14. August 2019 / 01:27 Uhr

Hansa-Talentschmiede: die Arbeit am sportlichen Durchbruch

Hansa-Talentschmiede: die Arbeit am sportlichen Durchbruch

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Die A-Junioren von Hansa Rostock spielten in der vergangenen Saison lange Zeit um den Aufstieg in die Nachwuchs-Bundesliga Nord/Nordost mit.
Die A-Junioren von Hansa Rostock spielten in der vergangenen Saison lange Zeit um den Aufstieg in die Nachwuchs-Bundesliga Nord/Nordost mit. © Danilo Thienelt
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Ein Jahr leitet Stefan Karow das NLZ von Hansa Rostock. Bald sollen vermehrt Talenten in den Profibereich etabliert werden.

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Rostock. Die Arbeit von Stefan Karow in den vergangenen zwölf Monaten kann man erkennen, wenn man einen Blick in den Kabinentrakt des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) von Hansa Rostock wirft. An der ersten Tür klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Videoraum“. Eine Neuheit im Profi-Nachwuchs. Eine Etage höher ist der ehemals großzügige Konferenzraum in ein Büro mit vielen Schreibtischen, Trennwänden, Boards und Kartons verwandelt worden. Die Nachwuchsakademie hat unter dem neuen Leiter aufgerüstet. Sieben festangestellte Trainer tummeln sich im ersten Stock neben der ehemaligen Hansa-Geschäftsstelle – mehr als doppelt so viele wie vor Karows Amtsantritt vor knapp einem Jahr.

„Ich musste als erstes ein Trainerteam zusammenstellen. Denn die Idee dahinter: Wenn wir mehr Leute haben, können wir besser, intensiver ausbilden. Den Großteil unseres Etats (975 000 Euro für die kommende Saison/d. Red.) wenden wir nun für das Personal auf“, erklärt Karow. Vor einem Jahr war der Leiter des NLZ vorwiegend mit seinem Stab beschäftigt. „Wir mussten die Jungs weiter für Hansa begeistern. Viele waren müde, fühlten sich nicht richtig wahrgenommen“, gesteht Karow. Nach der ersten Saison sieht das anders aus: „Viele sind super motiviert, können die neue Spielzeit kaum erwarten.“

Diese ehemaligen Jugendspieler von Hansa Rostock schafften den Durchbruch woanders

Toni Kroos – der bekannste Profi aus der Hansa-Nachwuchsakademie. 2006 wechselte er aus der U17 zum FC Bayern. Die Münchener sollen 2,3 Millionen Euro an die Küste überwiesen haben. Damit ist Kroos bis heute der teuerste Transfer im Juniorenbereich in Deutschland. Zur Galerie
Toni Kroos – der bekannste Profi aus der Hansa-Nachwuchsakademie. 2006 wechselte er aus der U17 zum FC Bayern. Die Münchener sollen 2,3 Millionen Euro an die Küste überwiesen haben. Damit ist Kroos bis heute der teuerste Transfer im Juniorenbereich in Deutschland. ©
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Die personellen Strukturen stehen. U 21 (Axel Rietentiet), U 19 (Vladimir Liutyi), U 17 (Kevin Rodewald) behalten ihre Trainer, Ken Georgi (U 15) und Martin Schröder (U 14) tauschen die Rollen. Die neugegründete U 16 wird von Ricardo Kroll geleitet. Zudem kümmern sich ein Psychologe, ein Scout im Raum Berlin, ein neuer Internatsleiter und ein zusätzlicher Nachwuchs-Torwarttrainer (Jörg Hahnel) um die Ausbildung der Talente auf und neben dem Platz. „In den Bereichen, auf die wir uns fokussiert haben, haben wir gute Fortschritte erzielt“, merkt Karow an.

Zudem konnte der FCH mit der Aktion „Schotten dicht“ 30 000 Euro zur Sanierung des maroden Nachwuchs-Kabinentrakts sammeln. „Wir kriegen echt tolle Unterstützung von Hansa-Verrückten. Darauf sind wir stolz!“, lobt Karow den eigenen Anhang.

