04. Januar 2021 / 18:56 Uhr

Aus Interesse wurde Leidenschaft: Hansa-Mitglied Ulf Hunger sammelt Fußball-Programme

Aus Interesse wurde Leidenschaft: Hansa-Mitglied Ulf Hunger sammelt Fußball-Programme

Kai Rehberg
Ostsee-Zeitung
Kritzmow Ulf Hunger sammelUlf Hungert alles was mit Hansa Rostock zu tun hat, vorwiegend Dokumente.
Ulf Hunger sammelt alles was mit Hansa Rostock zu tun hat, vorwiegend Dokumente. © Ulf Hunger mit dem Stadionheft „Kogge“ und einem Klubwimpel aus DDR-Zeiten. Rechts zwei Trikots aus Bundesliga- und Zweitliga-Zeiten. FOTO: Dietmar Lilienthal
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Von Hansa über den Europacup bis zu DDR-Länderspielen hat der Kritzmower fast alle Fußball-Programme. Darunter sind echte Raritäten – wie das Heft zur Eröffnung des Ostseestadions 1954. Das Hansa-Mitglied ist auch im Verein sehr aktiv.

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Einer seiner größten Schätze steckt in einer unauffälligen Klarsichthülle. Ein kleines, angegilbtes A5-Faltblatt, fast 100 Jahre alt: das Stadionheft zur Einweihung des Rostocker Volksstadions, damals noch „Arbeiter-Stadion“, von 1928. „Habe ich mal für 100 Euro im Antiquariat in Lübeck gekauft“, sagt Ulf Hunger und weiß: Eigentlich war es Schnäppchen.

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Und es ist nicht die einzige Rarität, die er 58-Jährige in seinem Besitz hat. Sein großer Stolz: Das Heft zur Weihe des damals neu gebauten Ostseestadions vom 27. Juni 1954. Mit einem Spiel des DDR-Fußball-Nachwuchses gegen eine Mannschaft von Vasas Györ aus Ungarn. „Ein Geschenk von jemandem, der seinen Dachboden entrümpelt hat“, erinnert sich Hunger. „Man könnte 1000 Euro dafür verlangen, aber eigentlich gibt es keinen Preis dafür“, sagt der Kritzmower, der es wissen muss. „Ich kennen keinen, der das hat außer mir.“

Hansa-Fan Ulf Hunger sammelt seit mehreren Jahrzehnten unter anderem Programmhefte und Eintrittskarten. Hier ist ein Auszug seiner wertvollsten Stücke:

Rarität aus der Sammlung von Hansa-Mitglied Ulf Hunger: Eintrittskarte von
 Hansas Rückspiel im Uefa-Cup bei Banik Ostrava am 27. September 1989. Die Partie wurde begleitet von einem Eklat: Denn nur wenige Rostocker Anhänger konnten sie im Stadion verfolgen, da der Fanzug von der tschechischen Polizei gestoppt wurde und niemand ihn verlassen durfte. Das Spiel endete mit einer 0:4-Niederlage, nachdem die Rostocker bereits das Hinspiel mit 2:3 verloren hatten. Zur Galerie
Rarität aus der Sammlung von Hansa-Mitglied Ulf Hunger: Eintrittskarte von Hansas Rückspiel im Uefa-Cup bei Banik Ostrava am 27. September 1989. Die Partie wurde begleitet von einem Eklat: Denn nur wenige Rostocker Anhänger konnten sie im Stadion verfolgen, da der Fanzug von der tschechischen Polizei gestoppt wurde und niemand ihn verlassen durfte. Das Spiel endete mit einer 0:4-Niederlage, nachdem die Rostocker bereits das Hinspiel mit 2:3 verloren hatten. ©

Ulf Hunger ist nicht nur eingefleischtes Hansa-Mitglied (seit 1.9.1995, Mitglieds-Nummer 722). Er ist vor allem leidenschaftlicher Sammler. Schon in seinem Arbeitszimmer bekommt davon einen Eindruck: Kalender, Gläser, Bücher, Wimpel und ein Schoko-Weihnachtsmann – alles mit Hansa-Logo. Doch das ist noch gar nichts gegen das, was sich eine Etage höher wiederfindet: Programmhefte, Trikots, Schals und vieles mehr – zwei Räume mit vollen Regalen und Schränken, wie ein kleines Museum.

