17. April 2020 / 15:37 Uhr

Hannovers Vereine rufen nach Hilfe: "Ein Signal für uns vom Land wäre schön"

Hannovers Vereine rufen nach Hilfe: "Ein Signal für uns vom Land wäre schön"

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kämpfen für den Sport: Mareike Wietler (großes Bild) vom VfL Eintracht hofft auf Unterstützung aus der Politik. TKH-Chef Hajo Rosenbrock (kleines Bild, rechts) sieht akute Gefahr nach dem Sommer, Heiner Bartling nimmt die Politik in die Pflicht und erwägt einen Rettungsfonds.
Kämpfen für den Sport: Mareike Wietler (großes Bild) vom VfL Eintracht hofft auf Unterstützung aus der Politik. TKH-Chef Hajo Rosenbrock (kleines Bild, rechts) sieht akute Gefahr nach dem Sommer, Heiner Bartling nimmt die Politik in die Pflicht und erwägt einen Rettungsfonds. © Florian Petrow
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An Sport in der Gemeinschaft ist in Corona-Zeiten nicht zu denken. Das Verständnis bei den Vereinen und Verbänden ist groß. Noch. Denn es fehlt an einer Perspektive mit Exit-Strategie aus der Krise. Vielen Vereinen droht durchaus die Zahlungsunfähigkeit, wenn die Zuschüsse von der Politik ausbleiben. Sie hoffen auf ein Signal. Ein Situationsbericht aus Hannover und der Region.

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Die Corona-Pandemie legt das öffentliche Leben lahm – und die Virus-Vollbremsung spüren natürlich auch die Sportvereine in Niedersachsen. Sie blicken sorgenvoll in eine ungewisse Zukunft. Noch halten die Mitglieder die Treue. Die große Frage aber: Wie lange bleibt das so, wenn im Verein auch in einigen Monaten kein gemeinsamer Sport möglich sein wird?

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"Noch sind die Mitglieder treu"

Die Krise macht kreativ. Gerade im Digitalen erfinden sich die Klubs in Hannover mit Video-Trainings oder Wettkämpfen in den sozialen Netzwerken neu. „Das geht jetzt“, sagt Mareike Wietler, „aber das hält garantiert nicht lange an.“ Die Chefin des VfL Eintracht, dem drittgrößten hannoverschen Verein, umtreiben Sorgen. Keine Feriencamps, keine Kooperationen mit Schulen, da­für aber Personal-, Instandsetzungskosten und Kredite – dem 2200-Mitglieder-Verein brechen die Einnahmen weg: „Noch sind die Mitglieder treu. Aber die Probleme kommen spätestens im Mai und Juni.“

Ähnlich verhält es sich bei Hannovers zweitgrößtem Klub, dem TKH. Mit treuen Mitgliedern, der Unterstützung der Kommune und ersten Möglichkeiten zur Lockerung des Sportverbots sei der Turn-Klubb „bis zu den Sommerferien gut handlungsfähig“, sagt TKH-Chef Hajo Ro­sen­brock: „Für die Zeit danach benötigen wir allerdings dringend schon jetzt eine Exitstrategie, um den Sportvereinsbetrieb ins Laufen zu bringen.“ Im schlimmsten Fall, also mit ei­nem Shutdown bis Jahresende, bedeutet das ein Minus von einer Viertelmillion Euro. Ein Schreckensszenario, das angesichts des Veranstaltungsverbots bis Ende August durchaus ein Stück weit realistischer ge­wor­den ist.

Hilfspaket auch in Niedersachsen?

Die Politik in Hannover re­agiert auf die Hilferufe und diskutiert über einen Rettungsschirm für die Vereine von 300 000 Euro, maximal 30 000 Euro pro Verein. Vom Land oder dem Landessportbund gibt es derzeit keine Finanzspritze. Während Länder wie Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen bereits Mil­lio­nen­pa­ke­te geschnürt ha­ben, wartet man in Niedersachsen noch auf die Ergebnisse ei­ner Umfrage unter den Ver­ei­nen. Darin wird bis zum 20. April abgefragt, wie sich die Corona-Krise auswirkt.

