29. Mai 2020 / 11:00 Uhr

"Was alles mitgenommen wurde ...": Als 96-Coach Kocak in Sandhausen nur rot sah

"Was alles mitgenommen wurde ...": Als 96-Coach Kocak in Sandhausen nur rot sah

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kenan Kocak erinnert sich noch gut an das letzte Gastspiel von 96 in Sandhausen und die feiernden Fans aus Hannover. Die Partie am Samstag werde aus einem anderen Grund eine Herausforderung. 
Kenan Kocak erinnert sich noch gut an das letzte Gastspiel von 96 in Sandhausen und die feiernden Fans aus Hannover. Die Partie am Samstag werde aus einem anderen Grund eine Herausforderung.  © Florian Petrow/Oliver Vosshage
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Das Auswärtsspiel in Sandhausen wird für Kenan Kocak und für Hannover 96 eine Reise in die Vergangenheit. Vor drei Jahren feierten die Roten gegen das damalige Team ihres heutigen Trainers des Aufstieg. Kocak sah damals nur rot - aktuell malt er angesichts der Vorbereitung ein wenig schwarz.

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Horst Heldt breitete seine Arme aus wie ein Schutzmann, um die rote Masse vor dem Abpfiff zu stoppen. Aus! Heldt pfiff zum Platzsturm. Die Fans zündeten Bengalofeuer, sangen Lieder für Derbyheld Niclas Füllkrug, Saaaaalif Sanééééé surfte auf einer Menschenwelle weit über der Erde. Hannover 96 tanzte den Sandhäuser Rasen kaputt. Nach dem 1:1 am 21. Mai 2017 war 96 wieder Erstligist. „Nie mehr 2. Liga“, jubelten die Spieler. Es kam anders, aber das interessierte damals niemanden.

8000 Hannoveraner in der Kurpfalz

Die Spieler feierten, flogen im Aufstiegs-Charter zurück nach Hannover. Fans, 8000 sollen es gewesen sein, entführten Rasenstücke und das „Hardtwaldstadion“-Schild. „Was alles mitgenommen wurde aus Sandhausen ...“, wundert sich Kenan Kocak heute noch.

Kocak arbeitete an dem Tag als Trainer des SV Sandhausen, als erfolgreichster der Klubgeschichte. „Eine Art Schicksal, dass ich das damals habe erleben dürfen.“ Die Fügung führte ihn zweieinhalb Jahre später zu 96. Welche Bilder spuken in seinem Kopf, wenn er an Hannovers Feiertag zurückdenkt? „Ich habe damals nur rot gesehen.“

96 feiert den Bundesliga-Aufstieg 2017 in Sandhausen

Die Roten feiern den Aufstieg in Sandhausen. Zur Galerie
Die Roten feiern den Aufstieg in Sandhausen. ©

Aus schwarz-weißer Sandhausen-Sicht sei Kocak enttäuscht gewesen über das Unentschieden. „Wir waren klar die bessere Mannschaft“, erinnert er sich. „Wir“, das war Sandhausen. Eine andere persönliche Ära, ohne Athletiktrainer und Videoanalyst, „nur der Gerhard Kleppinger und ich“, sagt Kocak. „Kleppo“ ist 62 Jahre alt und immer noch Co-Trainer in Sandhausen. Macher blieb der Boss Jürgen Machmeier, Manager ist Mikayil Kabaca, „der ein guter Freund von mir ist“, erklärt Kocak.

Bei einem Sieg ist der Kopf aus der Abstiegsschlinge

Der 96-Trainer kehrt am Freitag heim, „ich komme aus der Region“. Am Samstag wird dort für ihn und 96 alles anders sein als vor drei Jahren. Immerhin hängt das Schild wieder, im Stadion wird aber Geisterstimmung herrschen. Geduscht wird getrennt und mit Wasser – statt im Rudel mit Bier.

Seinerzeit galten Geisterspiele als Strafmaßnahme für Klubs, deren Fans sich grob daneben benahmen. „Damals ging es um den Aufstieg für Hannover 96“, weiß der Trainer, „jetzt geht es ums Überleben. Es geht um jeden Punkt.“ Ein Punkt ist für 96 fast zu wenig, mit einem Sieg wäre der Kopf endlich aus der Abstiegsschlinge. Nur der Knoten im roten Faden des Geisterspielplans ist für 96 fast nicht zu lösen.

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Der Anreiseplan kommt weder hinten noch vorne hin. Die Corona-Tests sind am Freitag ab 8 Uhr gestartet, es folgen sieben Stunden Reisefolter im Mannschaftsbus mit Mundschutz. Am Donnerstag war nicht einmal klar, ob ein Abschlusstraining möglich sei - das hat sich mittlerweile zum Positiven geklärt.

"Das ist auf alle Fälle eine Herausforderung"

Kocak sieht eher schwarz, was die professionelle Vorbereitung für das Duell angeht. „Sandhausen hatte eine andere Regeneration, von Wiesbaden ist es eine andere Strecke, da haben sich einige Herren wieder was überlegt“, sagt der Trainer genervt. Sandhausen hatte 1:0 bei Wehen gewonnen, einen Tag mehr Pause und 340 Kilometer weniger zu fahren.

Intern gab es die Überlegung, bei einer Rast zwischen Hannover und Sandhausen ein Training einzustreuen. Der Plan, zwei Tage vorher anzureisen, platzte, weil der Corona-Abstrich an Ort (Hannover) und Zeit (ein Tag vor Matchday) gebunden ist. „Das ist auf alle Fälle eine Herausforderung“, sagt Kocak. Auch für ihn persönlich: Es wird ein seltsamer Trip in die Vergangenheit, für den Trainer und für 96.