31. Januar 2018 / 15:53 Uhr

Hannover 96 soll nicht sparen: DFB-Rasendoktor Paul Baader gibt den Roten Tipps

Hannover 96 soll nicht sparen: DFB-Rasendoktor Paul Baader gibt den Roten Tipps

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der Rasen in der HDI-Arena wird erneuert. Dr. Paul Baader gibt Hannover 96 Tipps für das neue Geläuf.
Der Rasen in der HDI-Arena wird erneuert. Dr. Paul Baader gibt Hannover 96 Tipps für das neue Geläuf.
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Dr. Paul Baader (65) ist Experte im Bereich Vegetationstechnik und Sportplatzbau, beim DFB leitet er die AG Rasen. Im Interview erklärt er das Rasen-Desaster von Hannover, wie sowas künftig zu vermeiden ist und dass 96 lieber an anderer Stelle sparen sollte. 

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Haben Sie schon mal so einen schlechten Rasen gesehen wie beim Spiel 96 gegen Wolfsburg?

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Er hat mich an einige Plätze in der zweiten Liga erinnert, viele sehen da auch ganz schlimm aus. Natürlich hat der Rasen zu dieser Jahreszeit nie die Qualität wie im Frühsommer, aber es ist schon aufgefallen, dass er sehr schlecht im Vergleich zu den anderen Stadien der ersten Bundesliga aussieht.

Der Rasen glich einer Sandkiste – ist es eigentlich ratsam, vor dem Spiel noch so viel Sand auf dem Grün zu verteilen?

Besanden gehört eigentlich zur klassischen Bodenpflege. Allerdings sollte der Sand auch stets etwas eingearbeitet werden. Man darf auch nicht zu viel auf einmal geben, sodass oben eine Sandschicht entsteht und dazu führt, dass die Spieler keinen richtigen Halt mehr finden und die Rasengräser mit dem losen Sand abgeschert werden.


Fotos zur Partie zwischen Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg:

Oliver Sorg und Martin Harnik gegen Wolfsburgs Marcel Tisserand. Zur Galerie
Oliver Sorg und Martin Harnik gegen Wolfsburgs Marcel Tisserand. ©

Warum war der Rasen in Hannover Ihrer Meinung nach in einem so schlechten Zustand?

Jeder Fertigrasen bringt ja ein Bodensubstrat mit. Wenn man das auf die Oberschicht, die sogenannte Rasentragschicht legt und diese Schichten in ihrer Körnung und organischen Zusammensetzung nicht gut zusammenpassen, gibt es Probleme mit der Wasserabführung. Dann ist es feucht – und wenn darauf gespielt wird, leidet der Rasen natürlich viel mehr, als wenn das Wasser gut abgeführt wird und die Fläche trocken ist.

Gut gepflegt muss der Rasen auf jeden Fall sein: sanden, lüften, lockern, schlitzen. Sind diese Maßnahmen gemacht worden? Hat der Rasen vielleicht irgendeine Krankheit gehabt? Im Herbst und Winter kommt es oft vor, dass Schneeschimmel auftritt. Es muss gar kein Schnee liegen, das passiert einfach bei niedrigen Temperaturen und feuchten Verhältnissen. Auch, wenn zuviel Stickstoff gedüngt wird, kann das Auftreten gefördert werden. Die Nutzungsintensität ist natürlich auch ein wichtiger Faktor: Wird darauf noch trainiert, das sind alles Dinge, die den Rasen sehr stark leiden lassen.

Der Rasen in der HDI-Arena wird ausgetauscht.
Der Rasen in der HDI-Arena wird ausgetauscht. © Andreas Willeke

Es war schon der zweiten Rasentausch in Hannover in dieser Saison, gerade mal fünf Spiele haben auf dem alten Rasen stattgefunden. Ist das normal?

Die modernen Stadien werden immer enger, es kommt immer weniger Sonne und Luftbewegung rein. In Hamburg und in vielen anderen Stadien müssen sie ja künstliches Licht einsetzen – das macht schon einiges aus. Die meisten Vereine wechseln schon einmal im Jahr den Rasen, manche auch öfter. Das hängt ja auch von irgendwelchen Sonderveranstaltungen ab, die den Rasen ruinieren können – Helene-Fischer-Auftritte oder dergleichen.