„Wir sehen die Notwendigkeit der Unterstützung eines zusätzlichen Unterstützungsprogrammes“, heißt es vom LSB. Dazu wolle man aber erst Fakten ermitteln. Ma­rei­ke Wietler begrüßt die Kommunikation mit dem Sportbund, betont aber auch, die Fragestellung sei grundsätzlich richtig, der Zeitpunkt aber passe nicht. „Wie gesagt: Die Pro­ble­me kommen später auf uns zu.“

Heiner Bartling gehört als Präsident des Niedersächsischen Turnerbundes (2800 Vereine, 781 000 Mitglieder) zu den einflussreichsten Sportfunktionären und Lobbyisten. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Stephan Weil bringt er seine Zukunftssorge zum Ausdruck. „Was ist, wenn die Krise länger dauert?“, fragt Bartling. Ihm geht es nicht um schnelle Antworten, er nennt auch keine spezifische Größenordnung an Finanzhilfen. „Ich möchte auf dieses Problem aufmerksam ma­chen und zeigen: Wir stehen hinter unseren Vereinen, wir kümmern uns um sie“, sagt er.

Auch für den Turnverband steht eine Menge auf dem Spiel: Es ist unklar, ob das Feuerwerk der Turnkunst, Europas erfolgreichste Turnshow und damit bedeutendste Einnahmequelle des Verbandes, zum Ende des Jahres überhaupt stattfinden wird.

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Konkrete Hilfe statt Gießkannenprinzip

So weit soll es nach Aussage des Innenministeriums nicht kommen. „Am 22. April wird es dazu eine Schalte des Ministers mit dem Präsidium des LSB geben. Natürlich steht das Ministerium auch mit den Vereinen und Verbänden selbst in engem Austausch und hilft bereits unbürokratisch und schnell, wenn es erforderlich ist.“ Im Klartext: konkrete Hilfe statt Gießkannenprinzip. „Was ja auch Sinn macht“, sagt Heiner Bartling und verweist auf das Sportfördergesetz, das das Land dazu verpflichtet, dem Landessportbund in diesem Jahr allein 35,2 Millionen Euro für seine Vereine, Verbände und Bünde zu überweisen. Und das unterscheide Niedersachsen von anderen Bundesländern, betont das Ministerium.

Im Klartext heißt das: Bevor das Land Niedersachsen weitere Rettungsmillionen zur Verfügung stellen will, muss auch der LSB seine Hausaufgaben ma­chen und aus dem bestehenden Etat Angebote entwickeln. Aus dem LSB-Präsidium heißt es dazu: „Die Sportförderrichtlinien gelten uneingeschränkt fort. Ein notwendiges zusätzliches Hilfsprogramm für Sportvereine hat damit nichts zu tun und ist ergänzend zu sehen.“ Klassische Pattsituation.

Einig sind sich Politik und Verband hingegen, dass es eine Exitstrategie für den Sport geben muss. Man sei überzeugt, heißt es an dem Ministerium, dass es gerade der Sport sein wird, der dabei helfen kann, die ersten richtigen Schritte Richtung Normalität zu gehen. Worte, die Mareike Wietler Hoffnung machen. Natürlich gebe es dringlichere Dinge momentan, Wirtschaft, Bildung: „Doch ein Signal für uns vom Land wäre schön, schließlich haben auch wir eine große gesellschaftliche Aufgabe.“

von Carsten Bergmann

Hannover 96

Sebastian Kramer (rechts), Vorsitzender des Ge­samt­ver­eins Hannover 96.
Sebastian Kramer (rechts), Vorsitzender des Ge­samt­ver­eins Hannover 96. © Nancy Heusel

Seit Wochen sind die 96-Verantwortlichen im täglichen Austausch – Aufsichtsrat, Vorstand und Geschäftsführung haben eine Task Force gebildet. „Wir haben ein richtig gutes Krisenmanagement“, sagt Sebastian Kramer, Vorsitzender des Gesamtvereins. „Ich mache mir keine Sorgen um 96. Der Verein ist noch nicht grundsaniert, wird aber nicht an der Corona-Pandemie zugrundegehen.“

Das Gros der Mitarbeiter sind in Kurzarbeit geschickt worden – bis auf wenige Ausnahmen, beispielsweise im Marketing und der Buchführung. 96 stockt das Gehalt allerdings zu 100 Prozent auf, berichtet Kramer. Zu Beginn der Krise sei die Task Force die Punkte auf der Suche nach Einsparungen durchgegangen. Die finanziellen Mittel seien grundsätzlich gegeben, zumal die Mitgliedsbeiträge jeweils zu Beginn des Jahres eingezogen würden. Trotz der Krise gehe es auch um die Weiterentwicklung des Vereins und beispielsweise um die Frage: „Was brauchen wir, wenn es wieder losgeht?“, sagt Kramer.

