15. November 2020 / 08:37 Uhr

96-Trainer Kenan Kocak über sein Team: "Die Maschinerie ist noch nicht am Laufen"

96-Trainer Kenan Kocak über sein Team: "Die Maschinerie ist noch nicht am Laufen"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Soll Hannover 96 in die Bundesliga führen: Trainer Kenan Kocak hat einen Vertrag bis Juni 2023 unterschrieben.
Soll Hannover 96 in die Bundesliga führen: Trainer Kenan Kocak hat einen Vertrag bis Juni 2023 unterschrieben. © Daniel Karmann/dpa
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Am Sonntag ist Kenan Kocak auf den Tag genau ein Jahr Trainer bei Hannover 96. Im zweiten Teil des großen SPORTBUZZER-Interviews verrät der Coach seine Ziele in Hannover und wie sein Verhältnis zu Martin Kind und Gerhard Zuber ist.

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Haben Sie denn bei den Transfers alle Spieler bekommen, die Sie haben wollten?

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Natürlich nicht – aber das ist ja ganz normal, dass man Absagen bekommt oder Spieler auch mal nicht in den finanziellen Rahmen passen. Wir haben übrigens trotz Pandemie einen Transferüberschuss erwirtschaftet. Es ist uns im Trainerteam gelungen, Spieler, die vor meiner Zeit vielleicht viele nicht mehr so richtig auf der Rechnung hatten, an die Bundesliga heranzuführen. Dadurch konnten wir bei Transfers mehr Geld einnehmen, als wir ausgegeben haben.

Wenn ich sage, Ihnen fehlt noch Ihr Wunschstürmer Serdar Dursun aus Darmstadt und dazu ein Spieler links in der Raute – sind das die Lücken, die noch geschlossen werden müssen?

Für eine Bewertung des Kaders ist es mir noch ein bisschen zu früh. Aber generell spielen bei einer Kaderplanung viele Faktoren eine Rolle, wir mussten zum Beispiel den Etat um mehrere Millionen herunterschrauben. Und wir hatten es wie viele andere Klubs ebenfalls nicht einfach in der Pandemie. Und trotzdem haben wir eine Mannschaft zusammengestellt, an die wir glauben.


Für 96-Chef Martin Kind ist klar, Sie müssen mit der teuren Mannschaft aufsteigen. Er sagt, Sie wollen das auch – aber öffentlich bekennen Sie sich nicht zu dem Ziel? Was denn nun?

Es stimmt von allem etwas. Herr Kind hat alles Recht der Welt, das zu sagen. Grundsätzlich muss man aber wissen, dass man nicht automatisch aufsteigt, wenn man vielleicht etwas mehr Geld hat, da muss man sich in der Fußballwelt nur umschauen. Ich muss machen, wovon ich überzeugt bin. Ich habe mich als Trainer von ganz unten hochgearbeitet und war überall erfolgreich. Ich weiß, was eine Mannschaft braucht. Da sollte man sich nur mal unsere Vorbereitung anschauen, die ich so noch nie erlebt habe. Ich habe im Schnitt mit 13, 14 Spielern gearbeitet, wir mussten immer wieder improvisieren. Peu a peu kamen Spieler dazu, darunter Schlüsselspieler. Dann kamen die Länderspielpausen dazu. Man kann die Automatismen, die Abläufe nicht von heute auf morgen verinnerlichen. Die Maschinerie ist noch nicht am Laufen. Aber ich werde nicht nach Ausreden suchen, sondern alles dafür tun, den Verein, die Stadt, die Fans und auch Martin Kind zufriedenzustellen.

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Am 14. November bestätigte Hannover 96 Kenan Kocak als Nachfolger von Mirko Slomka. Zur Galerie
Am 14. November bestätigte Hannover 96 Kenan Kocak als Nachfolger von Mirko Slomka. © imago/

Hat sich das Verhältnis zu Zuber verändert? Ist es abgekühlt oder intensiver geworden?

Weder noch. Wir hatten von Anfang an ein sehr gutes, vertrauensvolles und offenes Verhältnis, das besteht nach wie vor. Zwischen uns passt kein Blatt.

Macht es Ihnen Angst, wenn Kind wie zuletzt zwei Siege gegen Aue und Würzburg fordert, Sie das aber nicht erfüllen können?

Das bereitet mir keine Sorgen. Herr Kind kann sich das wünschen, ich habe damit kein Problem. Wir wollten das Spiel gegen Aue ja auch gewinnen, es hat nur ein Ball gefehlt, den wir über die Linie drücken müssen.

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Nach dem Derbysieg sind Sie quasi befördert worden zum echten Hannoveraner. Wie nehmen Sie am Stadtleben teil?

Hannover ist mittlerweile meine zweite Heimat geworden und meine Herzensangelegenheit. Ich bin sehr gern im Zentrum, ich fühle mich sehr wohl hier.

Sie haben eine Wohnung in Wettbergen, Ihre Frau und die beiden Kinder leben in Mannheim. Wie bekommen Sie das zusammen?

Wenn ich mal Zeit habe, fahre ich nach Mannheim. Wenn Schulferien sind, kommt die Familie her. Das bekommen wir ganz gut in den Griff. Ich will nicht, dass meine Söhne aus ihrem gewohnten Umfeld, von Freunden und deren Familien weggerissen werden. Deshalb haben wir einen Umzug nach Hannover erst für den Sommer geplant.

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Sie sind gesellschaftspolitisch aktiv, sitzen im Kuratorium einer Bürgerstiftung in Mannheim und machen sich gegen Rassismus stark. Wie beurteilen Sie jetzt zu Corona-Zeiten, dass der Profifußball spielen darf, aber vieles andere verboten ist?

Ich versuche, mich sozial zu engagieren, wo ich nur kann. Natürlich interessiert mich, was auf der Welt abgeht und außerhalb des Platzes passiert. Ich kann die Argumentation der Fußballkritiker auch verstehen. Aber ich vertraue den Gesundheitsämtern und der Politik, dass richtige Entscheidungen zum Wohle der Menschen getroffen werden. Natürlich habe ich auch die Sehnsucht nach Normalität und hoffe, dass alle Unternehmen mit so wenig Schaden wie möglich durch die Pandemie kommen.

Jetzt ist ein 96-Jahr vorbei, Ihr Vertrag läuft noch bis 2023 – wo steht 96 dann?

Wir wünschen uns alle, dass wir dann in der Bundesliga sind. Wir müssen uns aber vom Gedanken lösen, dass es ein gemütlicher Durchmarsch wird. Man braucht kleine Schritte und ganz viel Arbeit, um etwas dauerhaft auf die Beine zu stellen. Man benötigt Geduld und Widerstandsfähigkeit. Wir haben angefangen, an Prinzipien zu arbeiten und müssen uns jetzt Schritt für Schritt weiterentwickeln. Ich hoffe, dass wir den ersten Schritt gemacht haben und in den kommenden Jahren darauf aufbauen können. Ich weiß, wie das funktioniert und habe es bei meinen früheren Stationen erfolgreich hinbekommen. Ich hoffe, das gelingt mir auch bei 96.