20. November 2019 / 20:53 Uhr

Wolfsburgs schwedische Nummer 1:  "Die Bundesliga muss ein bisschen aufpassen!"

Wolfsburgs schwedische Nummer 1:  "Die Bundesliga muss ein bisschen aufpassen!"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Wolfsburgs Nummer 1 und Schwedens Nummer 1:  Hedvig Lindahl steht seit dieser Saison im Tor des VfL.
Wolfsburgs Nummer 1 und Schwedens Nummer 1:  Hedvig Lindahl steht seit dieser Saison im Tor des VfL. © imago images / Eibner
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Die deutsche Nummer 1 macht Babypause - darum wird die schwedische Nummer 1 jetzt erst einmal dauerhaft im Tor des VfL Wolfsburg stehen. Vor dem Hit der Frauenfußball-Bundesliga gegen Bayern München spricht Hedvig Lindahl im SPORTBUZZER-Interview über ihre Rolle und die Lage der Liga.

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Dass beim Interviewtermin mit Hedvig Lindahl auf dem VfL-Gelände ausgerechnet Almuth Schult fröhlich durchs Fenster winkt, passte. Denn die beiden Top-Torhüterinnen Schwedens und Deutschland hätten sich eigentlich demnächst ein spannendes Duell um dem Platz im Tor des VfL Wolfsburg liefern sollen. Dass dieses ausfällt, weil Schult nach ihrer Schulter-Reha erst einmal Baby-Pause macht, gehörte zu Dingen, über die Lindal (36) im im SPORTBUZZER-Interview spricht – und die Keeperin, die im Sommer aus vom FC Chelsea kam, hatte auch zu weiteren Themen Klartext zu bieten.

Wie gut ist eigentlich Ihr Deutsch? Sie sind seit acht Jahren mit einer Deutschen verheiratet...

Ja, aber Sabine ist zwar in Berlin geboren, aber ihre Mutter kommt aus Singapur, sie hat immer hauptsächlich Englisch gesprochen. Deswegen musste ich nie wirklich Deutsch sprechen. Ich weiß noch, wie wir mal beim Mittagessen waren, und ich sagte: „Los, ich will Deutsch lernen!“ Viel weiter als bis zum Wort „Kartoffel“ sind wir nicht gekommen. Jetzt lerne ich es natürlich, und der ältere unserer beiden Söhne ist gerade hier in die Schule gekommen und ich kann in seine Bücher schauen. Da bekomme ich dann einiges mit.

Die Kommandos auf dem Feld klappen?

Ja. Der Trainer hat zwar gesagt, ich soll im Spiel lieber Englisch reden als gar nicht zu reden, aber „links“, „rechts“, „noch mal“ oder „raus“ klappen schon ganz gut. Ich habe das Gefühl, in jedem Spiel kommt ein Wort dazu.

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Der passt: Pia Wolter macht das 1:0 für den VfL Wolfsburg gegen Essen ©

Als im Sommer klar war, dass Almuth Schult eine Weile nicht wird spielen können, waren in Deutschland viele überrascht, dass eine Top-Torhüterin wie Sie auf dem Markt ist.

Ich war nicht überrascht (lacht). Ich wusste schon seit Dezember, dass Chelsea meinen Vertrag nicht verlängern wird und Ann-Katrin Berger als neue Nummer 1 eingeplant war, konnte mich also darauf einstellen, dass ich vielleicht die WM spielen werde, ohne zu wissen, was danach passiert. Ich empfand das nicht als Druck, sondern habe mich eher frei gefühlt, habe mein Training vor der WM dann selbst organisiert. Das war gut.

Sie spielten eine sehr starke WM, da muss es dann doch Angebote gegeben haben?

