25. Mai 2021 / 11:25 Uhr

Hansi Flick über den Abschied vom FC Bayern, den Job als Bundestrainer und seine EM-Erwartungen

Hansi Flick über den Abschied vom FC Bayern, den Job als Bundestrainer und seine EM-Erwartungen

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Hansi Flick spricht im Interview über seinen Abschied aus München und die Nationalmannschaft.
Hansi Flick spricht im Interview über seinen Abschied aus München und die Nationalmannschaft. © Getty Images/IMAGO/Poolfoto (Montage)
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Beim 5:2 am vergangenen Samstag gegen den FC Augsburg saß Hansi Flick zum letzten Mal auf der Bank des FC Bayern. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), spricht der 56-Jährige über seine Zeit in München, den Job als Bundestrainer und die anstehende Europameisterschaft.

Hansi Flick wird nach der anstehenden Europameisterschaft das Amt des Bundestrainers übernehmen. Der 56-Jährige unterschrieb am Dienstag einen Vertrag bis 2024 und tritt die Nachfolge von Joachim Löw an. Kurz bevor der Verband und der Coach ihre Einigung verkündeten, hatte der scheidende Trainer des FC Bayern mit dem SPORTBUZZER gesprochen.

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SPORTBUZZER: Herr Flick, Sie haben in 18 Monaten mit Bayern München sieben Titel gewonnen, so viele, wie kein Trainer zuvor. Welcher Titel machte Sie am glücklichsten?

Hansi Flick (56): In Nyon am Genfer See, dem Sitz der UEFA, hängt ein großes Bild, auf dem Portos Rabah Madjer im Champions-League-Finale 1987 das berühmte Tor mit der Hacke macht. Und ich stehe daneben machtlos auf der Linie, Bayern verlor gegen Porto bitter 1:2. Schon allein deshalb war 2020 der Sieg gegen Paris St. Germain der wertvollste Titel. Auch so, wie wir das geschafft haben (u.a. 8:2 im Viertelfinale gegen den FC Barcelona, d. Red.). Das war etwas ganz Besonderes. Die Emotionen nach dem Finale – jedes Mal, wenn ich das sehe, bekomme ich Gänsehaut. Es waren die schönsten Erlebnisse, die ich je hatte. Als die Kameras längst weg waren, saß ich mit David Alaba, Serge Gnabry und Joshua Kimmich unbeobachtet auf dem Rasen. Wir waren einfach nur glücklich. Haben es genossen. Das war dann schon cool.

Sie haben die Bayern auf eigenen Wunsch verlassen, obwohl Sie noch Vertrag bis 2023 gehabt hätten, unter anderem nach Reibereien mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Haben Sie Ihre Sachen schon gepackt?

Der Spind ist ausgeräumt, alles ist weg. Die Pokale, die Auszeichnungen, das war schon eine Menge. Alles ist sauber, ich kann beruhigt in Urlaub fahren.

Wie lange?


So lang es geht. Solange es mein neuer Job zulässt.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Nachfolger von Jogi Löw als Bundestrainer werden?

Das sind gute Gespräche. Ich weiß, was ich am DFB habe (Flick war Co-Trainer von Jogi Löw und Sportdirektor des DFB, d. Red.). Es sind noch Dinge zu klären. Das hat nichts mit mir zu tun, das sind andere Sachen. Wenn die geklärt sind, sieht es gut aus.

Sie müssen also keine neue Sprache lernen?

Doch, ich will eine neue Sprache lernen. Weil mir das gefällt. Ich habe mit dem Spanischen schon mal angefangen. Doch das ist nicht so einfach.

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Hansi Flick hat mit dem FC Bayern München in anderthalb Saisons sieben Titel gewonnen und wird nun neuer Bundestrainer. Der frühere Co-Trainer von DFB-Coach Joachim Löw hat eine bewegte Karriere im Profifußball hinter sich. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Laufbahn Flicks in Bildern. Zur Galerie
Hansi Flick hat mit dem FC Bayern München in anderthalb Saisons sieben Titel gewonnen und wird nun neuer Bundestrainer. Der frühere Co-Trainer von DFB-Coach Joachim Löw hat eine bewegte Karriere im Profifußball hinter sich. Der SPORTBUZZER zeigt die Laufbahn Flicks in Bildern. ©

Fast täglich gibt es Meldungen, dass der FC Barcelona oder Real Madrid an Ihnen interessiert sind. Ist da was dran?

Ich habe es immer so gehandhabt, dass ich zu diesen Dingen schweige.

Weinen Sie der Zeit bei Bayern nicht jetzt schon nach?

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Ich habe eine herausragende Zeit gehabt, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Meine Spieler, alle Leute um mich herum – jeder konnte sich einbringen. Das war mir immer sehr wichtig, dass wir ein gutes Miteinander, eine gute Atmosphäre haben. Letztendlich kommt es darauf an.

Udo Lattek, unter dem Sie Bundesliga-Spieler wurden, sagte, dass ein Jahr FC Bayern so viel Stress bedeutet wie drei Jahre bei einem anderen Klub.

Klar, jedes Jahr nagt an einem. Es ist so, wie es ist. Ich bin happy, dankbar. Es war mir eine große Ehre. So will ich es stehen lassen.

Hatten Sie schlaflose Nächte?

Die ersten zwei, drei Monate hatte ich schon mit dem Schlaf zu kämpfen. Ja. Danach war es normal.

Wie haben Sie sich beruhigt, um wieder ruhiger zu schlafen?

Ich verlasse dann das Schlafzimmer, weil es meine Frau stören würde, lese dann ein Buch, bis ich müde werde.