Die sportliche Glanz ist verblasst

Jetzt will er sich aber auf die sportliche Weiterentwicklung konzentrieren. Denn die hinkt dem eigenen Wunschdenken und den nostalgischen Schwärmereien der Fans von deutschen U-Meistertiteln und Mecklenburger Jungs im Profikader seit Jahren hinterher. Die A- und B-Junioren mussten sich in der Regionalliga erneut Clubs wie Cottbus, Chemnitz, Jena und Halle geschlagen geben. Und weder unter Pavel Dotchev noch unter Jens Härtel hat es in der vergangenen Spielzeit ein Eigengewächs auf regelmäßige Einsätze in der 3. Liga gebracht.

„Schwer zu sagen, warum uns solche Clubs im Nachwuchs überholt haben. Die Kurve hat sich in den letzten zwei Jahren nach unten entwickelt. Davor haben wir gut ausgebildet“, räumt Karow ein und schaut auf die abgelaufene Saison: „Der U 19 fehlte am Ende der unbedingte Wille, das Unmögliche möglich zu machen. Diese Mentalität ist uns in den letzten Jahren abhanden gekommen.“ Dabei haben er und sein Team den Aufstieg gar nicht als Ziel ausgegeben. „Es wäre das i-Tüpfelchen gewesen. Aber wir haben die Trainer experimentieren lassen.“

Die Zeit des Ausprobierens ist nun vorbei. „Jetzt kommen Vorgaben und dann wollen wir auch Ergebnisse sehen“, versichert Karow. „Der Traum ist, so hoch wie möglich zu spielen.“ Das Wort Aufstieg kommt beim 45-Jährige noch nicht über die Lippen.

Lukas Scherff ist eine Ausnahme, nicht die Regel

Doch die Rückkehr in die Bundesliga der A- und B-Junioren ist mittelfristig anvisiert. Daneben steht die Etablierung der Talente in den Profibereich oben auf der Agenda von Stefan Karow. Die Durchlässigkeit von der Jugend in den Rostocker Drittligakader lag in den vergangenen Jahren bei null. Lukas Scherff ist der letzte Spieler, der es – über zwischenzeitlichen Leih-Umweg beim FC Schönberg (damals Regionalliga) – scheinbar geschafft hat, sich für längere Zeit im Ostseestadion beweisen zu können. Davor und danach kommt lange nichts. Jakob Gesien wurde zur Saisonvorbereitung 2018/19 mit ins Profi-Trainingslager genommen und dann nach Chemnitz abgeschoben. Johann Berger will sich nach enttäuschenden Einsatzzeiten in Rostock bei Holstein Kiel beweisen. Zu allem Überfluss hat sich das nächste vielversprechende Talent vor Kurzem verletzt – Paul Wiese kann sich aufgrund eines Schlüsselbeinbruchs während der Vorbereitung nicht bei Jens Härtel empfehlen.

Im aktuellen Profi-Kader hat neben Wiese und Scherff nur noch Kai Bülow das Nachwuchs-Trikot der Kogge getragen. Dabei hat der FC Hansa stets genug Talente, die den Sprung nach oben schaffen könnten. So füllen neun A-Junioren den Kader der Rostocker Amateure auf, um sich über die Oberliga an die „Erste“ heranzutasten. Darunter Torhüter Philipp Puls, dem der direkte Sprung in den Profi-Kader erst einmal verwehrt wurde, weil ihm der 18-jährige Ben Alexander Voll aus Aachen als dritter Profi-Keeper vor die Nase gesetzt wurde.

