17. Mai 2021 / 20:58 Uhr

Andreas Raelert: Hawaii soll der krönende Abschluss werden

Andreas Raelert: Hawaii soll der krönende Abschluss werden

Stefan Ehlers
Ostsee-Zeitung
Faszination Hawaii: Andreas Raelert schaffte beim legendären Ironman fünfmal den Sprung aufs Treppchen.
Faszination Hawaii: Andreas Raelert schaffte beim legendären Ironman fünfmal den Sprung aufs Treppchen. © dpa
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Der Rostocker spricht über seine letzte Saison als Triathlon-Profi, über die Faszination Ironman, über seine Olympia-Auftritte und über seinen Traum, mit der Familie in einem Wohnmobil durch Europa zu reisen.

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Seit gut einem Jahr werden reihenweise Wettkämpfe abgesagt. Wovon lebt ein Triathlon-Profi in Corona-Zeiten?

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*Andreas Raelert: *Von der Hoffnung. Die rennfreie Zeit und die Ungewissheit, wann das nächste Rennen stattfinden kann, ist zermürbend, aber es wäre trotzdem ein Jammern auf hohem Niveau. Die Situation ist, wie sie ist. Für das Gemeinwohl muss man bestimmte Einschränkungen in Kauf nehmen. In ein paar Jahren wird man rückblickend feststellen, dass die Zeit gar nicht so lange war, wie sie uns aktuell erscheint.

Sie wollten vergangene Woche bei der „Krone von Buschhütten“ in Ihre letzte Saison als Profi starten. Der Wettkampf fiel aus. Wann geht es für Sie los?



Mein großes Ziel ist es, mich noch einmal für die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii zu qualifizieren. Stand jetzt ist der Ironman in Frankfurt am Main die einzige Qualifikationsmöglichkeit im deutschsprachigen Raum. Das Rennen wurde in den August verschoben. Darauf werde ich mich voll und ganz konzentrieren. Für mich ist Hawaii einfach noch mal ein Traum. Ich werde diesem Ziel alles unterordnen und wäre dankbar, wenn es klappt. Falls nicht, ist es nicht weiter tragisch. Dann sollte es nicht sein. Ich möchte das letzte Profijahr genießen. Die Kinder sollen Spaß haben an dem, was der Papa macht.

Sie haben auf Hawaii fünfmal auf dem Treppchen gestanden. Beschreiben Sie mal die Faszination dieses Rennens?

Es ist für Triathleten das größte Rennen neben den Olympischen Spielen. Der Mythos Hawaii resultiert aus der Vergangenheit. In den Siebzigerjahren haben sich amerikanische Soldaten gefragt, wer der kompletteste Athlet ist. Dann haben sie sich überlegt, dass die Kombination aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem Marathonlauf die größtmögliche sportliche Herausforderung ist.

Sie haben 2000 und 2004 an den Olympischen Spielen teilgenommen. Ist das vergleichbar mit dem Ironman?

Beides ist unglaublich reizvoll – aber auf unterschiedliche Weise. Ich habe von den Olympischen Spielen in Sydney und Athen noch alle Momente in Erinnerung, weil sie nur alle vier Jahre stattfinden und der Qualifikationsmodus unheimlich hart war. Mit den Plätzen zwölf und sechs war ich an meiner damaligen Leistungsfähigkeit. Bei den Weltmeisterschaften auf Hawaii war ich immer in der Lage, das Rennen auch zu gewinnen – rein von der physischen und mentalen Voraussetzung her. Dass es dort bis dato nicht zum Sieg gereicht hat, liegt daran, dass an diesem Tag X einfach jemand stärker war. Das gehört zum Sport dazu. Hawaii sticht deshalb heraus, weil es mental und körperlich so eine extreme Herausforderung ist. Eine Renndauer von acht Stunden zerrt ungemein an den mentalen Reserven.

Sie haben zig Siege errungen, waren Welt- und Europameister. Wo bewahren Sie Ihre Medaillen und Pokale auf?

In meinem Arbeitszimmer. Die Akkreditierung von den Olympischen Spielen und die Schalen, die man auf Hawaii bekommt, sind in einer Ecke dekoriert.

