18. November 2020 / 09:04 Uhr

"Allen läuft die Zeit weg": 96-Talentechef Tarnat fürchtet verlorene Sportgeneration

"Allen läuft die Zeit weg": 96-Talentechef Tarnat fürchtet verlorene Sportgeneration

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sorgenvoller Blick: Michael Tarnat, Leiter der Nachwuchsleistungszentrums von Hannover 96, denkt an alle Sporttalente.
Sorgenvoller Blick: Michael Tarnat, Leiter der Nachwuchsleistungszentrums von Hannover 96, denkt an alle Sporttalente. © Florian Petrow
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Der Ball rollt nicht, verantwortlich dafür ist die Corona-Pandemie und der damit einhergehende Lockdown. Auch die jungen Fußballer von Hannover 96 werden um wertvolle Erfahrungen und Erlebnisse gebracht. "Es geht um eine ganze Sportgeneration. Allen läuft die Zeit davon", sagt Michael Tarnat, Leiter des NLZ von 96.

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Allein die Vorstellung, was alles möglich und zu erzählen wäre... Die Fußballtalente der U17 bei Hannover 96 hätten am Samstag ihr Spitzenspiel gegen Werder Bremen bestritten. Es sind ehrgeizige B-Jugendliche, 16 oder 17 Jahre alt, mit einer guten Chance, Meister in ihrer Bundesliga zu werden.

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„Das tut mir am meisten weh“, sagt ihr Trainer Lars Fuchs. „Sie werden es nicht erleben. Diese Chance kommt vielleicht nicht wieder. Und das ist genau das, was Bastian Schweinsteiger meint: die Memories.“ Viele Erinnerungen wird es nicht geben, weil der Lockdown zum zweiten Mal Erlebnisse verhindert.

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Von einem Spitzenspiel gegen die Bremer sind die 96-Teenager so weit entfernt wie der Gastronom von seinem Rekordumsatz. Die Jugendlichen dürfen nicht einmal trainieren. „Es gibt Bereiche, die es härter trifft als Fußballer“, gibt Fuchs zu. Dennoch verlieren die Jugendlichen Zeit – und der Trainer ebenso.

"Es geht um eine ganze Sportgeneration"

Fuchs hatte vor, sich 2021 für den Fußballlehrer anzumelden. Auch dieser entscheidende Karriereschritt für Fuchs verschiebt sich um mindestens ein Jahr. Die Plätze für die Trainermeisterprüfung des DFB sind begrenzt, es gibt nur 24 pro Jahr. Es wird für eine ganze Trainergeneration schwer, selbst für Fuchs, obwohl er Profi war.

„Es geht nicht nur uns so“, weiß der 96-Talentechef Michael Tarnat. „Die Jungs können nicht Fußball spielen. Das ist die eine Seite. Es geht um eine ganze Sportgeneration. Die Kinder können sich nicht bewegen, in keiner Sportart. Ich weiß nicht, ob das gut ist.“ Alle, die sich mit Fußball beschäftigen, befürchten den „Drop-out“ – Talente tropfen aus der Förderung, weil sie die Lust verlieren, nach zahllosen Videositzungen doch am Ball zu bleiben.

Dieser jungen Generation wird es schwerer fallen als früheren, sich in ihren Sportarten zu etablieren. Tarnat spricht an, was Eltern und Trainern Sorgen macht: „Allen läuft die Zeit weg. Uns ist allen daran gelegen, dass der Traum weitergeht, Fußballer zu werden.“ Und er sagt etwas Nachdenkliches, Persönliches: „Das geht auch deinem Sohnemann so, da bin ich sicher.“

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Hozan Partawie (SG Letter 05): Im Auswärtsspiel beim SV Türkay Spor Garbsen hat der 35-jährige Torhüter drei Elfmeter binnen drei Minuten pariert. Dafür wurde er mit 29,4 Prozent der Stimmen der Held der Woche. ©

Der Sohnemann ist neun Jahre alt und hat tatsächlich noch Zeit für seine Träume. Aber die Spieler der U19? Im letzten Jugendjahrgang entscheidet sich für viele, ob sie ihr Hobby zum Beruf machen können. „Die U19 war nach der ersten Pause sechs Monate ohne Pflichtspiel. Das hat man gemerkt“, sagt Tarnat. „Alle können natürlich nach den Trainingsplänen geradeaus laufen, aber die fußballspezifischen Dinge, davon haben sie vieles verloren.“

Wann geht es weiter?

Videotraining, Laufpläne, technische Aufgaben für daheim – viel mehr können die Trainer nicht tun. Fuchs ist „nicht der Typ für Videotraining und noch mehr Challenges, das war beim ersten Lockdown cool, aber das lässt sich kaum wiederholen“, sagt er. „Ich bin Trainer und kein Videoanimateur.“

Aber es gibt nicht viele Alternativen zum digitalen Zoom-, Skype- oder Jitsi-Training. Der Fußball-Lockdown macht in Niedersachsen und bei 96 alle Altersklassen dicht. Die U11-Spieler, die gerade erst nach vielen Sichtungen und Probetrainings das 96-Trikot tragen durften.

Die U14, die schon von Nationalmannschaft bei der U15 träumen, oder die U17 mit den Titelchancen und Perspektivgesprächen im De­zem­ber, die U19 und die U23 mit den Hoffnungen, Profi zu werden. Wichtiger für den Einzelnen war immer die Frage: Wie geht es weiter? Nun stellt sich das Problem: Wann geht es weiter? Oder überhaupt, mit mir, dem Fußball?

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Für die 96-Akademie kümmert sich der Hygienebeauftragte Dominik Suslik um Kontakt zum Gesundheitsamt, damit es weitergeht, zumindest mit dem Training. Der Leiter fürs Trainingsmanagement „macht einen super Job“, lobt Tarnat. Bei allem Drängen und Bitten sieht der 96-Talentechef „die Verantwortung, 250 Menschen sind sonst täglich bei uns. Das geht so jetzt nicht. Wir haben eine Vorbildfunktion, und der müssen wir gerecht werden.“

So gut es geht, durch die Zeit kommen

Der Weltpokalsieger dankt den Eltern, die sich mit der Stoppuhr zu Hause neben ihre Kinder stellen und die Trainingspläne umsetzen. Tarnat möchte, so gut es geht, durch die Zeit kommen, „bis der Impfstoff da ist“.

Bis dahin sorgt sich der frühere Nationalspieler um die junge Generation. „Die Kinder sitzen zum Teil acht Stunden in der Schule und müssten sich austoben können, auf dem Fußballplatz, beim Handball, beim Volleyball oder beim Eishockey. Das fehlt denen.“

Am Ende werden die Erlebnisse fehlen, die Erinnerungen, die Memories. „Wir quatschen heute noch mit den alten Kumpels von Aufstiegen und Erfolgen“, sagt Fuchs. Weder Fuchs noch Schweinsteiger hatten in ihrer Karriere einen Lockdown erlebt. Der jetzigen Generation bleibt die blasse Erinnerung an eine Zeit, als der Fußball verboten wurde. Davon wird sie erzählen.