14. April 2018 / 06:00 Uhr

Martin Kind im Interview: "Das wäre das Ende von Hannover 96 in der bestehenden Form"

Martin Kind im Interview: "Das wäre das Ende von Hannover 96 in der bestehenden Form"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Mitgliederversammlung im Blick: 96-Präsident Martin Kind im großen Interview.
Die Mitgliederversammlung im Blick: 96-Präsident Martin Kind im großen Interview. © Sielski-Press
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96-Präsident Martin Kind spricht vor der Mitgliederversammlung am Donnerstag über Änderungsanträge, seine Übernahmepläne und die aktive Fanszene von Hannover 96.

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Herr Kind, seit Wochen wird über die Mitgliederversammlung in der nächsten Woche debattiert. Warum ist die so wichtig, obwohl doch keine Wahlen anstehen?

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Wir wollen die Mitglieder mobilisieren und schauen, wie weit wir sie zum Kommen motivieren können, in diesem Jahr und auch in den Folgejahren. Unser Ziel ist auch, ein neues Versammlungs-Format zu etablieren. Wir wollen eine 96-würdige Versammlung gestalten.

Der Eindruck ist aber, dass es auf eine Entscheidungsschlacht zwischen Ihnen und Teilen der Fanszene hinausläuft. Da gab’s im vergangenen Jahr eine ganz schwierige Mitgliederversammlung, die für viel Ärger und sogar Klagen vor Gericht gesorgt hat. Wie wollen Sie eine Wiederholung verhindern?

Die letzte Versammlung war unkontrolliert, emotional und 96 nicht angemessen. Dadurch gab es Zufallsergebnisse, das darf sich nicht wiederholen. Die Mitglieder sollen wissen, dass es sich lohnt, zur Versammlung zu gehen, weil sie vom Programm her attraktiv ist und insbesondere, dass sie ihre Mitgestaltungsrechte nutzen. Wir wollen die Bedeutung und die Attraktivität des Breiten- und Amateursports betonen. Wir müssen ein Wir-Gefühl entwickeln.

Wird es sich nicht trotzdem vor allem um 50+1 und die Folgen drehen?

Ja, natürlich wird es dazu kommen. Deswegen stellen wir diese Diskussionen und Abstimmungen auch voran. Früher waren die Entscheidungen im letzten Teil platziert, da waren die älteren Mitglieder schon müde und sind nach Hause gegangen. Die Abstimmungen stehen am Anfang, danach können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren – und das sind die 16 Abteilungen.

Es gibt zwei gleichlautende Anträge auf Satzungsänderungen. Wie schätzen Sie die ein?

Anträge müssen mit einer Zweidrittel-Mehrheit angenommen werden. Diesen vorliegenden Satzungs-Änderungsanträgen kann man mit Vernunft nicht zustimmen. Der Grund ist einfach: Es gäbe dann keine Handlungsfreiheit mehr für den Vorstand. Das beinhaltet komplizierte Rechts- und Haftungsfragen. Das wäre das Ende von 96 in der bestehenden Form.

Wäre das für Sie der Anlass, um sich zurückzuziehen?

Das werden wir dann entspannt entscheiden. Wichtig ist: Diese Entscheidung hätte keinen Einfluss auf den Profifußball. Da kommt keiner ran.

Die Sportbuzzer-Redakteure Tobias Manzke (von links) und Andreas Willeke trafen Hannover 96-Präsident Martin Kind gemeinsam mit Hannover-Sportchef Carsten Bergmann zum großen Interview.
Die Sportbuzzer-Redakteure Tobias Manzke (von links) und Andreas Willeke trafen Hannover 96-Präsident Martin Kind gemeinsam mit Hannover-Sportchef Carsten Bergmann zum großen Interview. © Sielski-Press

Weiß der Tischtennis-Spieler und der Triathlet um die Bedeutung dieser Anträge?

Wir hatten vor einem Jahr das Problem, dass viele wussten, es geht um 50+1, was aber in den Abteilungen wenig interessiert hat. Deshalb waren die Mehrheitsverhältnisse kritisch. Die Szene hat ihre Leute mobilisiert und wir haben es dem Zufall überlassen. Deshalb versuchen wir in diesem Jahr auch, die Mitglieder umfangreich zu informieren und besser zu mobilisieren.

