11. Mai 2020 / 13:03 Uhr

Kraftmeier mit Torgarantie: Durch einen Doppelpass kommt Jochen Heisig bei 96 an

Kraftmeier mit Torgarantie: Durch einen Doppelpass kommt Jochen Heisig bei 96 an

Ole Rottmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Derby vor ziemlich leeren Rängen: Gerade einmal 7600 Zuschauer wollen am 28. Februar 1993 diesen Zweikampf zwischen dem Hannoveraner Jochen Heisig (links) und Braunschweigs Ulf-Volker
 Probst sehen.
Derby vor ziemlich leeren Rängen: Gerade einmal 7600 Zuschauer wollen am 28. Februar 1993 diesen Zweikampf zwischen dem Hannoveraner Jochen Heisig (links) und Braunschweigs Ulf-Volker Probst sehen. © imago images
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"Egal, ob mit dem Knie oder dem Kopf", es war sein Job, Tore zu machen. Und diesen Job hat Jochen Heisig bei Hannover 96 zwei Jahre lang zuverlässig verrichtet. Der wichtigste Moment des heute 54-Jährigen im Dress der Roten war indes eine Vorlage für Karl-Heinz Geils. Denn durch die kam er richtig an.

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Als Jochen Heisig 1989 nach Hannover kam, lief es zunächst nicht besonders. Nach sechs Spielen war der Erstliga-Absteiger mit 2:10 Punkten Letzter, Trainer Slobodan Cendic musste gehen, Angreifer Heisig hatte noch kein Tor erzielt.

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Heisig macht Geils eine Woche lang glücklich

Am 7. Spieltag traf der Neuzugang vom Karlsruher SC beim 1:0-Sieg in Münster erstmalig für 96, und es ging langsam aufwärts. Heisig legte in den folgenden fünf Zweitligapartien vier Tore nach – und doch war sein persönlicher 96-Moment ein anderer: eine Torvorlage gegen Hessen Kassel.

„Ich hatte anfangs noch nicht so recht den Zugang zu den etablierten Spielern gefunden“, beschreibt der gebürtige Sinsheimer. Doch das änderte sich schlagartig. „Nach einem Doppelpass mit mir stand Karl-Heinz Geils alleine vorm Keeper und hat zum 2:0 getroffen“, erinnert sich Heisig. „Und er war anschließend eine Woche lang happy, weil er sonst nie ein Tor geschossen hat.“

Jubelpose: Jochen Heisig feiert
 1991 einen seiner zahlreichen Treffer für 96.
Jubelpose: Jochen Heisig feiert 1991 einen seiner zahlreichen Treffer für 96. © Ulrich zur Nieden

Als Vorlagengeber für den arrivierten Geils war Heisig im Mannschaftskreis angekommen. „Auf einmal war ich akzeptiert bei Karsten Surmann, Bastian Hellberg oder Siggi Reich – und durfte beim Fünf- gegen-Zwei auf der richtigen Seite mitmachen“, sagt der heute 54-Jährige.

"Ich war weniger der feine Techniker"

Und das zählte sogar für einen Mittelstürmer mehr als eigene Treffer, von denen er allerdings auch weiterhin reichlich erzielte. „Egal, ob mit dem Knie oder dem Kopf – es war mein Job, Tore zu machen. Ich war weniger der feine Techniker, sondern eher so der Kraftmeier“, beschreibt Heisig seinen Stil.

Doch einmal – 1990 – gelang ihm Spektakuläres. Beim SC Freiburg traf er nach langem Diagonalball von Michael Köpper volley in den Winkel. „Das wäre eine Nominierung zum Tor des Jahres wert gewesen“, sagt Heisig lachend. Kleines Problem: Es war kein Fernsehteam anwesend. Die 2. Liga stand seinerzeit noch nicht so im Fokus.

