25. April 2020 / 12:52 Uhr

Scorpions-Meistertrainer Hans Zach erinnert sich im XXL-Interview: "Waren mit Hannover totaler Außenseiter" 

Scorpions-Meistertrainer Hans Zach erinnert sich im XXL-Interview: "Waren mit Hannover totaler Außenseiter" 

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Da ist das Ding: Trainer Hans Zach stemmt den Meisterpokal, Manager Marco Stichnoth (links) schaut gebannt zu. 
Da ist das Ding: Trainer Hans Zach stemmt den Meisterpokal, Manager Marco Stichnoth (links) schaut gebannt zu.  © Ulrich zur Nieden
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Am 25. April 2010 wurden die Hannover Scorpions unter Trainerlegende Hans Zach sensationell deutscher Eishockeymeister. Zehn Jahre später blicken wir auf diesen historischen Triumph zurück. Im großen Rückblickinterview erinnert sich Hans Zach an die Zeit vor zehn Jahren. 

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Hallo Herr Zach, wo erwischen wir Sie? Zu Hause wahrscheinlich?

Ja, ich sitze auf der Terrasse und schaue auf die Isar.

Das klingt schön. Wie geht es Ihnen?

Ich bin gesund, mir geht’s gut.

Wie erleben Sie die Corona-Zeiten?

Ich halte mich an die Maßnahmen und Vorgaben. Ich bin aber auch jeden Tag mit meiner Frau Slada unterwegs. Mindestens zwei Stunden. Entweder gehen wir spazieren oder sind mit dem Rad unterwegs. Es gibt so viele schöne und entspannte Touren und Wege bei uns.

Kennen Sie nicht schon jeden Grashalm, jeden Berg?

Naa, einige Berge sind noch nicht bestiegen. Die müssen noch her.

Zehn Jahre nach der Meisterschaft: Das machen die Titel-Helden der Scorpions heute

Peter Baumgartner: Der Verteidiger ließ seine Laufbahn beim EV Landshut ausklingen. In der Stadt hat er den Laden seiner Eltern übernommen: ein Etablissement. Zur Galerie
Peter Baumgartner: Der Verteidiger ließ seine Laufbahn beim EV Landshut ausklingen. In der Stadt hat er den Laden seiner Eltern übernommen: ein Etablissement. ©

Lassen Sie uns über die Vergangenheit reden. Vor genau zehn Jahren sind Sie mit den Scorpions deutscher Meister geworden. Mit welchen Emotionen blicken Sie zurück?

Das ist natürlich schon eine Weile her. Aber ich blicke sehr gern zurück. Ich bin ein positiver Mensch, habe immer positive Gefühle für alle meine Mannschaften, Spieler, Betreuer und Manager gehabt. Wir hatten tolle vier Jahre bei den Scorpions, tolle Spieler, tolle Fans. Ein sehr gutes Management. Und einen Herrn Papenburg, der das alles ermöglicht hat. Die Meisterschaft war dann die Krönung.

Haben Sie noch konkrete Bilder im Kopf? Gibt es Szenen oder Momente, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Den letzten Treffer von Tino Boos zum 4:2 gegen Augsburg vorm eigenen Tor direkt nach dem Bully in das leere gegnerische Tor habe ich noch im Kopf. Das hat er gut gemacht. Nach dem Spiel wollte mir unser Torwart Travis Scott noch den Puck geben, als Dankeschön und Erinnerung. Da habe ich gesagt, dass er den lieber selber behalten soll.

Es gibt das schöne Bild, wie Sie ein TV-Interview geben und Tino Boos Sie mit einer Bierdusche überrascht …

Das Foto ist natürlich klasse. Der Bierschirm sieht ja aus wie ein Heiligenschein (lacht).

