29. März 2018 / 08:07 Uhr

Für Hannover 96 war er nicht gut genug: Das große Interview mit Nationalspieler Marcel Halstenberg

Für Hannover 96 war er nicht gut genug: Das große Interview mit Nationalspieler Marcel Halstenberg

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Marcel Halstenberg hat den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft.
Marcel Halstenberg hat den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft. © imago/DeFodi
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In Hannover verkannten sie sein Talent vor Jahren, mittlerweile spielt Marcel Halstenberg (26) für RB Leipzig in der Champions League und fürs deutsche Nationalteam. Am Sonnabend sind seine Leipziger zu Gast bei 96. Halstenberg fällt verletzt lange aus, kommt aber mit in die alte Heimat. Im Interview spricht der Linksverteidiger über die Reha, Titelträume - und woran es bei 96 scheiterte.

Ende Januar haben Sie sich das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen, wurden operiert. Wie läuft es mit der Reha – und wie geht es Ihnen?

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Mir geht es sehr gut und ich arbeite hart an der Rückkehr. Es gibt Tage, da trainiere ich zweimal, mal einmal. Das ist natürlich auch davon abhängig, was mein Knie sagt, wie es sich anfühlt, ob es mal dicker wird. Bisher läuft alles aber richtig gut. Es sind neun Wochen seit der OP und das Knie fühlt sich fast schon wieder ganz normal an. Bei manchen Übungen merke ich mal ein Zwicken, aber keinen wirklichen Schmerz. Fahrradfahren geht ganz normal auf dem Ergometer, Treppensteigen auch. Alles kein Problem. Mein Reha-Therapeut, der sich in Leipzig täglich um mich kümmert, meinte auch: So wie es bisher verlaufen ist, ist es optimal.

Leipzig setzt gern auf die neuesten Trainingsmethoden und Entwicklungen. Hilft das auch in der Reha?

Das Gesamtpaket stimmt einfach in Leipzig. Ich kann täglich daran arbeiten, dass es besser wird, habe jemanden sehr Kompetenten an der Hand, der mir sagt, was ich zu trainieren habe. Da merkt man, dass es alles ein bisschen schneller wieder heilt und funktioniert. So was Professionelles habe ich in meiner Karriere jedenfalls noch nie erlebt. Ich habe natürlich vorher auch nicht in der 1. Liga gespielt. Aber als ich bei Dortmund in der zweiten Mannschaft war, habe ich ja auch ein bisschen mitbekommen, was für Möglichkeiten die Profis haben. Das war auch schon sehr gut, aber hier fühlt es sich für mich nochmal ein bisschen besser an, würde ich sagen. Da wird insbesondere von Ralf Rangnick viel getan, damit wir uns wohlfühlen und immer gut versorgt sind in jeglicher Hinsicht.

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Von Hannover 96 in die Nationalmannschaft: Die Karriere von Marcel Halstenberg in Bildern

Marcel Halstenberg wechselte 1999 mit acht Jahren von Germania Grasdorf in die Jugend von Hannover 96. Zur Galerie
Marcel Halstenberg wechselte 1999 mit acht Jahren von Germania Grasdorf in die Jugend von Hannover 96. ©

Was ist denn beispielsweise besonders gut in Leipzig?

Es wird einfach sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir immer 100 Prozent geben und uns auf Fußball konzentrieren können. Beim Trainingszentrum, aber zum Beispiel auch bei unserer Videoanalyse. Da bekommen wir IPads gestellt und önnen uns jeden Gegner und jeden einzelnen Gegenspieler angucken. Topszenen, Tore, das Offensivverhalten, das in der Defensive – alles. Es wird sehr viel investiert, von uns Spielern, vom gesamten Trainerteam und dem Stab. Obendrauf kommt, dass wir viele junge Spieler haben, die noch nicht so viel erreicht haben, aber sehr erfolgshungrig sind. Ich natürlich auch. Das ist wirklich etwas Besonderes, dass es für den Verein so schnell so steil bergauf ging – und auch für mich selbst. Das hätte ich mir so nicht mal erträumen können.