Ja, es gab Anfragen, da spielte vielleicht auch der gehaltene Elfmeter gegen Kanada eine Rolle. Aber ich hatte schon gehört, dass Almuth vielleicht ausfallen würde und habe ehrlich gesagt, ein bisschen darauf spekuliert, dass sich Wolfsburg vielleicht meldet. Ein spanischer Klub hatte auch starkes Interesse, das hätte interessant sein können. Bei allen anderen Anfragen hatte ich eher das Gefühl, dass das ein Schnellschuss wäre, nur um irgendeinen Klub zu haben.

Sie haben sich für Wolfsburg entschieden - obwohl Sie damals davon ausgehen mussten, dass Almuth Schult in der Rückrunde wieder spielt und Sie dann auf der Bank sitzen.

In Chelsea habe ich im letzten Jahr auch auf der Bank gesessen, so gesehen hatte ich ja nichts zu verlieren. Und wenn Sie sich die Top-Klubs anschauen, werden Sie feststellen: Es wird immer mehr rotiert, auch im Frauenfußball, auch auf der Torwartposition. Sieben oder acht Spiele in einem Monat auf Top-Level – das ist mental nicht so einfach. Ich denke, dass jeder Klub, der in drei Wettbewerben spielt, auf jeder Position mehr als eine Top-Spielerin braucht.

Nun ist eine neue Situation entstanden, weil Almuth Schult Mutter wird und Sie erst einmal die Nummer 1 bleiben. Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus, und es gibt Spekulationen über Ihr Karriere-Ende.

Ja, aber das habe ich ja nie so gesagt. Vielleicht ist nach Olympia 2020 Schluss im Nationalteam, aber wenn ich hier meine Leistung bringe und der Verein mich weiter möchte, dann kann ich mir gut vorstellen, länger beim VfL zu bleiben. Meine Familie fühlt sich sehr wohl hier, ich möchte spielen, so lange es geht. Außerdem müsste ich mir dann ja erst einmal überlegen, was ich danach machen möchte, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich habe ja kein Jahresgehalt auf dem Sparbuch, mit dem ich erst einmal unabhängig wäre. Außerdem ist der Job, den ich gerade habe, der beste der Welt. Ich wäre dankbar, wenn der Klub mir einen weiteren Vertrag anbietet.

Ihr Vater war Erstliga-Spieler in Schweden – allerdings im Mittelfeld. Warum sind Sie Torhüterin geworden?

Ich habe die Bälle einfach immer lieber gefangen.

Und von einer internationalen Karriere geträumt?

Ja, und sogar davon, mal in Deutschland zu spielen. Potsdam, Frankfurt, Duisburg – das waren damals die europäischen Top-Klubs, die Bundesliga war die beste Liga, die es gab.

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Jubel beim VfL ©

Ist sie das immer noch?

Die Dinge ändern sich, und die Bundesliga muss ein bisschen aufpassen. Wenn man die Geschichte sieht und die Qualität der einzelnen Spiele, dann ist die deutsche Liga sicherlich immer noch top. Aber das Drumherum, die Vermarktung – da geht anderswo gerade mehr ab. In England und Spanien wird viel in den Frauenfußball investiert, es kommen viele Zuschauer zu den Spielen, vor allem England bietet neuerdings nicht nur gutes Geld für Top-Fußballerinnen, sondern auch Spiele vor vollen Tribünen. Jetzt ist die Frage, wie die deutsche Liga reagiert. Es gibt eine Sache, die nur Deutschland hat: Eine lange Geschichte des Frauenfußballs auf allerhöchstem Niveau – in den Vereinen und im Nationalteam. Das war eine Dominanz, die auch eine Gefahr mit sich bringt: Man bekommt manchmal nicht mit, wie sehr anderswo daran gearbeitet wird, aufzuholen. Die Qualität des Fußballs in Deutschland ist immer noch enorm hoch – aber in England hat man begriffen, wie man das Produkt verkauft.

Und das führt dazu, dass die Teams auch sportlich besser werden?