Wird das Ihre letzte Versammlung als Präsident des e.V.?

Es wird einen seriösen Übergang geben. Bis dahin sollte der Konflikt allerdings entschieden sein. Im nächsten Jahr wird der Aufsichtsrat gewählt, der dann den Vorstand bestimmt. Ich empfehle, dass dann eine Diskussion im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Strukturen von Hannover 96 geführt wird.

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Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

Wir haben 5800 Stimmberechtigte. Wir gehen davon aus, dass etwa bis zu 1500 Mitglieder kommen werden.

Wie groß ist die Opposition unter den stimmberechtigten Mitgliedern?

Wir schätzen sie auf 500 bis 600.

Welche Atmosphäre erwarten Sie?

Es wird angespannt sein, aber das kennen wir ja schon. Es muss auch klar sein – das ist eine Versammlung des e.V., nicht des Profibereichs. Die Anträge reduzieren sich aber auf 50+1 und die Markenrechte. Grundsätzlich werden in dieser Mitgliederversammlung auch nur die Themen des abgelaufenen Jahres dargestellt und diskutiert, thematisiert und nicht jedoch Entscheidungen, die in den Vorjahren getroffen wurden. Um das ganz deutlich zu sagen: Ich akzeptiere jede Entscheidung der Mitgliedserversammlung, welche Schlüsse ich daraus ziehe, ist ein ganz andere Frage. Wir werden für unsere Standpunkte kämpfen und sind optimistisch, Entscheidungen im Sinne von Hannover 96 zu erreichen.

Waren Sie überrascht, dass es keinen Abwahlantrag gibt?

Es gibt nach der Satzung zwei Möglichkeiten: Entweder wird der gesamte Aufsichtsrat abgewählt oder Einzelvertreter. Das träfe dann aber auf alle Aufsichtsratsmitglieder zu. Deshalb war es vermutlich eine Risikoabwägung der Opposition. Eine Abwahl wäre auch in keiner Weise angemessen.

Choreos, Spruchbänder, Schweigen: Die Proteste bei Hannover 96 in Bildern.

Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. Zur Galerie
Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. ©

Sie machen das jetzt seit 20 Jahren ehrenamtlich für den e.V., werden aber von den Ultras regelmäßig beleidigt. Vermissen Sie denn nicht Respekt und Anerkennung?

Es sind doch nur wenige im Verhältnis zu der Mitgliederzahl des Hannover 96 e.V. und den Stadionbesuchern, die sich so äußern. Die Ultras brauchen eine Plattform, das ist die HDI-Arena. Wenn sie sagen, wir lieben 96 und diese Mannschaft, dann erwarte ich, dass sie diese Mannschaft auch unterstützen, dann wäre es echte Liebe. Diese echte Liebe wird für Machtspiele missbraucht. Wenn sie mit mir ein Problem haben, sollen sie ich mit mir auseinandersetzen. Ich bin bereit dazu.

Nach der Podiumsdiskussion haben Fan-Vertreter behauptet, diese sei eine Farce und Alibi-Veranstaltung gewesen. Wie war es für Sie?

Das zu behaupten, ist überraschend und ungewöhnlich. Gastgeber und Veranstalter waren der Fan-Beirat und die Szene. Wir waren nur Gäste, sind hingegangen und haben in guter Atmosphäre alle Fragen beantwortet. Dass am nächsten Tag beim Fanszenetreffen entschieden wurde, den Stimmungsboykott fortzusetzen, spricht eher dafür, dass wir für eine Alibiveranstaltung benutzt wurden.

Führt das dazu, dass es eine unendliche Geschichte der schlechten Stimmung wird?

Diese Saison darf sich nicht wiederholen. Es kann ja nicht sein, dass maximal 1000 Leute 80 Prozent unserer Kapazitäten binden. Wenn es ein positives Ergebnis der Podiumsdiskussion gibt, dann war es der Vorschlag, ein gemeinsames Forum zu bilden. Den Vorschlag werden wir aufnehmen. Notwendig ist, verbindliche Spielregeln gemeinsam zu vereinbaren, die dann aber auch eingehalten werden müssen.