Und wie! Jogi Löw machte Sie zum Nationalspieler, beim 0:0 im Test gegen England im November spielten Sie 90 Minuten durch. Wie surreal war das?

Das ging schon mit dem Anruf los. Als er mich angerufen hat, musste ich erstmal drüber nachdenken, ob das jetzt wirklich der Nationaltrainer am Telefon ist. Man hat das ja schon mal gehört, dass der eine oder andere Spieler verarscht wurde. (lacht) Aber ich war mir dann schnell sicher und es war ein gutes, sehr interessantes Gespräch. Er hat mir gesagt, dass er meine Entwicklung verfolgt hat und mal persönlich auf dem Platz sehen möchte, wie ich es anstelle mit den ganzen anderen Nationalspielern. Das hat einfach Spaß gemacht, ich habe alles aufgesogen, was ging. Im Wembley-Stadion aufzulaufen war nochmal etwas Tolles obendrauf. Eine coole, ganz besondere Erfahrung gegen die Jungs aus England und in solch einem Team eine Rolle spielen zu dürfen.

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Bis zur Verletzung hatten Sie Chancen für die WM in Russland. Ist da der ganz große Traum geplatzt, oder holen Sie das einfach in vier Jahren nach?

Klar, als ich eingeladen wurde und gemerkt habe, ich kann auch auf diesem Level mithalten, da habe ich mir schon gewisse Chancen ausgemalt, im Sommer bei der WM dabei zu sein. Dann kam die Verletzung – aber das kann ich nicht ändern und muss mich damit arrangieren. Wenn ich wieder bei 100 Prozent bin, will ich mich auf jeden Fall anbieten und mir versuchen die Chancen einzuräumen, vielleicht die nächsten Jahre Nationalmannschaft spielen. Ich werde im September ja auch erst 27. (lacht)

Also bleiben Sie positiv trotz des Rückschlags?

Es war ein, zwei Tage wirklich hart, vor allem weil ich meinem Team nicht mehr weiterhelfen kann. Aber es hilft nicht, sich einzugraben. Ich blicke nach vorne, will einfach in Ruhe wieder fit werden. Dafür bekomme ich in Leipzig die nötige Unterstützung und die Zeit. Wenn alles gut läuft, kann ich hoffentlich die Vorbereitung mit den Jungs wieder komplett mitmachen und mich dann voll und ganz auf die neue Saison konzentrieren.

​"Ich fühle mich einfach unheimlich wohl"

Sie scheinen sich richtig gut zu fühlen mit der Rückendeckung bei RB, Ihren Vertrag haben Sie auch gerade vorzeitig bis 2022 verlängert. Was sind denn die nächsten Ziele?


Ich habe verlängert, weil ich mich einfach unheimlich wohl fühle hier und wieder angreifen will mit dem Team, wenn ich bei 100 Prozent bin. Ich hoffe natürlich, dass wir uns wieder direkt für die Champions League qualifizieren. Jetzt haben wir zum ersten Mal internationale Luft geschnuppert, das will man natürlich nur allzu ungern missen nächste Saison.

Im Juli 2017 heiratete der gebürtige Laatzener, Ex-96-Akteur und heutige RB-Leipzig-Profi Marcel Halstenberg seine Franziska in Gleidingen

Marcel Halstenberg und seine angetraute Franziska ernten den Applaus ihrer Hochzeitsgäste. Zur Galerie
Marcel Halstenberg und seine angetraute Franziska ernten den Applaus ihrer Hochzeitsgäste. ©

Kann Leipzig bald die Bayern angreifen und Meister werden?

Ich denke schon, dass wir in den einzelnen Begegnungen gerade letztes Jahr den Bayern Probleme bereitet haben. Dieses Jahr merkt man bei uns natürlich ein bisschen die Mehrfachbelastung mit dem internationalen Geschäft. Damit musst du erst mal umgehen, auch das gehört dazu, wenn man oben mitspielen will. Ich habe Respekt davor, dass Bayern München viele Jahre hintereinander trotz der Mehrfachbelastung auf Topniveau spielt, das gut wegsteckt und in der Liga trotzdem so dominant ist. An den Bayern kann man sich in jeder Hinsicht orientieren. Irgendwann einmal in meiner Karriere eine deutsche Meisterschaft zu gewinnen, wäre natürlich auch ein Traum.