Sie hatten, bedingt durch den engen Corona-Spielplan, den deutschen und europäischen Supercup, vor allem die Klub-WM in Katar, immer wieder mit Verletzungsrückschlägen zu kämpfen. Zunächst mit Joshua Kimmich beim 3:2-Sieg in Dortmund.

Ich bin keiner, der sich zu lang damit beschäftigt. Natürlich hat es wehgetan, weil er ein sehr wichtiger Spieler ist. Letztendlich geht es darum, die Herausforderung anzunehmen und nach Lösungen zu suchen. Das ist uns ganz gut gelungen. Gegen Paris im Viertelfinale haben uns dann eben doch einige gefehlt, die für die Offensive wichtig waren.

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Den neunten Meister-Titel in Folge hat sich der FC Bayern wieder einmal furios gesichert. Doch nicht alle Spieler beim Rekordmeister konnten überzeugen. Für den <b>SPORT</b>BUZZER stellt Patrick Strasser das Saison-Zeugnis aus. Zur Galerie
Den neunten Meister-Titel in Folge hat sich der FC Bayern wieder einmal furios gesichert. Doch nicht alle Spieler beim Rekordmeister konnten überzeugen. Für den SPORTBUZZER stellt Patrick Strasser das Saison-Zeugnis aus. ©

Robert Lewandowski, Serge Gnabry, Leon Goretzka, Niklas Süle.

Die Mannschaft hat sich dennoch sehr gut verkauft. Da wir alles versucht haben, kam das bei den Fans ganz gut rüber. Und auch international wurden unsere starken Auftritte registriert.

Beim Schlüsselspiel um die Meisterschaft, dem 1:0 in Leipzig, fehlten Lewandowski, Jerome Boateng und Alphonso Davies.

Wenn einer fehlt, muss sich ein anderer beweisen. Man kann sagen, dass Choupo-Moting in den Spielen ohne Lewi gezeigt hat, was er leisten kann. Auch in Wolfsburg, gegen Leverkusen, beide Spiele gegen Paris, das war dann schon top. Wir hatten nicht mehr viel Spielraum, dennoch hat die Qualität in dem Spiel für Leipzig gereicht. Die Basis von allem ist das Training. Wenn ich sehe, wie wir trainieren – das hat hohes Niveau, hohe Intensität, hohe Konzentration. Ob das Thomas Müller ist, Robert Lewandowski, David Alaba, Manuel Neuer, Jerome Boateng, Joshua Kimmich – alle wollen immer gewinnen. Das war bei Bayern schon immer so, auch als ich noch Spieler war. Jeden Trainer macht das stolz.

Eine Augenweide war das Kopfballtor des 18-jährigen Jamal Musiala, Ihrer großen Entdeckung, beim 3:2 gegen Wolfsburg. Ein paar Tage nach einem Spezialtraining mit Trainerikone Hermann Gerland.

Da haben wir uns alle gefreut. Er hat Qualitäten, die nicht so oft zu sehen sind. Jamal setzt sich unter Druck auf engem Raum durch. Er ist intelligent, sehr schlau, kann ein Spiel lesen, Bälle klauen…

…und gehört nun zu Jogi Löws EM-Kader.

Er hat bei unseren Nationalspielern ein Riesenstanding. Wenn es eng wird, wenn der Gegner tief steht, wenn Eins gegen Eins gefragt ist, gibt er jeder Mannschaft das gewisse Etwas mit seinem Zug zum Tor.

Das ist der DFB-Kader für die Europameisterschaft

Manuel Neuer (FC Bayern München) Zur Galerie
Manuel Neuer (FC Bayern München) ©

Kann er auf EM-Niveau helfen?

Warum nicht? Hat er bei uns doch auch schon gezeigt.

Franz Beckenbauer sagte in Sport Bild, Ihre Erfolge wären nicht wiederholbar.

Man hätte ja auch nicht gedacht, dass jemand den 40-Tore-Rekord von Gerd Müller übertreffen kann. Bis es Lewy schaffte. Kein Rekord ist für die Ewigkeit.

Wie lange können Manuel Neuer (35), Robert Lewandowski (32) und Thomas Müller (31) auf höchstem Niveau noch Fußball spielen?

Drei, vier Jahre. Alle drei sind topfit. Thomas hat im Spiel eine hohe Intensität, läuft unglaublich viel. Lewi lebt für den Sport, ist austrainiert. Manu genauso. Er ist für mich 28, höchstens 29. Ich bin zuletzt erschrocken, als ich sah, dass da die Fünf nach der Drei steht.

David Alaba und Jérôme Boateng verlassen die Bayern. Wie groß ist der Verlust?

Jérôme war unser konstantester Verteidiger, hat eine hervorragende Saison gespielt. Am Mann, am Ball, mit der Spieleröffnung ist er das beste Gesamtpaket. Er hätte es auch verdient gehabt, im EM-Aufgebot zu stehen. David ist für mich das Herz der Mannschaft. Das bekommt die Öffentlichkeit vielleicht nicht so mit. Er hat eine Art, dass er alle mitnimmt. Das ist schon absolut herausragend. Seine soziale Kompetenz ist einfach top. Nach Links- und Innenverteidiger hat er zuletzt auf der Sechs mit Jo Kimmich hervorragend kombiniert.

Was trauen Sie Jogi Löw bei der Europameisterschaft zu?

Wenn er jetzt eine gute Vorbereitung hat, kann er viel aus der Mannschaft herausholen. Das hoffe ich. Ich wünsche ihm ein cooles Turnier.

Wo wohnen Sie künftig?

Ich bin noch ein bisschen da, werde zurückkehren nach Heidelberg zur Basis. Auch wenn es mir in München sehr gut gefallen hat, meiner Frau zum Schluss auch sehr gut. Den Chang in Grünwald (japanisch, asiatische Küche, d. Red.) werde ich vermissen, der ist herausragend.