Sie haben früher Fans als Kunden bezeichnet. Würden Sie das immer noch machen?

Das war nicht so klug, ich bin ja lernfähig.

Das sind die Fan-Reaktionen auf den Stimmungsboykott bei Hannover 96:

Hendrik Staigis: Mich macht die Situation rund um Hannover 96 derzeit sehr traurig. Ich komme aber nicht umhin, dem Vorstand unter Martin Kind – bei allen Verdiensten um den Verein in der Vergangenheit – die Hauptschuld an dieser Situation zuzuschreiben. Zur Galerie
Hendrik Staigis: Mich macht die Situation rund um Hannover 96 derzeit sehr traurig. Ich komme aber nicht umhin, dem Vorstand unter Martin Kind – bei allen Verdiensten um den Verein in der Vergangenheit – die Hauptschuld an dieser Situation zuzuschreiben. ©

Der Knackpunkt für die Opposition bleibt, dass Sie 51 Prozent der Komplementär-GmbH von Hannover 96 übernehmen wollen ...

Ich will nicht, ich muss. Um die Geschäftsführung berufen zu können und Kapitalerhöhungen durchführen zu können, ist diese Übernahme notwendig. Es wäre mir lieber, die S&S würde übernehmen, aber das wird nicht genehmigt. Das werde ich aber noch mal vorantreiben.

Den Übernahme-Weg gehen Sie aber auf jeden Fall weiter?

Natürlich, sonst würde 96 mittel- und langfristig zu den Verlierern gehören, wenn wir überhaupt noch in der ersten Liga wären. Es gibt nur noch drei oder vier Bundesliga-Vereine, die Umsätze unter 100 Millionen Euro machen. Wir liegen aktuell bei 80 Millionen. Wenn wir kein Kapital zuführen, werden wir immer unter den letzten drei herumdümpeln, mit der Gefahr abzusteigen. Die Gesellschafter sind nicht bereit, Kapitalerhöhungen zuzustimmen, so lange 50+1 nicht geklärt ist. Dabei geht es nur um die Berufung der Geschäftsführung, die das Kapital bestimmen können muss. Darüber habe ich zwei Interessenten, die sich aber nur engagieren wollen, wenn 50+1 geregelt ist.

Woher kommt das notwendige Geld für den Umbau der Mannschaft, da ja noch kein Kapital zur Verfügung steht, weil über Ihren 50+1-Antrag nicht entschieden ist?

Alles was bei Abgängen als Transfererlöse erzielt wird, wird wieder investiert. Darüber hinaus sind drei Gesellschafter bereit und wissen, dass zusätzliche Entscheidungen notwendig sind. Hier gibt es Gestaltungs-Entwicklungsmöglichkeiten. Noch einmal, 50+1 muss geregelt sein. Wir brauchen dazu aber eine höhere Sicherheit der Entscheidungen, brauchen mehr Informationen, um das Risiko zu minimieren. Da müssen wir besser werden. Ich habe genug gelitten mit den Abstiegskämpfen, das will ich nicht mehr erleben.

Platt formuliert sagen die Kritiker, Kind nimmt uns 96 weg. Was antworten Sie denen?

Den vier Gesellschaftern der S&S gehört seit 2014 der Profibereich und die HDI-Arena. Hannover 96 e.V. hat auf wesentliche Entscheidungen der Zukunft, insbesondere Verkauf der Komplementär-GmbH, vollumfängliche Mitsprache-und Entscheidungsrechte. Wir nehmen nichts mehr. Die 96-Profis können auch gar nicht in fremde Hände übergehen. Erstens müsste der Verein zustimmen, zweitens müsste der Investor wieder ein 20-jähriges Engagement nachweisen. Dies wird nicht eintreten. Das Hannover-Modell ist so sicher und in sich geschlossen. Da kann kein Chinese oder keine Heuschrecke kommen.

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Von Carsten Bergmann, Tobias Manzke und Andreas Willeke