Wie sind aktuell Ihre Trainingsumfänge?
Ich schwimme wöchentlich 25 bis 30 Kilometer. Das sind fünf Einheiten à anderthalb Stunden. Beim Radfahren sind es ungefähr sechs Einheiten zwischen zwei und fünf Stunden, da komme ich auf 300 bis 600 Kilometer. Und beim Laufen sind es sechs bis acht Einheiten. Da bewegen wir uns im Umfang zwischen 100 und 140 Kilometer. Ich kann als Profisportler die Schwimmhalle nutzen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe zu Hause im Keller einen Trainingsraum, in dem ein Fahrrad-Ergometer und ein Laufband stehen. Wenn das Wetter schlecht ist, habe ich in den eigenen vier Wänden die Möglichkeit, das Training draußen zu simulieren. Es ist zwar nicht ganz so schön, aber der Zweck heiligt die Mittel.

Fahren Sie auch virtuelle Rennen?

Nein, da fehlt mir der Zugang. Ich trainiere klassisch stupide im Keller. Das gehört einfach dazu. Die Zeiten, in denen ich mehr als 300 Tage im Jahr als Profi unterwegs war, sind vorbei. Jetzt bin ich zweifacher Papa und kann bei der Familie sein – das wiegt vieles auf.

_Sie führen Buch über Ihre Trainingsumfänge. Haben Sie mal durchgerechnet, wie oft Sie die Erde schon umrundet haben? _

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Nein, aber ich gehe davon aus, dass ich von den Kilometern her die Erde alle drei bis vier Jahre einmal umrunde.

_Sie werden im August 45, treiben seit fast drei Jahrzehnten Leistungssport und Ihr Körper spielt immer noch mit? _

Ich kann nahezu schmerzfrei trainieren. Der Verschleiß hält sich glücklicherweise in Grenzen. Das liegt an der Vielseitigkeit der Sportart. Hochleistungssport ist kein Gesundheitssport. Die Gelenke und der Bewegungsapparat eines Profifußballers altern im Laufe der Jahre um ein Vielfaches mehr als die eines Triathlon-Profis. Deswegen kann ich jedem nur empfehlen, mit einem Ausdauersport zu beginnen – selbst im hohen Alter. Die Topbelastungen, die ich noch abrufen kann, ähneln meinen Bestwerten. Das stimmt mich für Hawaii optimistisch. Was ich aber merke: Wenn ich hohe Umfänge oder mit einer hohen Intensität trainiere, brauche ich im Vergleich zu früher doppelt so lange, um mich zu erholen.

Was machen Sie nach Ihrer Karriere?
Es gibt einige Optionen, die aber noch nicht spruchreif sind. Ich habe einen großen Traum. Ich möchte mit der Familie eine Auszeit nehmen und mit ihr in einem Wohnmobil durch Europa reisen. Vielleicht bis Asien. Im Hinterkopf habe ich sogar eine Weltreise. Um das Leben zu entschleunigen und um die Umgebung anders wahrzunehmen. Als Sportler hat man immer nur den Blick für die Trainingsbedingungen. Wie sind die Straßen? Wo ist das Wasser? Wie sind die Laufbedingungen? Das möchte ich hinter mich lassen und die Umgebung mit meiner Frau und den Kindern genießen.

Triathlon-Profi und zweifacher Familienvater

Andreas Raelert wurde am 11. August 1976 in Rostock geboren. Der 1,84 Meter große und 70 Kilogramm schwere Athlet lebt mit seiner Ehefrau Julia und den Söhnen Theo (5) und Fritz (2) in der Hansestadt.

Hochzeit im April 2015: Andreas Raelert mit Ehefrau Julia. 
Hochzeit im April 2015: Andreas Raelert mit Ehefrau Julia.  © OZ-Archiv

Andreas ist der ältere der beiden Raelert-Brüder. Michael (40) ist mehrfacher Welt- und Europameister auf der Ironman 70.3-Distanz. Beide starten für die TG triZack Rostock.

Starkes Duo: die Triathleten Michael (l.) und Andreas Raelert. 
Starkes Duo: die Triathleten Michael (l.) und Andreas Raelert.  © privat

Zweimal vertrat Andreas Raelert Deutschland bei Olympischen Spielen. 2000 in Sydney wurde er Zwölfter, vier Jahre später lief er als Sechster ins Ziel.

2008 wechselte der Hansestädter von der olympischen auf die Langdistanz.

Bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii wurde er dreimal Zweiter und zweimal Dritter. 2010 holte er bei der Europameisterschaft Gold und erzielte ein Jahr später bei der Challenge Roth 7:41:33 Stunden eine Weltbestzeit. Darüber hinaus wurde er 2008 Vize-Weltmeister beim Ironman 70.3 in Clearwater. Raelert gewann insgesamt vier Ironman-Titel und neun Ironman-70.3-Rennen. Von 2009 bis 2011 wurde er zum Triathleten des Jahres gekürt.