13. Juni 2021 / 14:24 Uhr

Hartwigs Weg von Riesa nach Döbeln: Torwart und Linksaußen "mit dem Drang nach vorn"

Hartwigs Weg von Riesa nach Döbeln: Torwart und Linksaußen "mit dem Drang nach vorn"

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Thorsten Hartwig ist Geschäftsführer der größten Multifunktionsanlage für Sport und Freizeit beim DSC.
Thorsten Hartwig ist Geschäftsführer der größten Multifunktionsanlage für Sport und Freizeit beim DSC. © Privat
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Die erstaunliche Karrie von Thorsten Hartwig hat bei der BSG Stahl Riesa ihren Lauf genommen. Der Keeper hütete über lange Jahre das stählerne Gehäuse. Später erfüllte sich der Fußballer noch einen Wunsch – er ging als Feldspieler beim Döbelner SC aufs Grün und machte dabei eine gute Figur. Dem Verein ist der 61-Jährige noch immer verbunden.

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Döbeln. „Ich habe mich als Torwart nie so richtig wohlgefühlt, so komisch das klingt“, bekennt Thorsten Hartwig. Der heutige Geschäftsführer des Döbelner Sport- und Freizeitzentrums „WelWel“ blickt auf eine bemerkenswerte Sportler- und Berufslaufbahn zurück. Er begann schon als Neunjähriger im Verein Fußball zu spielen. Und zwar bei der besten Adresse seiner Heimatstadt Riesa, bei der BSG Stahl. Gleich als Torwart, was angesichts des obigen Bekenntnisses zumindest stutzen lässt. „Ich wollte eigentlich draußen spielen, weil man als Keeper so etwas wie Einzelspieler im Team ist. Du gewinnst recht selten ein Spiel als Torwart, bis aber oft der alleinige Verlierer, wenn Du einen Fehler machst“, erklärt der heute 61-Jährige. Man könne als Torhüter oft nur reagieren.

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Vizemeister in zweitklassiger DDR-Liga

So verwundert es nicht, dass er später, und zwar in Döbeln, in der Spätphase seines Sportlerlebens, seinen Wunsch noch erfüllte, Feldspieler zu sein. Doch zuvor stand ungeachtet seines Drangs „aus der Kiste“ eine sehr respektable Torhüter-Karriere. Schon nach drei Monaten schaffte er es als Zehnjähriger in die Dresdner Bezirksauswahl seiner Altersklasse. „Von da an gab es kein Zurück aus dem Tor – für meine Trainer kam das wohl nie in Frage.“

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Bei Stahl durchlief er den kompletten Nachwuchsbereich, schon mit 16 bekam er eine Sondergenehmigung für die Männer und spielte im Riesaer Bezirksliga-Team Stahl II. Auch in der Nachwuchs-Oberliga-Elf, die die Vorspiele der DDR-Oberliga bestritt, kam er zum Einsatz.

Mit 19 musste er seinen Armeedienst antreten. Für Hartwig bedeutete das angesichts seines Talents jedoch keinesfalls die Unterbrechung der Sportkarriere, sondern Vorwärts Kamenz, die Repräsentativ-Armeesportgemeinschaft der DDR-Luftstreitkräfte, angelte sich den großgewachsenen Tormann. Eine erfolgreiche Phase, denn mit den Kamenzern stieg er von der Bezirksliga Dresden in die zweitklassige DDR-Liga auf und wurde dort gleich Vizemeister der Staffel D, wohlgemerkt knapp hinter dem späteren Ober- und Bundesligisten Energie Cottbus. Zur gleichen Zeit begann er ein Fernstudium zum Diplom-Sportwissenschaftler, das er 1985 mit einer Arbeit zu einem sportpsychologischen Thema abschloss. Da war er längst wieder in Riesa.

Hartwig mischt in Döbeln mit

Von 1981 bis 1987 gehörte er zum Erstliga-Kader von Stahl. „Allerdings bekam ich keinen einzigen Oberliga-Einsatz“, gibt er lächelnd preis. Er hatte den Ex-Dresdner Claus Boden vor der Nase, der Alt-Profi ließ in jeder Hinsicht keinen Nachwuchs aufkommen, spielte intern auch nicht immer mit sauberen Mitteln. „Nicht nur körperlich konnte man nicht zu ihm aufblicken, ein Vorbild war er für mich jedenfalls nicht. Trotzdem war es eine geile Zeit“, erinnert sich Hartwig. „Aber als Eigengewächs hattest Du bei Stahl zumindest im Tor kaum eine Chance, obwohl diese Betriebssportgemeinschaft professionell gemanagt und dank des Trägerbetriebes, des Stahlwerks, finanziell auch gut besattelt war. Doch die Nähe und Abhängigkeit von Dynamo Dresden war wohl zu groß“, glaubt Hartwig. Vielleicht sei es ein Fehler gewesen, an der Elbe zu bleiben. „Ich hatte auch mal die Möglichkeit, zu Hansa Rostock zu gehen, wollte das aber nicht.“