Was können die Vereine tun, damit der Rasen nicht so oft getauscht werden muss. Der neue Rasen kostet ja nach 96-Angaben 89 000 Euro.

Wichtig für Hannover ist, wenn man den Rasen jetzt wieder austauscht: Die Sode, die man sich jetzt holt, muss zu dem anderen Aufbau passen, insbesondere zur Rasentragschicht. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, dass nur aufs Geld geschaut wird. Es wird der billigste Anbieter von dem Fertigrasen genommen. Und man holt sich dann oft ein Substrat rein, das nicht zu dem sonstigen Aufbau passt. 89 000 Euro erscheinen mir ziemlich wenig für einen guten Rasen. Ich sage immer: 100 000 bis 120 000 Euro muss man rechnen bei einem Austausch.

In Bildern: Die Karriere von Felix Klaus

Dramatik am letzten Spieltag der Saison 2014/15: Hannover 96 gewinnt gegen den SC Freiburg mit 2:1 und schickt die Breisgauer die zweite Liga. Es ist bereits der zweite Abstieg für Felix Klaus (Mitte) nachdem es ihn bereits zwei Jahre zuvor bereits mir der SpVgg Greuther Fürth erwischt hatte. Zur Galerie
Dramatik am letzten Spieltag der Saison 2014/15: Hannover 96 gewinnt gegen den SC Freiburg mit 2:1 und schickt die Breisgauer die zweite Liga. Es ist bereits der zweite Abstieg für Felix Klaus (Mitte) nachdem es ihn bereits zwei Jahre zuvor bereits mir der SpVgg Greuther Fürth erwischt hatte. ©

Das Klima wird immer feuchter, gerade im Amateurfußball fallen viele Spiele wegen der schlechten Platzverhältnisse aus. Was ist die Zukunft – Kunstrasen oder zumindest Hybridrasen, der durch künstliche Fasern verstärkt ist?

Der Hybridrasen ist kein Allheilmittel, weil ja auch die Pflege stark angepasst werden muss. Da muss man auch überlegen: Ist das ökologisch betrachtet sinnvoll? Wenn man jetzt überall auf den Fußballplätzen anfängt, Kunststoff in den Boden einzuarbeiten, dann ist das zu hinterfragen. Was ich immer wieder feststelle: Es stehen zu wenig Mittel zur Verfügung, um die Plätze vernünftig zu pflegen. In den Amateurklassen ist zu wenig Geld da. Wenn man eine richtig gute Pflege hätte, dann hat auch der Naturrasen seinen Bestand und kann mit den Hybridrasen mehr als mithalten. Noch immer ist für den Fußballspieler der Naturrasen das Maß aller Dinge.

Welchen Tipp können Sie 96 geben, dass die Schlagzeilen nicht wieder von einem Sandkasten bestimmt werden?

Man kann denen auf jeden Fall empfehlen, einen Fachmann hinzuzuziehen, dass man vor dem Austausch mal eine Bestandsaufnahme macht. Den neuen Rasen sollte man sich vorher genau ansehen, beim Verlegen dann darauf achten, dass alles gut verzahnt wird, dass ein fließender Übergang besteht zwischen den Schichten – und dass dann die Pflege in Abstimmung mit dem Greenkeeper vor Ort optimiert wird.

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Kann der neue Rasen schon beim 96-Heimspiel am 10. Februar gegen Freiburg unfallfrei bespielt werden?

Das ist kein Problem. Ich berate gerade den 1. FC Nürnberg, der will auch nächste Woche seinen Rasen tauschen. In solchen Fällen wird ja eine sogenannte Dicksode verlegt, die bis zu dreieinhalb Zentimeter mächtig ist. Die ist so stabil, dass der Rasen gar nicht nach unten verwachsen muss, um ausreichende Scherfestigkeit zu erreichen. Mit einer gewissen Pflege, die vielleicht zwei bis drei Tage in Anspruch nimmt, habe ich ein Spielfeld, das ebenflächig und stabil ist.