11. Mai 2020 / 15:30 Uhr

Erst aussortiert, dann 96-Held: Als Thomas Brdaric die Wölfe im Alleingang abschoss

Erst aussortiert, dann 96-Held: Als Thomas Brdaric die Wölfe im Alleingang abschoss

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Thomas Brdaric (links) lässt den Wolfsburger Miroslav Karhan einfach stehen.
Thomas Brdaric (links) lässt den Wolfsburger Miroslav Karhan einfach stehen. © imago images/Eisenhuth
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Den 15. September 2006 bezeichnet Thomas Brdaric als "starken emotionalen Punkt in meiner Karriere". Vom alten Trainer aussortiert, wird der Stürmer für das Auswärtsspiel bei seinem Ex-Klub in Wolfsburg von Dieter Hecking wieder für die Startelf nominiert - und erzielt beim 2:1-Sieg beide Treffer. 

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15. September 2006, ein Freitagabend in Wolfsburg. Hannover 96 kommt als Tabellenletzter. Drei Spiele, drei Niederlagen, zuletzt die 0:3-Heimblamage gegen Aufsteiger Aachen. Trainer Peter Neururer kostet das den Job. Der Neue ist ein alter Bekannter: Dieter Hecking macht’s – er wird aus Aachen freigekauft.

Bobic kommentiert die Rückkehr seines Nachfolgers

Natürlich lässt sich Hecking gleich was Neues einfallen. Er stellt Thomas Brdaric, von Neururer aussortiert, in die Startelf. Und weil ja Geschichten von neuen Trainern meist besonders enden, erzielt Brdaric beim 2:1-Sieg an diesem Freitag beide Tore gegen seinen Ex-Klub Wolfsburg. Erst trifft er nach einem Abwehrfehler des VfL mit einem schönen Schuss aus der Drehung, später aus kurzer Distanz nach einer Hereingabe von Jiri Stajner.

Ex-Nationalstürmer Fredi Bobic, damals Kolumnist bei der Neuen Presse, kommentiert das so: „Was so ein Trainerwechsel bei den Spielern bewirken kann, hat man wunderbar am Fall von Thomas Brdaric gesehen. Diejenigen, die beim alten Trainer nicht auf der Liste standen, sind von einer Last befreit und bekommen einen Push. Für Thomas war das in Wolfsburg das Nonplusultra.“ Und Hecking sagt: „Thomas kann pro Saison zehn bis 15 Tore machen. So viele Spieler findet man davon nicht in der Liga.“

Top-Torschützen in Bildern: die 50 erfolgreichsten Torjäger in der Geschichte von Hannover 96 (Stand: März 2020)

Bilderstrecke: die 50 erfolgreichsten Torjäger von Hannover 96. Zur Galerie
Bilderstrecke: die 50 erfolgreichsten Torjäger von Hannover 96. ©

Am Ende stehen tatsächlich zehn Treffer in der Brdaric-Bilanz, in der Saison davor hatte er zwölfmal für Wolfsburg getroffen, davor zwölfmal für 96. Brdaric erinnert sich: „Dieses Auswärtsspiel in Wolfsburg war schon ein starker emotionaler Punkt in meiner Karriere.“

Einmal Hannover - Wolfsburg und zurück

Zur Saison 2003/04 war Brdaric als Leihgabe aus Leverkusen nach Hannover gekommen – als Dreingabe zu Rückkehrer Jan Simak. Nach Bobic, der in der Saison davor mit 14 Treffern zum Klassenerhalt geschossen hatte, wurde Brdaric der zweite Torjäger, den 96 aufpäppelte. Hannovers Boss Martin Kind damals: „Brdaric hatten wir nie auf der Agenda, für diesen Transfer wurden wir doch müde belächelt.“

Entgegen allen Erwartungen schlug der Stürmer groß ein, schoss zwölf Tore, feierte ein Comeback im Nationalteam – und war plötzlich begehrt. Er ging nach Wolfsburg. „Es lag nicht an mir, dass ich 96 verlassen habe, es war ja eine schöne Zeit“, sagt Brdaric rückblickend. Aber: „Das Angebot von 96 war damals weit von dem entfernt, was andere Vereine aufgerufen haben. Ich war Nationalspieler. In meinem Höhenflug ein schlechtes Angebot zu bekommen, das fand ich nicht in Ordnung.“

