31. März 2020 / 12:12 Uhr

Verletzungen vorprogrammiert? 96-Athletiktrainer und Egestorf-Stürmer Sánchez Ahufinger fürchtet englische Wochen

Verletzungen vorprogrammiert? 96-Athletiktrainer und Egestorf-Stürmer Sánchez Ahufinger fürchtet englische Wochen

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Alltag bei Hannover 96: Félix Sánchez Ahufinger (links) klatscht U17-Torwart Liam Tiernan ab
Alltag bei Hannover 96: Félix Sánchez Ahufinger (links) klatscht U17-Torwart Liam Tiernan ab © Florian Petrow
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Félix Sánchez Ahufinger hat beruflich mit Profifußballern zu tun. Als Athletiktrainer hält der Winterneuzugang des 1. FC Germania Egestorf-Langreder die Reserve von Hannover 96 fit. Während sich die Regionalliga-Kicker komplett auf Fußball konzentrieren können, haben Amateurfußballer nicht so viel Zeit, um an ihrer Fitness zu arbeiten - und das könnte zu einem Problem werden.

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Es gibt Dienstleistungen, die in diesen Tagen gerne mal in Vergessenheit geraten, weil sie zurzeit nicht benötigt werden. Die Geheimtipps für den Urlaub von Reiseverkehrskaufleuten beispielsweise. Oder auch die selbstlosen Vorschläge zur Steigerung der Lebensqualität von Promotern in der Innenstadt. Félix Sánchez Ahufinger dagegen kann sich vor Arbeit und Anfragen momentan kaum retten. Der Winterneuzugang des Oberligisten 1. FC Germania Egestorf/Langreder ist Athletiktrainer von Beruf – und halbwegs fit durch die Coronakrise zu kommen, ist nicht nur für Leistungssportler von Interesse.

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Egestorfs Trainer Paul Nieber beklatscht den Führungstreffer. Zur Galerie
Egestorfs Trainer Paul Nieber beklatscht den Führungstreffer. ©

Sánchez Ahufinger arbeitet bei der 96-Reserve

Der 34-Jährige ist in seiner Funktion bei der U23 von Hannover 96 tätig, die in der Regionalliga um Punkte kämpft, wenn nicht gerade eine Epidemie für einen Wettbewerbsstopp sorgt. Das komplette Team der Reserve befand sich wie die Erstvertretung des Zweitligisten bis vergangenen Donnerstag in einer 14-tägigen Quarantäne, nachdem Timo Hübers und Jannes Horn positiv getestet worden waren. Sánchez Ahufinger machte das Beste aus der Situation und arbeitete Pläne für Problemfelder aus, für die sonst zwischen den regulären Trainingseinheiten und den Punktspielen kaum Zeit bleibt. „Mit zwei Spielern arbeite ich gerade an der Körperfettreduktion“, sagt der Spanier. „Ich habe zusätzliche Einheiten entwickelt, die sie zu Hause machen können.“

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"Möchte Beruf und Hobby nicht vermischen"

Die Frage, ob er auch bei seinem neuen Verein in Egestorf aktiv in die Trainingsgestaltung während der Coronazeit einsteigt, verneint der Sportverrückte der positiven Art. „Ich möchte Beruf und Hobby nicht vermischen. Für mich ist das Fußballspielen ein Mittel, um vom Job abzuschalten. Außerdem macht es Sascha Derr als Athletiktrainer bei der Germania sehr gut“, sagt er. Mit Egestorfs Trainer Paul Nieber hat Sánchez Ahufinger zusammen Sportwissenschaft studiert, daher fachsimpeln die beiden auch außerhalb der Krisenzeit über Belastungssteuerung oder das gerade angesagte Thema Neuroathletiktraining.

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Hannovers Marco Drawz wird vom Hamburger Kyriakos Papadopoulos attackiert. ©

Integration im Pausemodus

Daher ist der Neuzugang von der SG Blaues Wunder in erster Linie als Akteur ein Glücksgriff für die Deisterstädter. „Gerade als ich viel regelmäßiger trainieren und bei meinem zweiten Einsatz auch mein erstes Tor für Germania erzielen konnte, kam die Zwangspause“, sagt der Allrounder, der sich sowohl als Sechser als auch als Stürmer wohlfühlt. Speziell für einen Neuling sei die augenblickliche Situation ungünstig. Der ständige Kontakt zu den noch weitgehend unbekannten Teamkollegen fehlt. Obwohl er in den ersten Wochen bereits ein gutes Verhältnis zu den Mitspielern aufbauen konnte, hängt die Eingewöhnungsphase am Deister vorerst in der Warteschleife.

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"Natürlich hat man Angst"

Doch das ist nichts, was der Frohnatur Sorgen bereitet. Der seit acht Jahren in Deutschland lebende Andalusier ist in Gedanken oft bei seiner Familie in Jaén. Neben Italien hat das Coronavirus Spanien innerhalb Europas bislang am härtesten getroffen. „Gott sei Dank hat sich bisher niemand aus meinem engsten Kreis infiziert, meinen Eltern geht es gut“, sagt Sánchez Ahufinger. „Aber natürlich hat man Angst um seine Großeltern, Tanten und Onkel, die aufgrund ihres Alters gefährdeter sind.“ Die Situation in Deutschland sieht er vergleichsweise noch nicht so besorgniserregend wie in seiner Heimat: „Ich hoffe, wir können hier aufgrund der früher ergriffenen Maßnahmen schneller zur Normalität zurückkehren.“

Wichtiger als der Chefcoach?

Außergewöhnlich ist bei den Profivereinen auch die Stellung des Athletiktrainers in Zeiten von Ausgangssperren und Dauerbelagerung der eigenen vier Wände. „Praktisch sind wir es, die das Training zu Hause planen und umsetzen“, sagt der 34-Jährige. Nach der Quarantäne dürfen die 96-Spieler zumindest wieder draußen laufen. „Über GPS-Apps überprüfen wir, wie intensiv die Jungs ihrem Trainingsplan folgen. Kontrolle ist daher häufig Thema in meinen Gesprächen mit dem Chefcoach“, sagt er.

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Egestorfs Tigrinho (rechts) will dem Bersenbrücker Santiago Aloi den Ball abluchsen. Zur Galerie
Egestorfs Tigrinho (rechts) will dem Bersenbrücker Santiago Aloi den Ball abluchsen. ©

Doch während sich die U23-Kicker von Hannover 96 komplett auf den Fußball konzentrieren können, sind seine Mitspieler in Egestorf Amateure und haben neben ihrem Beruf oder dem Studium nicht so viel Zeit, um schnell wieder fit zu werden. „Nach zwei bis drei Wochen mit geringer Trainingsbelastung entwöhnt sich die Muskulatur zunehmend“, sagt der Sportwissenschaftler. Insbesondere bei Rhythmuswechseln oder Sprungaktivität sei verstärkt Vorsicht geboten. Zehn bis 20 Tage intensiver Trainingsarbeit wird auch im Amateursport nötig sein, um in Sachen Fitness wieder in die Spur zu kommen.

"Amateurfußballern wird die Zeit zur Erholung fehlen"

Sollte sich der Verband dafür entscheiden, nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs viele Begegnungen im Drei- bis Vier-Tage-Rhythmus nachzuholen, sind Verletzungen programmiert. „Den Amateurfußballern wird die Zeit zur Erholung fehlen, die Profis neben ihren Trainingseinheiten haben“, sagt Sánchez Ahufinger. Das werde eine der großen Herausforderungen im kleinen Fußball werden, wenn die Coronagefahr besiegt ist.