Begonnen hatte es alles mit dem Besuch eines Oberliga-Spiels 1978. Beim Kartenkauf am Ostseestadion stellte der damals 16-Jährge erstmals fest, dass es zu jeder Partie auch ein Programmheft gab. Interesse war geboren, das zur Sammelleidenschaft wurde. Seit den 80er Jahren hatte er DDR-weit feste Tauschpartner für die damals noch dünnen Heftchen. „In der Spitze habe ich 50, 60 Stück von einem Spiel verschickt“, erinnert sich Ulf Hunger. Im Gegenzug bekam er die Programme der Rostocker von ihren Gastspielen in Magdeburg, Erfurt, Eisenhüttenstadt oder Schkopau zugeschickt. „Ich habe alle Hefte mit Hansa-Beteiligung seit der Vereinsgründung 1965“, sagt Hunger fast beiläufig. Doch bei Hansa allein blieb es nicht.

Es kamen Programme von Europacupspielen und Länderspielen hinzu, dazu Eintritts- und Jahreskarten. Auch Rostocker Vereine wie die TSG Bau (heute Rostocker FC) oder Schifffahrt/Hafen finden sich in seinem Archiv zumeist komplett wieder. „Ich habe auch die Programme aller DDR-Länderspiele – bis auf eins: 1956 gegen Indonesien vor 50 000 Zuschauern“, sagt der selbstständige Steuerberater. „Von damals haben, soweit ich weiß, nur zwei Programme überlebt.“ Geschätzter Wert: 800 Euro, meint Hunger. „Dafür würde ich es jedenfalls sofort kaufen.“

Seine bislang größte Investition: 375 Euro für das Heft vom DDR-Pokalfinale 1955 SC Wismut Karl-Marx-Stadt gegen SC Empor Rostock (3:2 n.V.). Der Fußballkenner weiß auch, wann mal kein Programm erscheinen ist: „Zum Beispiel Hansa 1969 im Europacup gegen Athen.“ Dagegen finde man das Heft gegen Inter Mailand aus dem gleichen Jahr „relativ häufig. Sogar mit Karte.“

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Rund 8600 Programme und 4000 Eintrittskarten hat er im Laufe von mehr als vier Jahrzehnten zusammengetragen - und digitalisiert. Und trotzdem gibt es noch den einen oder anderen unerfüllten Wunsch. Zum Beispiel fehlt ihm das Heft vom WM-Finale 1974. Oder das Programm von einem Freundschaftsspiel vom Empor Rostock gegen Budapest im Jahr 1955. Gab‘s da überhaupt eins? „Ja“, weiß Hunger, „ein Kumpel hat es für 500 Euro bei ebay gekauft“. Er selbst hat in diesem Jahr zwei ähnlich alte Empor-Rostock-Programme auf einer Tauschbörse in Leipzig bekommen, fast geschenkt. Ein Freundschaftsdienst eines Bekannten.

Mit ihrer Sammelleidenschaft sind Ulf Hunger und seine Mitstreiter heute eher Exoten. „Früher gab es 250 aktive Programmsammler in Rostock, heute vielleicht nur noch 20. Wir kennen uns alle“, erzählt der vierfache Familienvater, der auch selbst zur Sammelkultur beiträgt. Für die Heimspiele der Hansa-Amateure und der A- und B-Junioren fertigt er mit kleiner Unterstützung und Zuarbeit des Vereins eigene kleine Heftchen an - und bringt sie schließlich auch unter die Leute.

Die Corona-Pandemie sorgte dann für einen jähen Bruch – und ein Novum. Denn weil es bei den Drittliga-Spielen ohne Zuschauer auch keine Tickets gibt, sind nun Arbeitskarten zum einzigen realen Sammelobjekt von den Partien geworden. Programme erscheinen, wenn überhaupt, nur noch digital. „50 Stück lasse ich mir jedes Mal davon ausdrucken“, erzählt Hunger, der damit Sammlerfreunde in ganz Deutschland beglückt. Was als Gewinn übrig bleibt, spendet er dem Hansa-Nachwuchs.

Denn was beim Koggen-Klub passiert, ist für den gebürtigen Rostocker mehr als Herzenssache. Er gehört zum Mitgliederbeirat und Wahlausschuss des Vereins und leitet nebenher das kleine Archiv, das aus seiner Sicht dringend mehr Platz und personelle Unterstützung bräuchte. „Das kann man nicht im Alleingang aufarbeiten. Dazu braucht man Leute, Geld und Zeit“, sagt Hunger. „Aber dieses Problem haben viele Vereine.“

In Rostock könnten viele Dinge noch besser der Öffentlichkeit präsentiert werden. So wie in der Klubgaststätte „Hanseatentreff“, in der nur ein Bruchteil zu sehen ist. Von Ulf Hunger ist zum Beispiel eine Medaille von Hansas Meistertitel 1991 dabei, die er als Leihgabe beigesteuert hat. Aber es gäbe noch genügend andere Schätze zu zeigen, auch aus seiner Sammlung.