Thorsten Hartwig (r.) läuft im DSC-Dress auf.
Thorsten Hartwig (r.) läuft im DSC-Dress auf. © Archiv

Nach Döbeln führte ihn sein Weg, als sich die BSG Motor leistungsorientierter aufstellte. Heiner Hellfritzsch, der Direktor vom Kosmetikhersteller Florena, soll 1987 staatlicherseits vor die Alternative gestellt worden sein, Sponsor (in DDR-Sprache: Trägerbetrieb) eines Faschingsvereins oder der BSG Motor, die bis dahin vom VEB Doblina unterstützt wurde, zu werden. Hellfritzsch entschied sich für den Sport und brachte auch dank der betrieblichen Mittel neuen Schwung einschließlich mehr Leistungsdenken in den Verein. Damit verbunden war das Rekrutieren guter Spieler.

Vizepräsident und Co-Trainer beim DSC

So kam Hartwig, der in Riesa keine Perspektive mehr sah und außerdem gerade an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig in einer Forschungsgruppe mitarbeitete, nach Döbeln. Er brachte seinen ehemaligen Trainer aus Riesa, Klaus Weißpflock, gleich mit. Nun konnte der gelernte Keeper endlich zeigen, dass er auch als Feldspieler eine gute Figur macht. Hartwig spielte Linksaußen oder im defensiven Mittelfeld, der Linksfuß mischte auch da gekonnt mit. „Anfangs stand ich noch im Kasten, später spielte ich fast nur noch draußen“, erinnert er sich. Schon 1987/88 gelang der Aufstieg aus der Bezirksklasse in die Bezirksliga Leipzig.ries

Mit der politischen Wende 1989/90 wurde aus der BSG Motor wieder der Döbelner SC (02/90). Hellfritzsch wurde DSC-Präsident, Hartwig „Vize“ und Co-Trainer, spielte aber noch bis 1995 – mit abnehmender Frequenz – mit. Unterdessen war er bei Florena Leiter der Rechtsabteilung und absolvierte neben den Herausforderungen der Wendezeit noch ein Betriebswirtschaftsstudium an der GSBA Zürich.

Größte Multifunktionsanlage beim DSC

Beim DSC blieb er bis 2000 ehrenamtlich in leitender Funktion, trat dann aber nicht mehr zur Wahl an. Stattdessen wurde er Geschäftsführer des „WelWel“, das ursprünglich als Projekt des Vereins auf den Weg gebracht worden war. Er übernahm gemeinsam mit seinem Partner Lutz Iwan die eigens dafür gegründete Firma, nachdem die anfänglichen Investoren es nicht mehr stemmen wollten. Hartwig war für den Bau verantwortlich. Am 22. August 2002 sollte Eröffnung sein, doch neun Tage zuvor stand das Wasser der nahen Mulde über anderthalb Meter hoch im Erdgeschoss – die Jahrhundertflut hatte auch am Heinz-Gruner-Sportpark zugeschlagen. Der Schaden belief sich auf 3,5 Millionen Euro, glücklicherweise war das Objekt versichert. Also ging man relativ zügig an die Wiederherrichtung, im Dezember 2002 wurde dann tatsächlich eröffnet.

Heute ist das „WelWel“ die größte Multifunktionsanlage für Sport und Freizeit in der Region, fast 70.000 Gäste kommen jährlich. Hartwig managt das Ganze mit seinem Geschäftspartner Iwan bis heute erfolgreich und unterdessen mit einem gehörigen Schuss Erfahrung. Er fiebert mit seinen Kollegen dem 20-jährigen Jubiläum im kommenden Jahr entgegen. Der Torwart mit dem Drang nach vorn beweist seine Fähigkeiten auch im Beruf, nicht nur auf sportlichem, sondern offenbar auch auf betriebswirtschaftlichem Gebiet sowie im Marketing. Für Döbeln eine feine Sache, für den Ex-Riesaer ebenfalls. Könnte man „WelWel-Situation“ nennen.