19. Februar 2020 / 16:53 Uhr

Hansa Rostocks schwärzester Tag: „Dann wirst du halt aufgefressen“

Hansa Rostocks schwärzester Tag: „Dann wirst du halt aufgefressen“

Sönke Fröbe
Ostsee-Zeitung
17. Mai 2010: Hansa-Cheftrainer Marco Kostmann und Stürmer Enrico Kern nach dem 0:2 im Relegationsrückspiel gegen Ingolstadt.
17. Mai 2010: Hansa-Cheftrainer Marco Kostmann und Stürmer Enrico Kern nach dem 0:2 im Relegationsrückspiel gegen Ingolstadt. © foto: OZ-Archiv
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Trainer Marco Kostmann erinnert sich an den ersten Zweitligaabstieg mit Hansa vor zehn Jahren in der Relegation gegen den FC Ingolstadt.

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Wenn der FC Ingolstadt am Sonnabend im Ostseestadion aufläuft, werden bei vielen Hansa-Fans Erinnerungen wach. Traurige Erinnerungen an den wohl schwärzesten Tag in der fast 55-jährigen Vereinsgeschichte des Koggenklubs. Am 17. Mai 2010 verlor der damalige Zweitligist das Relegationsrückspiel gegen die „Schanzer“ mit 0:2 und stieg zum ersten Mal überhaupt in die Drittklassigkeit ab. An diesem tristen Montagabend endete die Ära des erfolgreichsten Ostvereins im deutschen Profifußball. Von dem Absturz hat sich der langjährige Bundesligist bis heute, zehn Jahre danach, noch immer nicht erholt.

Nach dem Abpfiff flossen Tränen, bei vielen der 15 000 Zuschauer im Ostseestadion, das damals DKB-Arena hieß, und bei den Profis: wie Enrico Kern, Tim Sebastian oder Kevin Schöneberg. „Es war nicht nur ein verlorenes Fußballspiel, da ist schon ein bisschen mehr kaputt gegangen in und um Rostock“, sagt Marco Kostmann, damals Hansa-Cheftrainer: „Es war uns klar, dass der Abstieg ein Super-Gau ist, der einschneidende und langwierige Konsequenzen haben würde.“

Hansas Abstiegsdrama 2010 gegen Ingolstadt

Tränen der Enttäuschung: Hansa-Trainer Marco Kostmann tröstet Abwehrspieler Kevin Schöneberg. Zur Galerie
Tränen der Enttäuschung: Hansa-Trainer Marco Kostmann tröstet Abwehrspieler Kevin Schöneberg. ©

Die Folgen für den letzten Ost-Meister waren in der Tat dramatisch und wirken noch immer nach. Dem Abstieg folgte der Exodus der Spieler. Profis wie Alexander Walke, Fin Bartels, Kai Bülow, Tim Sebastian, Enrico Kern, Martin Retov, Bradley Carnell oder Orestes verließen den Verein. Manager René Rydlewicz und Trainer Kostmann mussten gehen, der Vorstand wurde ausgetauscht. Chaostage bei Hansa, es herrschte Weltuntergangsstimmung im und um den Verein. Am Tag danach zündeten Fans vor dem VIP-Eingang des Stadions eine Grabkerze an, legten Blumen ab.

"Das negativste Erlebnis in meiner Karriere"

„Es war das negativste Erlebnis in meiner Karriere“, sagt Kai Bülow, der damals noch am Anfang seiner Profikarriere stand: „Zumal es eine Saison war, in der es absolut vermeidbar gewesen wäre, überhaupt die Relegation spielen zu müssen. Wir haben generell einfach zu viele Punkte liegengelassen.“ Nach dem 0:1 im Relegations-Hinspiel in Ingolstadt war er wegen einer Gelb-Sperre beim Showdown in Rostock zur Untätigkeit verurteilt. „Ein persönlicher Tiefschlag“ sei das gewesen, sagt der heute 33-Jährige, der zudem verletzt war: „Dass ich nicht helfen konnte, war sehr bitter.“

Das Trainergespann mit Marco Kostmann und Thomas Finck – heute Chefscout und Kaderplaner in Ingolstadt – hatte nach der 0:1-Hinspielniederlage versucht, den Fokus der Spieler für die alles entscheidende Partie zu schärfen. Eine Maßnahme: ein Interviewverbot für die Profis. „Das 0:1 war ein Scheiß-Ergebnis. Es war eine große Anspannung im Team, es gab auch nicht so viele Spieler, die Vergleichbares schon mal erlebt hatten – ,Fincker’ und ich auch nicht“, erinnert sich Kostmann, aktuell Torwarttrainer bei Zweitliga-Spitzenreiter Arminia Bielefeld.

Doch die Hoffnungen auf ein Happy-End platzten schnell. Bereits nach acht Minuten lag Hansa hinten. „Ich hatte tatsächlich nicht annähernd das Gefühl, dass wir in diesem Spiel noch mal ein Tor machen können“, sagt Bülow. Sein Trainer Kostmann erlebte es ähnlich: „Irgendwann entwickelt man ein Gefühl dafür, dass es heute nicht mehr passieren wird, dass man das Spiel nicht mehr dreht.“ Mit Fabian Gerbers zweitem Treffer zum 0:2 (78.) war Hansas Zweitliga-Aus nach 19 Jahren in der 1. und 2. Liga besiegelt.

"Wir haben vor und in der Saison insgesamt zu viele Fehler gemacht"

Zu Recht, wie Kostmann rückblickend urteilt: „Wenn du im Verlauf einer Saison und in der Vorbereitung einer Saison zu viele Fehler machst, dann wirst du halt aufgefressen. Das ist ja nicht zufällig passiert und es war auch kein Pech. Insgesamt haben wir zu viele Fehler gemacht – in der Einschätzung vor der Saison, was unsere Ziele und Möglichkeiten angeht.“ Der Abstieg hat bei Marco Kostmann „Spuren hinterlassen“, er komme auch heute noch „immer mal wieder hoch“, räumt der 53-Jährige ein: „Für mich war das ja nicht irgendein Verein. Mein Vater (Klublegende Gerd Kostmann/d. Red.) hat ewig bei Hansa gespielt und gearbeitet, ich bin in Rostock geboren. Das war schon eine harte Nummer, das hat wehgetan.“

Kai Bülows Vertrag verlor durch Hansas Abstieg seine Gültigkeit, er blieb in der Liga und wechselte zu 1860 München. „Ich habe dann aus der Ferne mitgefiebert und konnte das alles ganz gut verarbeiten, weil es nach nur einem Jahr in der 3. Liga wieder hoch ging.“

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