01. Juni 2020 / 15:29 Uhr

"Wären die Bayern bloß nie nach Hänigsen gekommen": Hardy Grünes neues Buch

"Wären die Bayern bloß nie nach Hänigsen gekommen": Hardy Grünes neues Buch

Christian Purbs
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Prominenter Gast: Beim legendären Pokalspiel des TSV Friesen Hänigsen
gegen Bayern München war Lothar Matthäus zum Greifen nahe.
Prominenter Gast: Beim legendären Pokalspiel des TSV Friesen Hänigsen gegen Bayern München war Lothar Matthäus zum Greifen nahe. © Archiv
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Mit viel Herzblut erzählt Hardy Grüne in seinem neuen Buch Geschichten vom kleinen Fußball. Eine von sechs aus der Region Hannover ist die des TSV Friesen Hänigsen, der im November 1984 im DFB-Pokal die großen Bayern zu Gast hatte. Laut Grüne der Anfang vom Ende der Hänigsen Erfolgsgeschichte.

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Auf den TSV Friesen Hänig­sen muss man erst einmal kommen. Zu den Topadressen im niedersächsischen Fußball gehört der Verein im 6000-Seelen-Dorf zwischen Burgdorf und Uetze sicherlich nicht. Die erste Herren kickt wenig erfolgreich in der 1. Kreisklasse, gerade einmal sieben Punkte hat der Vorletzte bis zur Corona-Zwangspause in dieser Saison gesammelt.

Die Bayern als Anfang vom Ende?

Auf seiner Webseite sucht der Klub für das Kreisklassenteam „motivierte und leistungsorientierte Spieler, die noch Ziele haben. Wir wollen in den kommenden Jahren wieder höherklassig spielen.“ So wie früher einmal, als die kleinen Friesen die großen Bayern zu Besuch hatten.

Vor 36 Jahren trafen sich die Teams im DFB-Pokal, 16 000 Zuschauer im Hänigser Stadion wollten sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Diese besondere, wenngleich auch einseitige Partie, die mit einem 8:0-Sieg für die Münchner endete, ist eine Episode im Mitte Mai erschienenen Buch „Fußballheimat Niedersachsen & Bremen – 100 Orte der Erinnerung“ von Hardy Grüne. Für den Fußball-Historiker war das Bayern-Spiel der Friesen allerdings der Anfang vom Ende der Hänigser Erfolgsgeschichte.

Mehr Berichte aus der Region

„Nach dem Pokalspiel gegen die Bayern wollte man jedoch mehr vom großen Fußball. Legionäre aus allen Teilen Niedersachsens wurden angeheuert, der Aufstieg in die Oberliga Nord auf die Fahnen geschrieben. Doch das sensible Erfolgskonstrukt trug die Ambitionen nicht. Als man die fatale Entwicklung bemerkte, war es längst zu spät“, schreibt Grüne und kommt zu dem bemerkenswerten Schluss: „Wären die Bayern doch bloß nie nach Hänigsen gekommen.“

Region sechsmal vertreten

Es ist eine von vielen Geschichten hinter der Geschichte, die Grüne mit viel Herzblut erzählt. Mit Barsinghausen (NFV), 1. FC Germania Egestorf/Langreder, Friesen Hänigsen, TSV Havelse, Springe (Fußballmuseum) und dem 1. FC Wunstorf sind sechs Orte aus der Region im Buch vertreten, in Hannover hat der Autor acht besondere Fußballstätten besucht.

Dabei geht es Grüne nicht um die Gegenwart, auch Platzierungen, Punkte und die Tabelle spielen in seinen 100 Orten der Erinnerung keine große Rolle. Mit dem Blick des Historikers und der Leidenschaft eines Fans, dem der kleine Fußball am Herzen liegt, berichtet er von seiner ganz persönlichen Reise durch Niedersachsen und liefert einhundert unterhaltsame, manchmal spannende und immer informative Kurzgeschichten zu den großen und kleinen Vereinen vom Bremer Weserstadion bis zum Sportplatz bei Postels des SV Blau-Weiß Bornreihe.

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Muss auch mal sein: Koldingens Imad Saadun muntert Sehndes Daniel Neitzke mit einem Klaps auf. Zur Galerie
Muss auch mal sein: Koldingens Imad Saadun muntert Sehndes Daniel Neitzke mit einem Klaps auf. ©

Auch sein Streifzug durch die Region zeigt die Vielfalt des regionalen Fußballs in seiner ganzen Breite und Tiefe. In Barsinghausen etwa, das „im Spitzenfußball selbst zwar keine Rolle“ spielt, wo aber beim Niedersächsischen Fußballverband (NFV) „unzählige Spitzenfußballer ihren finalen Schliff erhielten“.

Das Wunder ist eigentlich gar keins

Um den NFV geht es auch beim „umstrittenen Emporkömmling“ Egestorf/Langreder. „Dass ein aufstrebender Landverein in den Fokus der bundesweiten Presse rückt, geschieht nicht alle Tage“, schreibt Grüne und bezieht sich damit auf den Vorwurf von zu großer personeller Nähe des Klubs zum Verband.

Als das „Wunder von Havelse“ erzählt Grüne vom Aufstieg in die 2. Bundesliga, den der Garbsener Klub im Juni 1990 unter Trainer Volker Finke perfekt machte. Auch hier schaut Grüne hinter den Erfolg und nimmt die Entwicklung des Klubs unter die Lupe. Dabei findet er viele kleine Puzzleteile, die zusammen das ganze Bild ergeben.

Sorgte für Fußball-Fieber in Wunstorf: Der ehemalige Nationaltorwart Uli Stein machte auch beim 1. FC im Barne-Stadion eine gute Figur.
Sorgte für Fußball-Fieber in Wunstorf: Der ehemalige Nationaltorwart Uli Stein machte auch beim 1. FC im Barne-Stadion eine gute Figur. © imago sportfotodienst
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„Havelses Fußballwunder war eigentlich kein solches, denn bereits in den 1950er-Jahren wurde in der damals durch Ostflüchtlinge rasant anwachsenden Gemeinde erfolgreich Fußball gespielt. Havelses Erfolgsrezept war und ist der eigene Nachwuchs. Havelse, das war und ist immer ein Großverein gewesen, bei dem jeder spielen darf, unabhängig vom Talent.“

Als Wunstorf gerät ins Fußballfieber gerät

Am Ende des Buches wirft Grüne noch einen Blick ins Barne-Stadion des 1. FC Wunstorf, in dem der spätere Nationaltorwart Uli Stein seine ersten Erfahrungen im Leistungsfußball sammelte. „Stein, schon damals mit einem recht ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet,... trug dazu bei, dass Wunstorf quasi über Nacht in ein schweres Fußballfieber geriet.

Zwei Aufstiege in vier Jahren, von der Bezirksliga bis ans Tor zur Oberliga Nord, die Kleinstadt vor den Toren Hannovers, in der Stein nebenbei bei Autohändler Kramer eine kaufmännische Ausbildung durchlief, stand vor goldenen Tagen“, schreibt Grüne. Zum großen Durchbruch hat es damals nicht gereicht, und auch heute ist der Landesligist weit davon entfernt. Doch das macht nichts, denn der kleine Fußball hat auch ganz viel zu bieten.