12. Juni 2018 / 06:00 Uhr

Fecht-Star Heidemann interviewt Golf-Star Kaymer: Als bester Golfspieler der Welt "so leer gefühlt"

Fecht-Star Heidemann interviewt Golf-Star Kaymer: Als bester Golfspieler der Welt "so leer gefühlt"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der beste deutsche Golfer Martin Kaymer hat sich von Fechterin und Freundin Britta Heidemann interviewen lassen.
Der beste deutsche Golfer Martin Kaymer hat sich von Fechterin und Freundin Britta Heidemann interviewen lassen. © Getty Images/Montage
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Fechtstar Britta Heidemann und Golfprofi Martin Kaymer kennen sich seit Jahren. Für den SPORTBUZZER hat Heidemann ihren Bekannten interviewt. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Gespräch unter absoluten Spitzensportlern, in dem Kaymer bekannt, dass ihn der Erfolg nicht immer erfüllt hat - er jetzt aber wieder angreifen will.

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Britta Heidemann für den SPORTBUZZER: Martin, bitte erkläre mir mal: Wie kommt man mit zehn Jahren eigentlich zum Golfspielen?

Martin Kaymer: Mein Vater hat mich immer mal wieder mit auf den Golfplatz genommen. Da hat mir Golf erstmal gar nicht gefallen. Dann haben wir begonnen, mit der ganzen Familie zu spielen. Ich immer mit meiner Mutter im Team, wir waren wirklich sehr eng. Und das hat dann Spaß gemacht, vor allem, weil wir häufig gewonnen haben. Außerdem bin ich immer besser geworden, dann bleibt man dabei.

Schon als junge Athletin habe ich immer gespürt, dass irgendwie noch mehr geht, konnte das aber nicht ganz fassen. Wann hast du gemerkt, dass mehr in dir steckt?

Ich habe von Beginn an immer etwas länger trainiert als alle anderen. Es hat mir einfach Megaspaß gemacht. Viele haben gedacht: 18 Uhr, super, wir können gehen. Und ich hab mir immer gedacht: Schade, das Training ist vorbei.

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Über große Ziele wie einen Olympiasieg habe ich mir anfangs keine Gedanken gemacht. Ich habe einfach den Moment gelebt. Wie war es bei dir?

Ich wusste nicht, wo ich hinwollte, bis ich 20 war. Dann ging es um die Frage, wie das mit dem Abitur funktioniert. Ich war so selten in der Schule. Meine Eltern wollten, dass ich erst die Schule beende, und mir dann zwei Jahre geben, in denen sie mich finanziell unterstützen, um es mit dem Golfspielen weiter zu versuchen. In dieser Zeit habe ich gemerkt: Ich will Profigolfer werden. Dafür habe ich dann 100 Prozent gegeben.

Das hört sich entschlossen an.

Habe ich mich einmal für etwas entschieden, gibt es für mich keinen Plan B. Das lenkt nur ab und verschwendet Energie. Aber weißt du, ich habe meine Mutter früh verloren, und es ist so: Wenn im Umfeld etwas Schlimmes passiert, wird immer viel darüber geredet, dass man sich klarmachen muss, was im Leben eigentlich wichtig ist. Aber wenn so etwas in deiner eigenen Familie passiert, spürt man das halt richtig. Dadurch bin ich viel ruhiger geworden und mache mir weniger Druck. Weil ich am Ende des Tages den Ball von A nach B schlage, mehr mache ich da nicht.

​Die Freude am Besserwerden, das Weiterkommen war auch für mich immer der Antrieb. Wie war es für dich, ganz oben anzukommen?

Ganz ehrlich: Der Tag, als ich Nummer eins der Welt geworden bin, war auch einer der bittersten Momente meiner Karriere. Ich saß allein in einem Café in Scottsdale und habe mir im Internet die Weltrangliste angeschaut. Immer wieder hab ich auf „Aktualisieren“ gedrückt. Als ich mich dann endlich ganz oben auf der Liste sah, als ich wusste, ich bin der beste Golfspieler der Welt, da habe ich mich so leer gefühlt. Ich saß da ganz allein in diesem Café mit diesem Erfolg, das war auch traurig irgendwie. Und dann habe ich erstmals angefangen zu reflektieren, mit wem ich diesen Weg gegangen bin, wer mich unterstützt hat, wie viel Zeit, Leidenschaft und Energie ich investiert habe.

Kaymer und Heidemann witzeln auf der Tribüne bei Olympia 2016 in Rio. 
Kaymer und Heidemann witzeln auf der Tribüne bei Olympia 2016 in Rio.  © imago/Rene Schulz
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Dieses Leeregefühl kenne ich gut. Nach jedem großen Erfolg, wie etwa meinem Olympiasieg 2008 in Peking, kam immer erst das große Nichts. Dann die Frage: Worauf kommt es überhaupt an im Leben?