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Die ganz große Bühne brauchte Heisig ohnehin nicht. Er fühlte sich auch so richtig wohl in Hannover, konnte mit der Art der Menschen in der Stadt bestens umgehen, wo alles „etwas ruhiger ist und nicht so wie im Rheinland, wo man nach zwei Wochen jeden kennt, aber keinen so richtig“.

Sein Lieblingskollege? Heisig kann sich nicht entscheiden. Ob Christos Orkas („Er hatte immer gute Laune, wir haben am Anfang jeden Tag zusammen verbracht“), Nabil Maaloul („Er ist ein Mann von Welt und war mein Zimmerkollege“), Roman Wójcicki („Ein lieber Mensch und guter Freund“), Michael Schjønberg („Der konnte jeden Berliner mit zwei Bissen aufessen“) oder Mathias Kuhlmey, Jörg Kretzschmar, Bernd Heemsoth und Surmann – zu fast jedem fällt Heisig eine persönliche Anekdote ein. „Der Fußball lebt im Kopf“, sagt er. „Als wenn man ein Fass aufgemacht hätte, kommen die alten Geschichten.“

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Bilderstrecke: die 50 erfolgreichsten Torjäger von Hannover 96. ©

Nach zwei Jahren und 31 Ligatoren wechselte Heisig 1991 zu 1860 München. Nicht, dass er weggewollt hätte, doch von 96 kam kein adäquates Angebot zur Vertragsverlängerung. „Ich hätte fast alles unterschrieben“, sagt Heisig. Doch nun fand er sich in Bayern wieder, „obwohl das Herz weiter bei einer anderen Mannschaft war“.

Er musste aus der Ferne mit ansehen, wie seine Ex-Kollegen unter Michael Lorkowskis Führung sensationell den DFB-Pokal gewannen. „Wer weiß, ob das auch geklappt hätte, wenn ich dageblieben wäre. Ich hätte es ja auch vergeigen können“, sagt Heisig und ergänzt verschmitzt: „Vermutlich hätten wir den Pokal nicht geholt, aber dafür wären wir aufgestiegen. Für die fehlenden sechs Punkte hätten meine Tore gereicht.“

Mit Lorkowski hatte er sich gut verstanden, Heisig schätzte dessen einfache Fußballphilosophie mit einstudierten Standardsituationen. „Wenn ihr mal nicht wisst, wohin, dann schießt den Ball zum Heisig. Der macht schon was Gescheites“, habe der Trainer mal gesagt.

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Und so lag es nahe, dass Lorkowski – mittlerweile beim FC St. Pauli – nach dem Abstieg der Sechziger bei seinem früheren Schüler wegen eines Wechsels vorfühlte. Heisig war zum Probetraining am Millerntor, doch ehe es zum Vertragsabschluss kam, war der Coach entlassen. Auf dem Rückweg aus dem Norden schaute Heisig in Hannover vorbei – und wurde erneut engagiert.

Doch mit Trainer Eberhard Vogel kam er nicht besonders gut zurecht. Nur noch drei Treffer gelangen Heisig in seinem letzten 96-Jahr. Zwischendurch war er sogar kurz aussortiert, ehe er zum Saisonende wieder ins Team rückte. Bei einem der letzten Spiele saß er gar als Ersatztorwart auf der Bank, weil dort Not am Mann war. „Ich war ja flexibel. Mir wurde sogar eine Vertragsverlängerung als zweiter Torhüter angeboten“, erzählt Heisig. „Stimmt wirklich. So was kann sich ja keiner ausdenken.“

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Bilder aus sieben Jahrzehnten 96-Fans. ©

Doch eine Zukunft im Kasten kam für ihn nicht infrage. So machte er mit 27 Jahren Schluss als Profi, kehrte in seine Heimat Baden-Württemberg zurück, studierte und ist heute als selbstständiger Investmentbanker in Heilbronn tätig.

Ab und an kickt er in der Traditionself des KSC. „Karlsruhe und 96 sind die Vereine, zu denen ich eine enge Bindung habe“, sagt er. Und die zu Hannover hat mit einem Doppelpass angefangen.