23. April 2020 / 15:39 Uhr

"Lauf zum Wohlfühlen" statt Titelhatz: Tom Gröschel ist beim #stayathomemarathon dabei 

"Lauf zum Wohlfühlen" statt Titelhatz: Tom Gröschel ist beim #stayathomemarathon dabei 

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Im vergangenen Jahr triumphierte Tom Gröschel in Hannover über die Halbmarathon-Distanz. Am Sonntag wollte er eigentlich über die volle Länge siegen - jetzt gibt er sich mit weniger Kilometern zufrieden, ist aber beim #stayathomemarathon dabei.
Im vergangenen Jahr triumphierte Tom Gröschel in Hannover über die Halbmarathon-Distanz. Am Sonntag wollte er eigentlich über die volle Länge siegen - jetzt gibt er sich mit weniger Kilometern zufrieden, ist aber beim #stayathomemarathon dabei. © Matthias Abromeit
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Lange hat Tom Gröschel auf den Hannover-Marathon hingearbeitet. Sein großes Ziel war es, die Qualifi-Norm für die Olympischen Spiele in Tokio zu laufen - und quasi nebenbei den Meistertitel zu verteidigen. Daraus wird nun nichts, beim #stayathomemarathon ist der 28-Jährige trotzdem am Start.

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Die Laufschuhe hat Tom Gröschel fürs Erste gegen seine Uniform getauscht, der Corona-Pandemie wegen. Eigentlich wollte der zweifache deutsche Meister beim Hannover-Marathon starten und seinen Titel über 42,195 Kilometer verteidigen. Doch die Sportwelt steht still, das Riesenevent findet nicht statt – und der Landespolizist aus Mecklenburg-Vorpommern ist zurück im Job. Beim #stayathomemarathon macht der 28-Jährige aber auch ohne großes Training mit. Ehrensache.

"Seit Monaten mit diesem Gedanken aufgestanden"

Eigentlich wollte Gröschel sich in Hannover einen Traum erfüllen. Klar, auch die Titelverteidigung als deutscher Meister, vor allem aber die Quali-Norm für die Olympischen Spiele. „Hannover sollte das eine Rennen für mich sein: alles oder nichts“, erzählt der Meisterläufer über seine Tokio-Träume. „Seit Monaten bin ich jeden Tag mit diesem einen Gedanken aufgestanden.“

Der lautete: Normzeit – und dann ab nach Tokio. Doch die Spiele in Japan sind verschoben, und auch der Hannover-Marathon findet wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant statt.

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Stattdessen gibt es ein „virtuelles“ Laufevent: Knapp 8000 Teilnehmer haben sich schon gemeldet und wollen am Sonntag laufen. Aber nicht auf großer Strecke oder in Gruppen, sondern jeder für sich – ganz individuell und nur in Gedanken zusammen. Dabei geht es nicht um Rekorde, Bestzeiten oder möglichst weite Strecken, sondern ums Zusammengehörigkeitsgefühl.

Da lässt sich auch Gröschel nicht lang bitten und macht mit. Auch wenn er nicht mehr so richtig im Training und eigentlich ziemlich beschäftigt ist. Die Corona-Krise traf Deutschland, als der Marathon-Meister gerade fürs Trainingslager in Kenia war. Das endete vorzeitig – genau wie Gröschels Laufsaison, wenn die Lage sich nicht entspannt. Alles steht auf Pause.

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Auch die Prominenz darf bei so einem Mega-Event natürlich nicht fehlen. OB Stefan Schostok, Moderator Christoph Dannowski mit 96-Stürmer Niclas Füllkrug. Zur Galerie
Auch die Prominenz darf bei so einem Mega-Event natürlich nicht fehlen. OB Stefan Schostok, Moderator Christoph Dannowski mit 96-Stürmer Niclas Füllkrug. ©

„Am Anfang war das hart, aber meine Emotionen sind mittlerweile abgekühlt. Training ist zur Zeit eben nur Beiwerk“, erzählt das Lauf-Ass. „Mal Radfahren oder etwas Joggen, morgens ein bisschen Gymnastik oder Stabi-Übungen. Für mehr reicht die Motivation und die Kraft gerade nicht.“

Viel Freizeit hat Gröschel nicht

Die großen Läufe sind vorerst alle abgesagt, auch die Olympischen Spiele sind auf 2021 verschoben. „Alle Ziele sind ja erst mal weg“, sind Gröschel. Viel Freizeit hat er deshalb aber nicht. Die intensiven Trainingstage hat der Topathlet gegen intensive Arbeitstage eingetauscht.

Er gehört der Sportfördergruppe der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern an. Heißt: Drei Viertel des Jahres ist er Profisportler, ein Viertel im Polizeidienst. Jetzt trägt er eben wieder Uniform. Der Dienst ist dieser Tage außerdem besonders fordernd, verrät Gröschel: „Vor Ostern habe ich 60 Stunden gearbeitet.“

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Auch das vergangene Wochenende arbeitete er durch – als Corona-Kontrolleur. Statt zwei Trainingseinheiten pro Tag, Kenia, Physiobesuch und Regeneration steht er nun auf er Zufahrtstraße zur Mecklenburgischen Seenplatte. Urlaub zu machen ist Touristen wegen der Corona-Krise zurzeit eben nicht erlaubt, Gröschel und Kollegen haben ein wachsames Auge. Der schnelle Schritt vom Trainingslager in den Dienst sei eine „krasse Umstellung“ gewesen, sagt Gröschel. „Aber immerhin scheint die Sonne und ich bin trotzdem viel draußen.“

Beruf und große Leidenschaft von Tom Gröschel in einem Bild vereint.
Beruf und große Leidenschaft von Tom Gröschel in einem Bild vereint. © privat
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Die Arbeit könnte dazwischenfunken

Der Top-Marathoni nimmt’s sportlich – wie die Herausforderung beim #stayathomemara­thon. „Ich lasse mich von den negativen Einflüssen nicht runterziehen“, sagt Gröschel. Auch von Zeitproblemen nicht.

Denn der Polizeidienst könnte noch dazwischenfunken, dass der Marathon-Meister am Sonntag die Schuhe schnürt. „Aber dann laufe ich das eben einen Tag vor oder nach. Acht bis zehn Kilometer habe ich mir vorgenommen“, sagt Gröschel. Alles locker trotz Krise: „Es geht eben nicht um Rekordzeiten. Das wird ein Lauf zum Wohlfühlen.“