Es sind eben nicht nur allein die Titel, das sind ja nur Endziele. Und Erfolg ist ja auch immer relativ. Sport wird immer bewertet: Der erste Platz ist super, mit dem vierten Platz hat man versagt. Wir leben in einer oberflächlichen Welt. Dabei geht es darum, etwas zu machen, was dich erfüllt.

Was erfüllt dich?

Viele meinen ja, dass wir Sportler für den Erfolg viele Opfer bringen müssen. Das sehe ich anders. Ich war gar nicht der Typ, der feiern gehen wollte, sondern ich wollte ja gern trainieren und Turniere gewinnen. Mit einem Team um mich herum so ein Ziel zu verfolgen, das ist es, was mich glücklich macht.

"Ich habe jetzt die Möglichkeit, aufzuhören oder neue Wege zu gehen. Und aufhören will ich noch nicht."

Haderst du manchmal mit Entscheidungen?

Nein, denn jede Entscheidung hat sich ja in dem Moment, in dem man sie getroffen hat, gut angefühlt. Ich versuche immer, in mich reinzuhören und mich zu fragen: Was ist das Richtige jetzt? Man spürt das ja irgendwie, was einem guttut.

Was sagt dir dein Gespür gerade?

Ich habe jetzt die Möglichkeit, aufzuhören oder neue Wege zu gehen. Und aufhören will ich noch nicht. Zumindest möchte ich versuchen, alles zu gewinnen, was man gewinnen kann. Dafür fehlen mir noch zwei Major-Siege, und darauf lege ich den Fokus. Deshalb habe ich jetzt mit meinen Trainern einen Schlachtplan entworfen, um dieses Ziel volle Kraft voraus anzugehen. Es kann in einem Jahr so weit sein oder auch später. Ich weiß aber, dass ich es schaffen kann. Du weißt ja, wie sich das anfühlt, wenn man innerlich spürt, welches Potenzial und welche Kraft man hat. Das ist eben so ein Bauchgefühl.

​"Zum Beispiel als Rennfahrer. Dann würde ich da versuchen der Beste zu werden."

Und was kommt danach? Nach der Karriere?

Ich muss nicht mein ganzes Leben Profigolfer sein, auch wenn ich sicherlich nie ganz die Finger vom Schläger werde lassen können. Nach dem Golf werfe ich mich sicherlich in die nächste Herausforderung, das ist einfach mein Ding. Zum Beispiel als Rennfahrer oder so. Dann würde ich da versuchen, in einer bestimmten Klasse der Beste zu werden.

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Das letzte Jahr ist nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt hast. Stören dich Nachfragen dazu?

Ich brauche niemanden um mich herum, der eine schlechte Phase überdramatisiert oder zu sehr problematisiert. Panikmache kann ich nicht haben. Nachfragen dazu stören mich aber nur, wenn jemand keine Ahnung hat. Viele Interviews drehen sich natürlich darum. Anfangs habe ich sehr tiefgründig darauf geantwortet. Das habe ich aufgegeben. Viele können es nicht nachvollziehen, was ein Sportler in solchen Momenten durchläuft.

Und dann kam ja kürzlich auch noch deine Handgelenkverletzung dazu.

Ich habe wahnsinnig viel trainiert, wollte den Erfolg erzwingen. Ich war bisher immer für Quantität – je mehr, desto besser, habe ich mir gedacht (lacht). Man erreicht aber einfach irgendwann ein Alter, in dem man nicht mehr durch den Schmerz durchspielen kann, und das ist jetzt eben passiert. Jetzt trainiere ich weniger, aber dafür qualitativ besser.


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Viele haben ja eine Meinung dazu, was du tun oder nicht tun solltest. Wer oder was ist dein Kompass?

Mein engstes Umfeld besteht aus meinem Trainer, Vater und Bruder. Die sind nah dran, kennen mich, können das Ego rausnehmen und sehen nur die Sache, kein Drama. Das ist für mich wichtig.

Ich bin vor Olympia 2012 knapp an einem Burn-out vorbeigeschrammt, hatte mich völlig übernommen. Das war mir eine Lehre. Wie sieht es bei dir aus, bist du da eigenverantwortlich genug?

Leider nein. Ich hatte vor ein paar Jahren mal einen Tag, an dem mich meine Füße plötzlich nicht mehr getragen haben, da hatte ich einen richtigen Zusammenbruch. Ich bin aus dem Flugzeug gestiegen, mir war total komisch, ich war total überfordert. Ich habe mich gegen das Flugzeug gelehnt und konnte nicht mehr gehen. Das war so ein kleiner Wake-up-Call, dass es nicht so weitergehen kann.

Zum Schluss: Die nächste Herausforderung mit den US Open am Wochenende steht an. Du meintest, dass du hohe Erwartungen an dich hast.

Ja, weil ich weiß, was ich zu leisten in der Lage bin. Natürlich weiß ich aber genauso, dass ich mit meiner gerade erst kurierten Handverletzung jetzt erst wieder auf dem Weg nach oben bin.

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