​"Bei Slomka hatten es junge Spieler schwerer"

Heute reden Sie über Meisterträume. Dabei hatte man Ihnen zu 96-Zeiten vor sieben Jahren einen Abschied nahegelegt, weil es – so die Einschätzung damals – nicht reichen werde für eine Profikarriere. Ist die Genugtuung extragroß, dass sie es so weit gebracht haben?

Da schwingt keine Genugtuung mit gegenüber meinem ehemaligen Verein. Aber es war schon so, dass mir zu Zeiten, als ich in der U 23 bei 96 war, klargemacht wurde: Für diesen nächsten Schritt in die Profimannschaft sehe man nicht das Potential, das traue man mir nicht zu. Damals war Mirko Slomka Trainer bei den Profis, bei ihm hatten junge Spieler es schwerer, sich durchzusetzen. Da habe ich mich mit meinem Berater zusammengesetzt für einen Tapetenwechsel. Das hat ja zum Glück ganz gut geklappt.

Sie sind zu Dortmund II gewechselt in die Regionalliga, dort haben Sie mit den aktuellen 96-Profis Marvin Bakalorz und Florian Hübner zusammengespielt. Bei St. Pauli haben sie dann Philipp Tschauner und Sebastian Maier kennengelernt. Wie viele Whatsapp-Nachrichten haben sie diese Woche hin- und hergeschrieben?

Das ist wirklich ein lustiger Zufall, dass ich mit so vielen 96-Profis mal zusammengespielt habe. Wir haben noch Kontakt und schreiben ab und zu mal. Wie es dem anderen so geht und sowas. Aber speziell zum Spiel haben wir uns aber nicht ausgetauscht, Wetten haben wir auch nicht abgeschlossen, wie es ausgeht. Darüber spricht man dann doch eher weniger.

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Niko Gießelmann: Der linke Verteidiger wurde 1991 in Hannover geboren. Mit 15 Jahren wechselte er von der SC Langenhagen zu Hannover 96. Dort war er sechs Jahre aktiv, lief in der Reserve der "Roten" 74 Mal auf (15 Tore, 5 Vorlagen). Mit den Profis auf dem Feld zu stehen, war ihm nicht vergönnt. 2013 wechselte er zu Greuther Fürth, absolvierte 132 Spiele im "Kleeblatt"-Dress und ist über Fortuna Düsseldorf mittlerweile beim 1. FC Union Berlin gelandet. ©

Sind Sie denn am Sonnabend in Hannover im Stadion?

Na klar! Ich werde Freitag Richtung Hannover fahren und Samstag mit meiner Familie in Ruhe im Stadion das Spiel schauen.

Ihre Familie wohnt noch in Laatzen. Wie oft sind Sie den noch in der Heimat?

Genau, und auch mein Hauptfreundeskreis lebt in Hannover. Ich probiere schon, dass ich öfter mal in Hannover bin, um alle zu sehen. So zwei- bis dreimal im Monat – wenn der normale Spielbetrieb es zulässt. Durch die Verletzung war es jetzt schon häufiger und länger. Wenn man das mit dem Kreuzbandriss irgendwie etwas Positives abgewinnen will: ich hatte mehr Zeit in der Heimat. (lacht)

Träumen Sie denn davon, vielleicht irgendwann nach der Zeit in Leipzig nochmal für die Heimatstadt als 96-Spieler aufzulaufen?

Ein Traum? Das würde ich jetzt nicht sagen. Ich habe mir auch eigentlich noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was nach Leipzig kommen könnte. Als ich bei St. Pauli gespielt habe, gab es noch mal die Möglichkeit zu 96 zu wechseln. Ich konnte mir das gut vorstellen, in Hannover zu spielen, meine Familie und engen Freunde um mich zu haben. Aber es kam dann doch anders. Jetzt bin ich in Leipzig, ich habe mich für den besseren Weg entschieden. Es ist eher ein Traum, wie rasant sich für uns und mich alles nach oben entwickelt hat. So darf es gerne weitergehen. Über etwas Anderes mache ich mir überhaupt keine Gedanken.

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