Das passiert vielleicht gerade. Sie verfolgen die Spiele des VfL Wolfsburg, Sie sehen, dass der VfL die Top-Teams anderer Länder immer noch besiegt. Aber mittlerweile gibt es Experten, die sagen: Das Tempo in der englischen Liga ist schon höher als in Deutschland. Wenn das stimmt, wäre es in Deutschland an der Zeit aufzuwachen und sich zu fragen: Was können wir tun, um Top-Spielerinnen weiterhin in die Bundesliga zu locken. In England gibt es Standards, die die Klubs einhalten müssen – beispielsweise, dass dort alle Vollzeit im Fußball arbeiten. Ich bin nicht lange genug in Deutschland, um die Rolle des DFB zu beurteilen, aber ich kann ich sagen: In England verlangt der Verband ein professionelles Umfeld in den Teams seiner Women’s Super League.

Zum Ihrem Spiel gegen die Bayern werden am Samstag 3000 Zuschauer erwartet, das ist Saisonrekord in Deutschland...

...während in anderen Ländern gerade reihenweise Zuschauerekorde im Bereich von 30.000 Zuschauern gebrochen werden. Da darf man sich schon fragen, warum das ausgerechnet in dem Land, das über Jahre weltweit führend im Frauenfußball war, nicht der Fall ist.

Sind Spiele gegen Bayern auch für Sie als Torhüterin das Highlight? Sie müssen ja damit rechnen, dass sie mehr zu tun bekommen als in anderen Begegnungen...

Oh, gegen Hoffenheim war’s auch nicht langweilig für mich! Das war ein sehr guter Gegner, ein enges Spiel. Wenn eine Mannschaft wie Hoffenheim, in der Spielerinnen noch nebenbei einen anderen Job haben, so gut sind, dann muss da viel richtig laufen. Die werden wir im Auge behalten müssen. Und ansonsten bereite ich mich auf jeden Gegner gleich vor. Das Spiel bei den Bayern jetzt hat sich allerdings schon ein wenig anders angefühlt – auch, weil es ein Pokalspiel war und es darum ging, ob du im Wettbewerb bleibst oder nicht. Ich bin solche engen Spiele natürlich vor allem im Nationalteam gewöhnt – bei jedem Turnier spielen wir gegen Mannschafteb, die so gut wie wir oder besser sind.

Hatten Sie am Samstag Mitleid mit Laura Benkarth, Ihrer Kollegin im Bayern-Tor, die zweimal nicht gut aussah?

Grundsätzlich gibt es immer eine gewisse Empathie unter den Torhütern. Aber ich habe mir diese Szenen noch einmal angeguckt und muss sagen: Sie hat sich nicht viel vorzuwerfen. Beim ersten Tor war es fast egal, ob sie rauskommt oder nicht, es wäre immer schwierig geworden. Und bei der Faustabwehr vorm zweiten Tor hat sie einfach Pech – wäre der Ball fünf Meter weiter links oder rechts gelandet, wäre sie vielleicht die Heldin des Spiels geworden, weil sie kurz zuvor gegen Popp so stark gehalten hat.

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Ist der 3:1-Sieg am vergangenen Samstag eher ein Vorteil für den VfL mit Blick auf das kommende Duell?

Eher ein Nachteil. Es wird eher härter – der Wille, jetzt dieses Spiel zu gewinnen, wird bei Bayern noch größer sein.

Sie benutzen einen speziellen Sonnenschutz in den meisten Spielen, weil Sie aufgrund einer Erkrankung Hautpigmente verloren haben. Hat das Einfluss auf Ihren sportlichen Alltag?

Nein, ich schaue regelmäßig nach den UV-Werten und haben gute Produkte, die mich schützen. Als ich beim Spiel in Köln den Schutz auftrug, fragte mich Lena Goeßling, was ich da mache – ich hatte ganz vergessen, dass es ein Abendspiel war, so sehr gehört der Schutz schon zur Routine meiner Spielvorbereitung. Im Sommer ist es manchmal ein bisschen schwieriger – aber so gesehen, war es dann vielleicht ganz gut, dass ich nicht nach Spanien gegangen bin.