24. Mai 2021 / 18:02 Uhr

Hansa-Coach Jens Härtel: „Unsere Mentalität war die beste“

Hansa-Coach Jens Härtel: „Unsere Mentalität war die beste“

Christian Lüsch
Ostsee-Zeitung
Der sonst so ruhige Jens Härtel feierte seinen zweiten Drittliga-Aufstieg ausgelassen.
Der sonst so ruhige Jens Härtel feierte seinen zweiten Drittliga-Aufstieg ausgelassen. © LUTZ BONGARTS
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Hansa Rostocks Aufstiegstrainer Jens Härtel über Demut gegenüber der 3. Liga, seinen persönlichen Meilenstein auf dem Weg nach oben, die Suche nach Tempospielern und Tipps von seiner Frau

So kurz nach dem Erfolg – beschreiben Sie Ihre Gefühle!
Jens Härtel: Ich bin stolz. Stolz auf die Mannschaft und ihre Leistung. Ich freue mich einfach riesig über eine Saison, die überaus erfolgreich war. Es ist ein Moment, der selten ist im Fußball. Ich genieße ihn. Nach zehn Jahren wieder aufzusteigen, ist grandios. Es wird eine geile 2. Liga in der kommenden Saison. Und wir sind dabei.

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Wie ordnen Sie den Aufstieg ein?
Wir sind Tabellenzweiter geworden. Andere hatten finanziell und infrastrukturell ganz andere Möglichkeiten als wir. Trotzdem haben wir es geschafft – weil wir als Mannschaft richtig gut funktioniert haben. Wir haben in den zweieinhalb Jahren, in denen ich hier bin, Stück für Stück eine Mannschaft gebaut, die hat, was man braucht, um in der 3. Liga erfolgreich zu sein. Wir waren nicht die Top-Fußballmannschaft der Liga. Aber von der Mentalität her gibt es keine bessere.

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Hatten Sie ein besonderes Rezept?
Man muss authentisch sein und hart arbeiten. Das haben alle gemacht, auch im Trainerteam. Erfolg ist kein Glück, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Wer so agiert, wird auch belohnt.

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Nach dem Abpfiff haben alle im Stadion ihren Namen gerufen. Was bedeutet Ihnen der Aufstieg persönlich?
Als Trainer erlebst du solche Momente selten. In den Geschichtsbüchern von Hansa stehst du sowieso. So richtig drin bist du erst, wenn du einen großen Erfolg geholt hast. wenn der Haken dran ist.

Inwieweit ist der Aufstieg mit Hansa mit dem vergleichbar, den sie in Magdeburg geschafft hatten?
In Magdeburg waren wir von Anfang an da und sind durchmarschiert. Hier waren der Druck und die Erwartungshaltung, aufsteigen zu müssen, größer. Ich habe immer gesagt, dass man die 3. Liga akzeptieren muss, um wieder aus ihr herauszukommen. Mit einer gewissen Demut. Wichtig war, dass wir die richtigen Lehren aus der vergangenen Saison gezogen haben, in der wir noch knapp gescheitert waren. Mit Vereinen wie Magdeburg oder Rostock aufzusteigen, ist besonders, weil große Emotionen und so viel Tradition dabei sind.

Welche Spiele waren besonders entscheidend?
Ich erinnere mich an unfassbar emotionale Momente. Im Meppen-Spiel kam alles zusammen. Zuvor hatten wir gegen Wiesbaden nach 1:0-Führung in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert. In Meppen haben wir dann eine 2:0-Führung hergeschenkt, sind aber in der Nachspielzeit zurückgekommen. Das war extrem wichtig und für mich ein Meilenstein auf unserem Weg.

Impressionen vom Aufstiegstag des FC Hansa gegen den VfB Lübeck:

Feiert mit den Fans: Hansas Aufstiegsmannschaft. Zur Galerie
Feiert mit den Fans: Hansas Aufstiegsmannschaft. ©

Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zur Klubführung?
Als absolut vertrauensvoll. Sie weiß, dass wir fleißig sind und das beste rausholen wollen. Wir haben Vertrauen in den Job, den sie machen. Gerade in der Coronazeit haben wir es erlebt: Wir konnten voll trainieren, der Verein hat alles dafür getan, dass die Saison weitergeht und dass die Mannschaft sich wohlfühlt. Das ist ein Verdienst von Robert Marien, Martin Pieckenhagen und Kevin Meinhardt. Mit dem Aufstieg konnten wir ein bisschen was zurückgeben – den Leuten im Verein, die jahrelang Vollgas gegeben haben.

