22. März 2018 / 07:57 Uhr

96-Trainer André Breitenreiter: "Normalerweise hat man mit 34 Auswärtsspielen keine Chance"

96-Trainer André Breitenreiter: "Normalerweise hat man mit 34 Auswärtsspielen keine Chance"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
96-Trainer André Breitenreiter kann die Sonne vor dem Anstoß nicht unbeschwert genießen.
Hatte mit Hannover 96 ein erfolgreiches, erstes Jahr: André Breitenreiter. © Julian Stratenschulte/dpa
Anzeige

André Breitenreiter spricht im Interview über seine Trainerzeit bei Hannover 96, Präsident Martin Kind und  Lebensqualität in Hannover. Der 96-Coach warnt vor den Folgen des Stimmungsboykotts für künftige Transfers.

Anzeige

André Breitenreiter, nach einem Jahr bei 96 – war es schöner, schlimmer oder genau so, wie sie es sich erhofft hatten?

Anzeige

Sportlich hätte ich mir das Jahr nicht schöner vorstellen können. Wir haben den Aufstieg geschafft, den ersten Derbysieg gegen Braunschweig nach 19 Jahren geholt, sind dann gut in die Bundesliga gestartet und hatten bis heute nichts mit den Abstiegsplätzen zu tun. Auch wenn wir jetzt eine nicht so gute Phase haben, war’s ein Super-Jahr, das man nicht hätte besser voraussagen können

Drücken die letzten Niederlagen auf die Stimmung?

Solche Phasen gehören dazu, darauf haben wir immer hingewiesen. Aktuell haben wir noch sieben Punkte Abstand zum Relegationsplatz, das hätte vor der Saison jeder unterschrieben. Es geht jetzt darum, die Leistung aus dem Dortmund-Spiel zu bestätigen und möglichst zu punkten, damit wir zu keinem Zeitpunkt direkt in den Abstiegskampf verwickelt werden. Nach dem sang- und klanglosen Abstieg vor zwei Jahren wäre der Klassenerhalt in dieser Saison ein großer Schritt, sich in der Bundesliga wieder zu stabilisieren und die sportliche Zukunft des Vereins zu entwickeln.

Sie arbeiten in Ihrer Heimatstadt, was ja auch zu Problemen für die Familie führen kann. Hat sich die Entscheidung für 96 auch familiär bestätigt?

Das Jahr ist außergewöhnlich gut gelaufen, alles ist mehr als aufgegangen, was Leistung und Tabellensituation betrifft. Da ist es dann auch für meine Familie leichter. Es war schon eine wesentliche Überlegung vor der Zusage, ob und wie meine Familie betroffen sein wird. Sollte es mal nicht so laufen, kann es auch in die entgegensetzte Richtung ausschlagen. So sind wir aber alle glücklich. Es ist Lebensqualität, kurze Wege nach Hause zu haben und den Alltag mit der Familie gestalten zu können. Unser Ritual ist das Abendessen, zu dem wir alle zusammenkommen. Ich kann auch mit meiner Frau und den Kids an freien Tagen etwas zusammen un­ternehmen.

Ist das jetzt Ihre schwerste Phase bei 96?

Es ist insofern die schwierigste Phase, weil wir viermal nicht gepunktet haben. Aber die Wochen des Aufstiegskampfes waren wesentlicher aufregender. Da war der Druck höher, den alternativlosen Aufstieg zu realisieren. Da bestand bei jedem kleinsten Ausrutscher die Gefahr, dass wir nicht aufsteigen. Als ich gekommen bin, strotzte die Mannschaft nicht gerade vor Selbstvertrauen. Es war eine große Qualität der Jungs, zum Ende der Saison diese Siegesserie zu starten.

Das erste Jahr von André Breitenreiter bei Hannover 96 in Bildern:

Ich bin ein waschechter Hannoveraner, sagte André Breitenreiter bei seiner Vorstellung am 20. März 2017. Zur Galerie
"Ich bin ein waschechter Hannoveraner", sagte André Breitenreiter bei seiner Vorstellung am 20. März 2017. ©

Was wünschen Sich fürs zweite Jahr?

Dass es genauso erfolgreich wird wie das erste Jahr … (lacht).

Was wünschen Sie sich für die zweite Bundesligasaison?