Mit Heiligenschein: Kapitän Tino Boos verabreicht dem verdatterten Hans Zach eine kunstvolle Bierdusche.
Mit Heiligenschein: Kapitän Tino Boos verabreicht dem verdatterten Hans Zach eine kunstvolle Bierdusche. © dpa

Es war keine normale Saison. Erst Gehaltsverzicht, dann schlechter Start, Scorpions Tabellenletzter. Wie habe Sie mit dem Team die Wende hinbekommen?

Ein wichtiger Punkt war die Nachverpflichtung von Torwart Travis Scott. Der hat uns Rückendeckung gegeben. Irgendwann ist es einfach gelaufen, wir hatten keine Verletzten mehr. Dann hat alles gepasst.

Mussten Sie das Team noch besonders einschwören?

Das habe ich sowieso immer gemacht. Ich habe meine Teams immer heiß gemacht, an der Ehre gepackt. Es war aber auch wichtig, menschlich mit den Spielern umzugehen, damit sie in der Lage sind, das Beste aus sich rauszuholen. Vertrauen zu schaffen – das bindet die meisten Kräfte. Davon haben auch die jungen Spieler wie Andy Reiss und Sachar Blank profitiert, die ja danach eher in der Versenkung verschwunden sind. Bei mir haben sie immer gespielt.

Das Team hat den Titel exzessiv und wochenlang gefeiert. Sie haben sich zurückgehalten. Bewusst?

So habe ich meine Rolle immer gesehen. Bei jeder Meisterschaft habe ich mich im Hintergrund gehalten mit meiner Familie. Es fällt ja viel Druck ab, dem man immer Stand gehalten hat. Da will man eigentlich nur seine Ruhe, gut essen, schlafen. Aber das hat schon gepasst. Ich habe mich für die anderen riesig gefreut. Das wiegt mehr.

Wobei: Beim Meisterbankett in der Tui-Arena haben Sie mit Günter Papenburg das Niedersachsenlied kräftig mitgesungen. Im Gegensatz zu vielen Hannoveranern, die dabei waren, waren Sie ziemlich textsicher. Könnten Sie es immer noch singen?

Ja, Herrgott: „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukinds Stamm. Fest wie unsre Eichen halten alle Zeit wir stand. Wenn Stürme brausen übers deutsche Vaterland.“ Das vergisst man nicht.

Mit Pott und Familie: Hans Zach lässt sich in der Kabine von
 Ehefrau Slada (rechts) und Tochter Martina knutschen. 
Mit Pott und Familie: Hans Zach lässt sich in der Kabine von Ehefrau Slada (rechts) und Tochter Martina knutschen.  © Ulrich zur Nieden

Sie haben nach der Meisterschaft gesagt, der Titel mit den Scorpions sei Ihr schönster gewesen. Sehen Sie das heute auch noch so?

Natürlich hat jede Meisterschaft, auch die drei mit der DEG, ihren Reiz gehabt. Anders als mit Düsseldorf waren wir ja mit Hannover totaler Außenseiter. Das war natürlich besonders. Viele Spieler sind 2010 das erste Mal Meister geworden. Viele deutsche Spieler haben eine Rolle gespielt, das ist auch selten. Darum hat es mich damals besonders gefreut.

Es gab nie einen Strafenkatalog bei Ihnen, kein Straftraining, keine Geldstrafen. Wie und warum hat das so gut funktioniert?

Als ich Spieler war, wollte ich auch nicht, dass mich der Trainer bestraft. Und dass man jemandem Geld nimmt, geht sowieso nicht. Das war meine Maxime. Das haben wir durchgesetzt, und es hat gut geklappt. Bei uns ist nie jemand zu spät gekommen. Wenn 8 Uhr ausgemacht war, fährt der Bus um 8 Uhr ab. Selbst wenn Hans Zach nicht da ist, fährt der Bus um 8 Uhr. Es waren alle gleich. Ob Superstar oder Ersatzspieler.

Moment, Andy Reiss war mal zu spät und musste dann als Folge zwei Wochen lang jeden Tag zwei Stunden früher erscheinen und sich bei Ihnen im Büro melden – als erzieherische Maßnahme.