Mehr über Hannover 96

Also traf er auch in der nächsten Saison zweistellig, diesmal allerdings für Wolfsburg – kehrte dann aber wieder zurück nach Hannover. Warum? „Als ich während des Confed-Cups 2005 in einem Interview gefragt wurde, ob ich mir vorstellen können, wieder für 96 zu spielen, da habe ich Ja gesagt. Und da war ich bei den Fans in Wolfsburg unten durch.“ Für 1,8 Millionen Euro kaufte Hannover den verlorenen Torjäger zurück.

"Als Spieler ist alles emotional, ein Privileg"

„Die hätte man sich sparen können, wenn man mir ein Jahr vorher einen besseren Vertrag gegeben hätte“, sagt Brdaric heute. „Als ich dann zurück war, war es ein Gefühl, als ob ich nie weg war.“ Brdaric spielte unter Hecking noch mal groß auf. Dann aber bekam er Probleme mit seinem Knie und kam im Jahr darauf nur elfmal (fünf Tore) zum Einsatz. Schließlich musste er sich mehreren Operationen unterziehen und fiel so in der Saison 2007/08 komplett aus. Im Juli 2008 beendete er seine Karriere.

Bei 96 erlebte Brdaric die Trainer Ralf Rangnick, Ewald Lienen, Neururer und Hecking. Er ist dankbar für seine Karriere. „Als Spieler ist alles emotional, ein Privileg. Das weißt du erst richtig zu schätzen, wenn du nicht mehr spielst, wenn du raus bis aus diesem Circuit.“

Die große Liste aller Nationalspieler, die seit der Saison 2000/01 für Hannover 96 gespielt haben (Stand: 05. Oktober 2018):

<b>Fredi Bobic</b> ist 37-facher Nationalspieler. Für die DFB-Auswahl erzielte der damalige Angreifer zehn Tore. Von 2002 bis 2003 stürmte Bobic für 96. Zur Galerie
Fredi Bobic ist 37-facher Nationalspieler. Für die DFB-Auswahl erzielte der damalige Angreifer zehn Tore. Von 2002 bis 2003 stürmte Bobic für 96. © Frank Neßler

Zuletzt war der 45-Jährige Trainer beim Regionalligisten Rot-Weiß Erfurt. „Ich bilde mich weiter, bin breit aufgestellt. Ich bin ja Fußballer und kann mir viele Jobs vorstellen: Co-Trainer, Koordinator ... Es geht mir um Professionalität.“ Mit 96 („Herrn Kind und Herrn Tarnat“) ist er immer mal wieder in Kontakt, aber „Geld ist nicht mein Anspruch“. Er findet, dass sich sein Ex-Klub unter Trainer Kenan Kocak „stabilisiert“ habe: „Trainer und Sportdirektor sind ein Team.“ In der nächsten Saison müsse das Ziel aber Aufstieg lauten: „Du kannst keinem in Hannover verkaufen, dass du in der zweiten Liga nur mitspielen willst.“

"... aber ich auch"

Auch die Corona-Krise beschäftigt Brdaric: „Wir müssen uns im Klaren sein, dass sich unser Leben ab jetzt auf einem anderen medizinischen und hygienischen Niveau bewegt.“

Und dann möchte Brdaric noch etwas klarstellen. „Ich war der Spieler, der vorne reingeht, wo es brennt, der Instinktfußballer, den es heute kaum noch gibt.“ Und der einen Platz in der 96-Geschichte für sich reklamiert. „Ich habe ja nicht in den 70er- oder 80er-Jahren meine Tore gemacht, wo einem der Ball auf die Füße gefallen ist.“ Brdaric weiter: „Stajner, Schatzschneider oder Schlaudraff haben viel getan für 96, aber ich auch. Man sollte mich nicht hervorheben, aber auch nicht vergessen.“