Von wem bekommen Sie Ratschläge zu Ihrem Coaching?
Ich glaube ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein. Um sich zu entwickeln muss man sich aber auch hinterfragen. Das tue ich. Wenn es um besondere Situationen geht, telefoniere ich mit Kollegen. Manchmal bekomme ich auch Hinweise von meiner Frau, die sagt „so kannst du das nicht machen“. Sie kennt mich am längsten und am besten. Sie kann das beurteilen.

Auf die Saison bezogen: Gibt es Spieler, die Ihre Erwartungen übertroffen haben?
Markus Kolke war unfassbar stabil. Er war der absolute Ruhepol auf den immer Verlass war. Er hat der Mannschaft immer Rückhalt gegeben. Er hat einen großen Anteil. Der will auch im Training immer gewinnen und strahlt das aus. (lacht) Löh (Spitzname von Löhmannsröben, d. Red.) ist da ein anderer Typ: auf dem Platz kannst du dich auf den verlassen - im Training hat er noch ein Potential.

„Ich freue mich, dass wir diesen emotionalen Moment gemeinsam als Familie erlebt haben."

Wie hat ihre Familie das Saisonfinale erlebt?
Meine Frau und meine beiden Söhne waren im Stadion. Ich freue mich, dass wir diesen emotionalen Moment gemeinsam als Familie erlebt haben. Ich weiß, dass meine Mutter und mein Bruder extrem mitfiebern und das mitleben, was ich mache.

Was haben Sie für die kommenden Tage und Wochen geplant?
Ich bin in der Woche noch für alle Dinge da, die den Verein betreffen. Danach werde ich mit meiner Frau und meinen Söhnen für zehn Tage in den Urlaub fliegen, die Seele baumeln lassen. Das Telefon fasse ich dann nur im Notfall an. Besuchen werde ich auf alle Fälle meine Muter. Am Muttertag war dazu keine Zeit.

Wo und wie entspannt Jens Härtel am besten?
(lacht) Jetzt kann ich mich weiter ohne Probleme in Warnemünde beim Essen mit meiner Frau zeigen. Da entspanne ich mit einem gepflegten Glas Wein oder einem Bier am besten. Runter komme ich, wenn ich Zeit mit meiner Familie und mit Freunden verbringe. Da geht es dann nicht um Fußball.

Trainingsauftakt am 17. Juni

Was erwarten Sie für die kommende Saison?
Uns erwartet Großes in einer hoch attraktiven Liga. Und ganz viele Herausforderungen. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, wie schwer es für die Aufsteiger ist. Auf die Mannschaft kommt viel Neues zu. Es geht darum, wieder ein gestandener Zweitligist zu werden. Unsere Mentalität und unseren Spirit müssen wir uns dafür unbedingt erhalten. Ich freue mich auf Schalke, Köln und Bremen – das sind Hausnummern und reizvolle Aufgaben. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen und dürfen uns nicht entmutigen lassen von der Bilanz der letzten Aufsteiger. Dass das schwierig wird, ist uns bewusst.

Wie sehen die weiteren Planungen aus?
Die Mannschaft hat ab Sonntag dreieinhalb Wochen Urlaub. Alle haben individuelle Pläne mitbekommen. Trainingsbeginn ist am 17. Juni. Dann starten wir die fünfeinhalbwöchige Vorbereitung.


Und personell?
Wir haben eine funktionierende Achse. Wir müssen sehen, dass ein paar stärkere Äste dazukommen, als die, die wir haben. Großes Thema wird unser Tempo sein. Wir haben im Moment keinen überragenden Sprinter, der einen kompletten Tempogegenstoß laufen kann.

Welche Verträge haben sich durch den Aufstieg verlängert?
John Verhoek und Nik Omladic spielen auch in der kommenden Saison bei uns. John ist noch nie aufgestiegen. Das wird ihn pushen. In der Schlussphase der Saison haben wir bewusst auf Vertragsgespräche verzichtet, um uns voll auf das Ziel zu fokussieren. Es gibt viele, die noch nicht wissen, wie es weitergeht. In dieser Woche werden wir mit Philip Türpitz, Nils Butzen, Max Reinthaler, Korbinian Vollmann und Aaron Herzog sprechen und gemeinsam Entscheidungen treffen, ob und wie es weitergeht. Aber alle haben sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Für jeden Spieler, für den es bei Hansa Rostock nicht weitergeht, wird es nach dem Aufstieg leichter, einen neuen Verein zu finden.