder eine Impfung gegen Corona geben würde. Sie gelten mit fast 80 Jahren als gefährdet im Falle einer Infektion.

Das weiß ich. Meine Frau und ich haben auch großen Respekt davor. Keiner weiß, wie sein Körper reagiert, wenn er von diesem Virus angefallen wird. Aber Angst habe ich nicht, meine Lunge ist noch ganz okay, glaube ich.

"So viel fehlt mir da nicht, wenn die eine Zeit lang nicht spielen"

Fühlen Sie sich von der Politik in der Krise denn ausreichend beschützt?

Die Politiker haben es nicht leicht gerade, aber ich finde, da wird immer noch viel zu viel gelabert. Zu viele Gremien und Kommissionen, das dauert alles zu lange. Wozu haben wir denn eine Kanzlerin, dann muss die auch mal was alleine durchdrücken. Man hört immer von der schnellen Hilfe für kleine Betriebe, aber wann kommt das denn wirklich an? Und wie viel Bürokratie steckt dazwischen?

Auch der Sport wird Hilfe brauchen. Sie vermissen bestimmt Ihren geliebten Fußball?

Ach, so arg ist das nicht. Ich habe natürlich immer die „Sportschau“ geguckt, und auch in der Zeitung verfolgt, was mein 96 so macht – aber so viel fehlt mir da nicht, wenn die eine Zeit lang nicht spielen.

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Macht 96 das Krisenmanagement denn gut nach Ihrem Empfinden?

Ich denke schon, das wirkt alles seriös. Martin Kind spielt da offenbar eine gute Rolle, er ist eben ein erfahrener Geschäftsmann – und hat ja zum Glück auch ein bisschen Geld im Rücken.

"Die haben doch den Schuss nicht gehört"

Noch nicht flächendeckend geklärt ist, ob und wie sich die Profis für die Rettung des Fußballs engagieren. Es geht aktuell um Gehaltskürzungen zum Überleben der Klubs.

Ich habe gerade gehört, dass sie bei den Bayern auf 20 Prozent ihrer Gehälter verzichten wollen, das ist doch ein Witz. Die verdienen 10 Millionen im Jahr und haben dann immer noch 8 Millionen, was machen die denn damit? Die haben doch den Schuss nicht gehört. Die lassen sich alles Mögliche in den Vertrag schreiben, sogar eine goldene Uhr, die sie bekommen, wenn sie ein Tor schießen – aber warum steht da nichts drin von Abzügen in Notlagen oder anderen Situationen, in die ihr Verein ja mal kommen kann. Das würden die feinen Herren wohl nicht unterschreiben. Ein Unding.

Die zehn besten Torjäger von Hannover 96

Walter Rodekamp - 44 Tore: Rodekamp spielte von 1963 bis 1968 bei Hannover 96 in der 1. Bundesliga. Beendete 1974 seine Karriere und verstarb 1998 viel zu früh im Alter von 57 Jahren. Zur Galerie
Walter Rodekamp - 44 Tore: Rodekamp spielte von 1963 bis 1968 bei Hannover 96 in der 1. Bundesliga. Beendete 1974 seine Karriere und verstarb 1998 viel zu früh im Alter von 57 Jahren. © imago

"Der Profifußball hat sich ins Uferlose entwickelt"

Bei 96 verdient aber keiner 10 Millionen im Jahr.

Die bekommen aber immer noch zigmal so viel wie ein normaler Arbeitnehmer. Auch die Spieler, die nicht mal Durchschnitt in der 2. Liga sind. So geht es jedenfalls nicht weiter, da muss es einen Neustart geben.

Auch bei 96?

Das wünsche ich mir und würde es dringend empfehlen. Der ganze Profifußball hat sich ins Uferlose entwickelt. 96 macht da auch mit, da fällt mir als bestes Beispiel dieser Jona­thas ein. 10 Millionen Ablöse, ein Irrsinnsgehalt, das darf es nicht mehr geben. Aber Martin Kind hat sich ja auch schon für diesen Fehler entschuldigt. Vielleicht wird wirklich einiges besser nach der Krise, das wäre mir ein Trost.

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