Wie viele andere Vereine hoffe auch 96 auf die Solidarität der Mitglieder, bislang gebe es ein durchweg positives Echo. Und unter anderem eine Handvoll neuer Mitglieder in der jüngst gegründeten Fanabteilung. Dennoch ist noch nicht abzusehen, wie die Zukunft des Fitnesszentrums aussieht und wie sich die Mitglieder verhalten, wenn selbst im September an der Stammestraße noch nicht trainiert werden kann. Bislang habe es hier fünf Kündigungen gegeben, die monatlich möglich ist. Und sollte der Shutdown noch länger andauern? „Wir bewerten die Situation wöchentlich neu, haben alle Szenarien durchgespielt und die entsprechenden Maßnahmen vorbereitet“, sagt Kramer.

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Ob 96 die von der SPD geforderte Soforthilfe für Sportvereine in Höhe von maximal 30.000 Euro in Anspruch nehmen würde, müsse abgewägt werden. „Es gilt auch unter den Vereinen das Solidaritätsprinzip“, sagt Kramer. „Wir würden einem kleineren Verein nichts wegnehmen wollen.“

von Christoph Hage

TSV Neustadt

Riko Luiking, Vorsitzender des TSV Neustadt.
Riko Luiking, Vorsitzender des TSV Neustadt. © Florian Petrow

„Wir müssen uns auch als Verein danach richten, was geht. Wir hoffen, dass wir unser Sportangebot so schnell wie möglich wieder anbieten können“, sagt Riko Luiking, 1. Vorsitzender des TSV Neustadt. Weil zurzeit aber Sport in dem 2600 Mitglieder starken Verein in der gewohnten Form nicht funktioniert, setzen die Neustädter auf Alternativen. „Wir bieten unseren Mitgliedern Onlineangebote wie etwa Yogalivekurse und Youtube-Clips zum Nach- und Mitmachen an“, sagt Luiking.

Eine finanzielle Unterstützung wäre zwar willkommen, „wir waren aber vor der Krise ein gesunder Verein, was uns jetzt hilft. Allerdings müssen wir uns auf viel Neues einrichten, wie etwa eine veränderte Sponsorenlandschaft“, sagt der 47-Jährige.

von Christian Purbs

SV Odin

Armand Pampvos, Vorsitzender des SV Odin.
Armand Pampvos, Vorsitzender des SV Odin. © privat

„Noch stehen unsere Mitglieder treu zu uns. Aber die Plätze laden zum Sporttreiben ein, und keiner darf drauf“, sagt Armand Pampvos, Vorsitzender des SV Odin. Rund 500 Mitglieder hat der Spartenverein mit Schwerpunkt Rugby an der Graft in Herrenhausen, die Corona-Pause ist für Renovierungsarbeiten genutzt worden.

„Seit 1. April haben wir einen neuen Klubhauswirt, der konnte noch nicht eröffnen. Das Geld fehlt uns, die Lage ist schwierig“, betont Pampvos. Er hofft, dass Beiträge an die Verbände weiter gestundet werden können, wie das teilweise bereits geschieht. Viel helfe das aber nicht weiter. Einen Notfallplan hat Odin bisher nicht erstellt. „Wir warten sehnsüchtig auf Lockerungen, dass zumindest ein wenig Sportbetrieb wieder möglich ist“, betont Pampvos. „Und dass wir wieder die Gastronomie betreiben können.“

von Stefan Dinse

SG von 1874 Hannover

Reinhard Schwitzer, Vorsitzender der SG von 1874 Hannover.
Reinhard Schwitzer, Vorsitzender der SG von 1874 Hannover. © Rainer Droese

