05. Mai 2020 / 11:58 Uhr

Nach Saisonabbruch gekündigt: Hannover 96 serviert seine Tischtennisspieler ab

Nach Saisonabbruch gekündigt: Hannover 96 serviert seine Tischtennisspieler ab

Uwe Serreck
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Auf dem Weg der Besserung: Dominik Jonack kämpft mit Knieproblemen. Er verlässt 96 und wechselt nach Borsum. 
Auf dem Weg der Besserung: Dominik Jonack kämpft mit Knieproblemen. Er verlässt 96 und wechselt nach Borsum.  © Thomas Bork
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Dass die Männer-Mannschaft von Hannover 96 aus der 3. Liga zurückgezogen würde, war bereits vor der Corona-Krise bekannt. Unmut gibt es nun allerdings darüber, dass allen Minijobbern nach dem Saisonabbruch zum 30. April gekündigt wurde. Toptalent Dominik Jonack wechselt zum TTS Borsum.

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Dominik Jonack hat die Hoffnung, in absehbarer Zeit an die Tischtennisplatte zurückzukehren. Seit Dezember hat der Jugendnationalspieler von Hannover 96 wegen eines Patellaspitzensyndroms an beiden Knien nicht mehr trainiert. Eine Akkupunkturtherapie bei Dr. Antonius Kass, dem Arzt des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) sorgt allerdings für Besserung. „Links ist es fast wieder richtig gut“, freut sich der 19-Jährige.

"Rechts fehlt aber noch eine Menge"

In der vergangenen Woche konnte Jonack das erste Mal schmerzfrei Fahrrad fahren. Ein kleiner Schritt nach vorn, nachdem zu Beginn des Jahres selbst sitzen mit angewinkelten Knien Schmerzen bereitete. Die Verletzung ist eine Folge der hohen Belastungen im vergangenen Jahr, als Jonack im Juli bei der EM in Tschechien und im November bei der WM in Thailand für Furore sorgte. „Rechts fehlt aber noch eine Menge“, gibt er zu. „Deshalb werde ich erst wieder einsteigen, wenn ich wieder zu 100 Prozent fit bin.“

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Mit seinen Erfolgen im Nationaltrikot bescherte Jonack 96 eine bundesweite Aufmerksamkeit und hätte seine Karriere gerne in der Landeshauptstadt fortgesetzt. Daraus wird nichts. Bereits zu Jahresbeginn entschied der Verein, die Männermannschaft aus der 3. Bundesliga zurückzuziehen. Die sportliche Zukunft von Jonack ist dennoch sicher. Er wechselt zum Drittliganeuling TTS Borsum. Eine Entscheidung, die Lennart Wehking, der Landestrainer des Tischtennis Verbandes Niedersachsen (TTVN), begrüßt. „Ich habe dort auch gespielt. Borsum ist eine gute Adresse für junge Spieler, um sich zu entwickeln.“

"Richtig bitter"

Jonack bleibt so dem Leistungszentrum des TTVN als Aushängeschild auf jeden Fall bis zum Abitur im kommenden Jahr erhalten. „Wir werden diese Zeit gut gestalten“, verspricht Wehking. Das große Ziel ist es, dass sein Schützling trotz der Verletzung den Sprung in den U23-Anschlusskader des DTTB schafft. Die coronabedingte Zwangspause sieht Wehking insofern „positiv, weil der Trainingsrückstand auf die anderen Athleten nicht viel größer wird.“ Nachdem von Innenminister Boris Pistorius erste Signale kamen, hofft der Landestrainer, dass Mitte Mai der Trainingsbetrieb aufgenommen werden darf.

Enttäuscht ist er über das Aus der 96-Männer. „Richtig bitter. Für uns als Verband und für den Leistungssport in der Region Hannover.“ 96 war dank seiner hervorragenden Jugendarbeit ein Vorzeigeverein. Die Früchte dafür erntete man in den vergangenen fünf Jahren mit dem Aufstieg von der Landesliga (7. Liga) bis in die 3. Liga.

Enttäuscht: 96-Topspieler
 Maximilian Dierks wundert sich über den rücksichtlosen Umgang
 mit Sportlern.
Enttäuscht: 96-Topspieler Maximilian Dierks wundert sich über den "rücksichtlosen" Umgang mit Sportlern. © imago images/Eibner
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„Wir hätten hier etwas aufbauen können“, glaubt die Nummer zwei Maximilian Dierks. Mit 167 gemeldeten Spielern und insgesamt 28 Mannschaften bei den Erwachsenen und im Nachwuchs war 96 in der Anfang April infolge der Corona-Pandemie abgebrochenen Spielzeit der größte Tischtennisverein in Deutschland.

In der Außenwirkung schwer nachvollziehbar

Der Rückzug aus der dritten Liga ist für die sportliche Entwicklung ein empfindlicher Schlag. Befremdlich erscheint vor allem die Art und Weise, wie die Spieler – trotz bis zum 30. Juni laufender Verträge – abserviert wurden. Nach der erzwungenen Einstellung des Sportbetriebes wurden alle Minijobber zum 30. April gekündigt.

„Corona dafür als Vorwand zu nehmen, finde ich rücksichtslos. Ich bin sehr enttäuscht“, kritisiert Dierks. Juristisch mag das Vorgehen nicht anfechtbar sein, in der Außenwirkung ist es schwer nachvollziehbar, zumal acht Profis des Fußball-Zweitligakaders für die Angestellten im e.V. gespendet hatten. Der 96-Vorstand hatte um 28 000 Euro gebeten, stattdessen flossen sogar 32 000. Die Differenz ist größer als das, was die Tischtennisspieler noch bekommen hätten. Der resultierende Imageschaden für die Abteilung ist indes noch gar nicht absehbar.