Wir müssen erst mal die erste Saison zu Ende spielen. Wir dürfen nicht nachlässig werden und müssen wachsam bleiben. Da war das Spiel in Dortmund das richtige Signal. Leider ist uns ein berechtigtes Tor aberkannt worden, genau wie in Frankfurt ein unberechtigter Eckball spielentscheidend war. Uns fehlt im Moment das Spielglück, aber auch der letzte Pass, der richtige Abschluss.

Der Aufstieg gelang mit einer sehr kompakten Spielweise. In der Bundesliga haben sie das Spiel weiterentwickelt, es ist mehr auf Ballbesitz ausgerichtet. Müssen Sie jetzt in der heißen Endphase der Saison wieder einen Schritt zurück machen?

Keinen Schritt zurück gehen, aber wir brauchen die Kompaktheit, die uns in vielen Spielen der Hinserie ausgezeichnet hat. Zudem benötigen wir in jedem Spiel als Grundvoraussetzung Mentalität, Siegeswillen und Leidenschaft, damit wir überhaupt eine Chance haben gegen Mannschaften, die individuell sehr gut be­setzt sind. Wir haben Spiele jedoch gewonnen, weil wir auch den Mut hatten, Fußball zu spielen. Wir spielen variabel und sind schwer auszurechnen. Wir brauchen die Mi­schung aus beidem: kompakt bleiben und guten Fußball nach vorne spielen.


Über den vielen schönen Erfolgen der Mannschaft liegt ein Schatten – die Fan-Problematik. Wie beeinträchtigt das Ihre Arbeit?

Die Fans haben uns zum Aufstieg getragen. Besondere Spiele wie den Derbysieg oder das Spiel gegen Stuttgart mit dem parallelen Spiel in Bielefeld waren einzigartig, davon werden wir noch in vielen Jahren sprechen. Dann die Fahrt nach Sandhausen, das ganze Stadion in Rot – wenn ich mir das im Video anschaue, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Deswegen ist es sehr schade, dass die Problematik zum Stimmungsboykott geführt hat.

Warum positionieren Sie sich nicht in dem Streit?

Wir akzeptieren und respektieren jede Meinung, haben uns deswegen immer neutral verhalten, dabei bleiben wir. Es ist einfach nicht unser Thema. Trotzdem möchte ich festhalten, dass es den Verein ohne Martin Kind wohl heute nicht so geben würde. Es gibt Traditionsvereine, die sich nichts mehr wünschen würden als einen Präsidenten wie Martin Kind, der den Verein in den letzten 20 Jahren kontinuierlich entwickelt hat. Ich finde es einfach nur schade, dass die Mannschaft nicht unterstützt wird.

Neues zum Thema

Choreos, Spruchbänder, Schweigen: Die Proteste bei Hannover 96 in Bildern.

Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. Zur Galerie
Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. ©
Mehr zu Hannover 96

Wie nehmen das Ihre Trainerkollegen wahr?

Bei der Trainertagung zu Wochenbeginn hat mich jeder gleichartig begrüßt und gesagt: Ihr macht einen Super-Job, aber das ist ja so bitter ohne Fans. Das berichten die Trainerkollegen auch von den Spielen hier in Hannover. Das zeigt aber nur, wie außergewöhnlich die Leistung der Mannschaft zu bewerten ist. Normalerweise hat man mit gefühlten 34 Auswärtsspielen keine Chance, die Liga zu halten.

Felix Klaus geht nach Wolfsburg, Salif Sané könnte auch wechseln. Sorgen Sie sich um die neue Mannschaft?

Ich mache mir keine Sorgen, möchte aber auf folgende Situation hinweisen: Die Atmosphäre im eigenen Stadion ist ein wesentlicher Be­standteil bei der Entscheidungsfindung eines Spielers, ob er seinen Vertrag verlängert oder ob sich ein potenzieller Neuzugang für uns entscheidet. Darüber hinaus wollen wir uns weiterentwickeln und besser werden. Um das zu erreichen, müssen wir die Trainingsbedingungen optimieren, aber auch unsere Leistungsträger halten und die Qualität durch Neuzugänge im Kader steigern.

Ihr Vertrag läuft noch bis Juni 2019. Werden Sie nach der Saison über eine Verlängerung reden, wie es sich der Clubchef wünscht?

Ich bin Hannoveraner, fühle mich sehr wohl hier. Zunächst konzen­trieren wir uns aber ausschließlich darauf, die nötigen Punkte zum Klassenerhalt einzufahren. Alles andere kommt später …