„Aus Sicht des NLZ-Leiters hätte ich es natürlich begrüßt, wenn der dritte Torwart aus dem eigenen Nachwuchs stammt. Die sportliche Führung hat sich für eine andere Lösung entschieden, das müssen wir akzeptieren. Aber das ist der Ansporn für uns Trainer, noch besser zu werden. Wir müssen so hart arbeiten, dass kein Weg mehr an unseren Spielern vorbeigeht. Der dritte Torhüter, der vierte Stürmer oder Innenverteidiger – das müssen alles unsere Jungs sein“, gibt sich der Rostocker kämpferisch.

Etablierung der Eigengewächse gelingt nur mit Kontinuität

Karow sieht das Problem der (Un-)Durchlässigkeit vom Nachwuchs zu den Profis mit im ständigen Wechsel auf den Positionen im sportlichen Bereich des Vereins. So könne sich der FCH kein Beispiel an erfolgreichen Ausbildungsclubs wie dem SC Freiburg nehmen, der aktuell neun Spieler im Profi-Kader hat, die sich über die U-Teams empfohlen haben. „Kontinuität an den entscheidenden Stellen ist wichtig! Freiburg hat uns voraus, dass sie einen Trainer über lange Zeit halten. So kann er die jungen Spieler entwickeln“, analysiert Karow.

Abgesehen von der fehlenden Konstanz auf der Trainer- und Managerposition scheint der Mut zu „(Hansa-)Jugend forscht“ abhanden gekommen zu sein. In den vergangenen beiden Spielzeiten, in denen es in der Schlussphase sportlich um kaum etwas ging, wurden die Eigengewächse – von Lukas Scherff mal abgesehen – kaum beachtet. Paul Wiese durfte am letzten Spieltag in Aalen 16, Johann Berger zwölf Minuten ran. Für Berger kamen zuvor mickrige acht, eine und vier Minuten im Saison-Schlussspurt 2017/18 zusammen.

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„Was war das für eine Euphorie, als Johann sein Debüt gab! Alle im NLZ saßen vor dem Fernseher und jubelten“, erinnert sich Karow. Die Hochstimmung ist längst verflogen.

Auch aufgrund dieser Politik sind in der Vergangenheit einige Nachwuchsspieler einen anderen Weg gegangen und haben den Sprung woanders geschafft: Sargis Adamyan (Hoffenheim), Ben Zolinski (Paderborn), Robin Krauße (Ingolstadt), Tom Trybull (Norwich City), Kevin Müller (Heidenheim), Johannes Brinkies (Zwickau).

„Es ist eben etwas Besonderes, wenn einer von hier die Flanke schlägt.“

Zudem muss sich die Kogge ständig gegen Scouts der großen Klubs Hamburger SV, Hertha BSC, RB Leipzig und VfL Wolfsburg wehren, die gerne mal ein Auge auf das Rostocker NLZ werfen. „Seit ich bei Hansa arbeite (2012/d. Red.), habe ich jedes Jahr einen Torhüter an große NLZs verloren. Das werden wir nicht komplett verhindern können“, berichtet Karow und weiß: „Deshalb müssen wir mit unserem individuellen Förderungsprogramm überzeugen.“ Das umfasst neben zwei Trainingseinheiten pro Tag, individueller sportlicher, psychologischer und berufsorientierter Betreuung auch Workshops zu den Themen Rassismus, Drogen oder Fairplay. „Wir haben im Bereich Pädagogik zugelegt“, bestätigt Karow. So konnte er bereits fünf Spieler von anderen Nachwuchs-Bundesligisten (Köln, St. Pauli, Bremen, Schalke, Leipzig) vom Ostseeklub überzeugen. Die strukturelle Arbeit der vergangenen Monate trägt bereits erste Früchte.

Vor Stefan Karow steht weiter ein Berg voll Arbeit. Sein Ziel bleibt: Die Talente im Profifußball etablieren – und das am besten bei Hansa Rostock. „Es ist für den Fan eben immer etwas Besonderes, wenn einer von hier eine Flanke schlägt“, sagt Karow abschließend und verleiht damit den Sehnsüchten beim Koggenklub nach Jahren der personellen Umbrüche Ausdruck.

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