Genau. Und der David Wolf, der musste von Berlin aus mal mit den Betreuern nach Hause fahren. Nicht mit der Mannschaft. Nicht schön im Bus mit Essen, sondern bei den Betreuern mit den ganzen Klamotten. Alle Taschen auspacken und reintragen zu Hause. Was er denn zu essen kriegen würde, wollte er wissen. Ich habe ihm gesagt, mei, die werden schon irgendwo an einer Tankstelle halten.

Wolf war einer, der damals besonders wild gefeiert hat nach dem Titel …

Ja, auf den Wolf musste man aufpassen, dass sie ihn nicht einsperren. Der hat unheimliche körperliche und moralische Kräfte. Die hat er dann natürlich rausgelassen (lacht).

Sie sind seit dem Titel 2010 im Ruhestand – nur kurz unterbrochen 2014 vom Intermezzo in Mannheim. Vermissen Sie Eishockey, die Arbeit mit dem Team?

Nein, gar nicht. 25 Jahre Spieler, 25 Jahre Trainer im Profibereich – das reicht. Ich habe es ja in Mannheim gesehen, dass ich nicht mehr so stark bin, wie ich es war. Dass ich nicht mehr die Kraft habe. Die Intensität, mit der ich mich durchgesetzt und beschäftigt habe den ganzen Tag – das habe ich nicht mehr leisten können. Sich mit allen anzulegen, alles zu organisieren. Da war mir klar, es geht nicht mehr.

Mit dem Boss: Hans Zach innig
 mit dem damaligen Scorpions-Eigner Günter Papenburg. 
Mit dem Boss: Hans Zach innig mit dem damaligen Scorpions-Eigner Günter Papenburg.  © Ulrich zur Nieden

Aber Sie verfolgen schon noch ihren Lieblingssport?

Ach, ich liebe viele Sportarten. Eishockey ist nicht unbedingt mein Lieblingssport. Ich schaue auch gerne Radrennen, Tour de France zum Beispiel, Fußball, Handball, Biathlon.

Verfolgen Sie noch das Eishockey in Hannover?

Nein, das ist zu weit weg. Ich weiß, dass Andy Reiss und Sachar Blank noch spielen. Spielt der Andreas Morczinietz eigentlich noch? Der ist doch noch zu den Indians gewechselt.

Ja. Aber er hat letzte Saison seine Karriere beendet.

Aha. Mit Marco Stichnoth habe ich noch regelmäßig Kontakt. Der war ein sehr, sehr guter Manager für mich. Er war mal mit seiner Frau und seinem damals fünfjährigen Sohn bei uns in Bad Tölz. Wir sind auf den Berg hoch. Er meinte, dass ich seinen Sohn da niemals raufbringen würde. Da habe ich ihn so motiviert, dass er uns alle abgehängt hat. Da hat Marco gestaunt: „Das gibt’s nicht. Das hat noch keiner geschafft. So wird man auch deutscher Meister.“

Wir haben in unserer mehrteiligen Serie viele Anekdoten erfahren – haben Sie zum Schluss noch eine für uns?

Es ist alles erzählt. Und was wirklich ein Geheimnis ist, muss ein Geheimnis bleiben. Aber ich habe keins.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zach!

Gerne. Grüßen Sie mir Hannover!

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Zur Person:

*30. März 1949 in Bad Tölz. Zach war Metzgermeister, medizinischer Bademeister. Eishockeyprofi, Klubtrainer und Bundestrainer. Von 1970 bis 1984 war er Spieler, wurde 1982 mit Rosenheim deutscher Meister. Es folgten weitere Titel als Trainer mit der Düsseldorfer EG (1991-93) und 2010 mit den Scorpions. Als Bundestrainer arbeitete der „Alpenvulkan“ von 1998 bis 2004. Seit dem Intermezzo 2014 in Mannheim ist er endgültig im Ruhestand.