Die SG von 1874 hat bereits um Solidarität bei den rund 1000 Vereinsmitgliedern geworben. „Wir haben alle angeschrieben. Bislang gab es, Gott sei Dank, keine allzu negativen Rückmeldungen“, sagt der SG-Vorsitzende Reinhard Schwitzer. Der Verein brauche die Solidarität der Mitglieder – aber das ist keine Einbahnstraße betont der Klubchef: „Wenn jemand in finanzielle Probleme gerät, von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen ist, finden wir eine Regelung“, sagt Schwitzer. „Das gilt aber nicht erst seit Corona.“

Die genauen Corona-Auswirkungen auf die Vereine, sagt Schwitzer, können aber noch nicht abgesehen werden. „Die Vereine haben eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Die 300 000 Euro von der Stadt sind ein Lichtblick, dass Vereine nicht kaputtgehen werden.“ Und das Land? „Da muss man abwarten.“ Abwarten müssen auch die Entscheider der SG. „Wir bereiten uns auf Tag x vor, an dem endlich wieder Vereinssport getrieben werden kann.“

von Jonas Szemkus

TSV Burgdorf

Dr. Peter Kehl, Vorsitzender der TSV Burgdorf.
Dr. Peter Kehl, Vorsitzender der TSV Burgdorf. © Clemens Heidrich

Die TSV Burgdorf hat rund 3000 Mitglieder in zwölf Sparten. Vorsitzender Dr. Peter Kehl setzt auf Angebote über das Internet während der Krise: "Wir werden so lange durchhalten, wie wir müssen. Bis dahin nehmen wird eben mit Onlineangeboten vorlieb. Auf kleiner Flamme haben wir im Vorstand bereits diskutiert, was wir mit den Vereinsbeiträgen machen. Wenn es Mitglieder gäbe, die derzeit nicht weiterbezahlen wollen, müssten wir dem wohl nachgeben."

Probleme sieht Kehl aber nicht nur bei den Mitgliedern: "Wenn das alles noch länger so geht, müssten wir uns auch mit unseren Übungsleitern irgendwie einigen. Von den Verbänden erlebe ich derzeit, dass sie sich viele Gedanken machen und behutsam die notwendigen Konsequenzen ziehen. Es wurden ja ausdrücklich auch für Vereine finanzielle Hilfen in Aussicht gestellt, aber so etwas betrifft ja immer den gesamten Verein und nicht nur einzelne Sparten. Und da ist bei uns keine Notwendigkeit gegeben. Da gibt es andere, die das nötiger haben", sagt er.

von Ole Rottmann

MTV Herrenhausen

Gerold Voigt, Vorsitzender des MTV Herrenhausen.
Gerold Voigt, Vorsitzender des MTV Herrenhausen. © Katrin Kutter

Die Stimmung ist angespannter als die finanzielle Lage, sagt der Vorsitzende Gerold Voigt. „Unsere Sportler werden allmählich unruhig, weil keine Übungsstunden mehr stattfinden dürfen. Es ist vor allem schwierig, ihnen zu erklären, warum Profifußballer in Kleingruppen trainieren dürfen, aber Tennisspieler nicht auf den Platz können, obwohl sie durch ein Netz getrennt sind.“ Voigt ergänzt, dass auch bei den Leichtathleten im Klub der Unmut wächst. „Unsere Werfer üben ohnehin mit Abstand“, sagt er und hofft, dass ein geregelter Übungsbetrieb schon bald wieder aufgenommen werden kann.

Die größten Probleme in finanzieller Hinsicht bereiten die Vereinsgastronomie (Voigt: Uns fehlen die Pachteinnahmen) und die fehlenden Buchungen der Tennisplätze. Zudem bangt der Verein um die Ausrichtung der Sommertennisschule. Schlecht geht es den Tennislehrern, die keine Stunden geben dürfen. "Unsere Finanzen sind geordnet, wir haben aber Verluste in vierstelliger Euro-Höhe durch fehlende Buchungen der Tennisplätze. Der MTV hat drei Courts in der Halle und sieben Plätze draußen zur Verfügung. Außerdem ist unsere Vereinsgastronomie geschlossen, da fehlen uns Pachteinnahmen ebenfalls in vierstelliger Höhe", erklärt Voigt die finanziellen Schwierigkeiten.

von Carsten Schmidt