16. Oktober 2020 / 18:04 Uhr

Historisches auf dem Heidering Wittstock: Celina Liebmann schreibt Speedway-Geschichte

Historisches auf dem Heidering Wittstock: Celina Liebmann schreibt Speedway-Geschichte

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Speedway-Fahrerin Celina Liebmann schrieb auf dem Wittstocker Heidering Geschichte.
Speedway-Fahrerin Celina Liebmann schrieb auf dem Wittstocker Heidering Geschichte. © Thomas Klemm
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Die 19-Jährige ist die erste Frau, die in der polnischen Liga punktet - sie spricht über die Liebe zum Bahnsport, Missgunst und Wölfe-Chef Frank Mauer.

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Nicht nur auf dem Wittstocker Heidering kannte der Jubel bei Zuschauern und Fahrern keine Grenzen, auch die sozialen Netzwerke und Speedway-Foren explodierten am vergangenen Wochenende. Grund war der Auftritt von Celina Liebmann, der beim letzten Ligarennen des MSC Wittstock Historisches gelang. Zum Abschluss der Premierensaison der „Wölfe“ in der 2. polnischen Liga sackte Liebmann erst einen, letztlich sogar zwei Punkte gegen Poznan ein. Sie ist damit die erste Frau, die in einer der drei Profiligen des Nachbarlandes Zählbares einfuhr.

„Ich wusste im Vorfeld natürlich, was ich da schaffen kann“, gibt die 19-Jährige zu: „Ob Teamkollegen oder die Fans auf den Tribünen – alle wussten Bescheid.“ In der Vorsaison probierte bereits Sindy Weber, einen Punkt zu schreiben, verpasste dies aber. Nun schlug Liebmanns große Stunde, die Chance ließ sie sich nicht nehmen – nicht noch einmal. „Ich war ja schon im Heimrennen gegen Rawicz dabei, wo mir leider das Glück fehlte. Umso dankbarer war ich, dass ich noch mal die Chance erhielt und diese nutzen konnte.“

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Im vierten Lauf war es soweit: Gemeinsam mit Lukas Fienhage rollte Celina Liebmann für die Wölfe ans Startband, gegen die Gästefahrer Robert Chmiel und Jakub Poczta musste sie sich behaupten. Ersterer fiel schnell mit einem technischen Defekt aus, anschließend jagte Liebmann Poczta über die vollen vier Runden. „Als der Lauf dann vorüber war, sind mir einige Steine vom Herzen gefallen, ich habe mein Ziel, in Polen in die Punkte zu fahren, erreicht. Mich erreichten in den Folgetagen auch viele Nachrichten und Glückwünsche. Viele staunen, dass eine Frau so gut mithalten kann“, sagt die gebürtige Bayerin, die in der Gemeinde Albaching nahe München aufgewachsen ist und auch lebt.

Durch Papa Jürgen kam Celina Liebmann bereits in jungen Jahren zum Speedway-Sport: „Mein Papa ist früher Eisspeedway gefahren, da war ich dann auch oft zugucken.“ Weil man diese Variante aber nicht vor dem 16. Lebensjahr ausüben darf, war das Schnuppertraining in Olching ein passender Ersatz. Die Leidenschaft für den Motorsport war geweckt, obwohl auch der Fußball für die baldige Erzieherin – Liebmann befindet sich im fünften und letzten Ausbildungsjahr – eine wichtige Rolle spielt: „Bis 2017 habe ich selbst noch beim SV Albaching gekickt, nach einem Motorradsturz aber aufgehört.“ In ihrem Heimatverein bringt sie den Jüngsten als Trainerin immerhin noch das Fußball-Abc bei, außerdem engagiert sich Celina Liebmann als Bahnsportreferentin im Deutschen Motorsport Verband.

Die größten Erfolge erlebt die Stahlschuhträgerin aber auf zwei Reifen: 2016 kürte sie sich in Teterow (Mecklenburg-Vorpommern) zur Deutschen Meisterin bei den Junioren (250ccm), ein Jahr später fuhr Liebmann die Vize-Weltmeisterschaft in der gleichen Klasse in Tschechien ein. Vor Wochenfrist schrieb sie in Wittstock Geschichte. „Das sind Momente, die mir niemand mehr nehmen kann.“ In ihrem Sport, durch den sie auch schon die schönsten Stadien, beispielsweise die Motoarena im polnischen Torun, gesehen hat, will sie weiterhin viel erleben. „Dieser Augenblick, wenn du auf eine Kurve zufährst und weißt, dass du da jetzt rumkommen musst, gibt mir immer wieder den Kick. Außerdem erfahre ich seit Jahren viel Unterstützung, eine große Fangemeinde steht mittlerweile hinter mir und macht mir immer wieder Mut.

Anfeindungen im Internet

Celina Liebmann weiß aber auch, dass es in dem männerdominierten Sport eine Kehrseite gibt: „Ich werde größtenteils akzeptiert, nehme aber auch Unruhe im Internet wahr. Dort werden Dinge geschrieben, die mir diese Personen nie ins Gesicht sagen würden.“ Selbst die beachtlichen Erfolge werden von einzelnen Gruppen nicht anerkannt, vielmehr wartet man darauf, dass Celina Liebmann einen schlechten Tag erwischt: „Dann fühlen sich diese Leute wieder gestärkt und betonen deutlich, dass Frauen in diesem Sport nichts zu suchen haben.“

Eine weitere Gefahr, die der Bahnsport mit sich bringt, sind Verletzungen. 2017 sollte die nationale Meisterschaft in Güstrow verteidigt werden, im ersten Lauf in Führung liegend stürzte Liebmann jedoch vom Motorrad und brach sich den sechsten und zehnten Brustwirbel – per Rettungshubschrauber wurde die Rennfahrerin nach Rostock ins Klinikum geflogen. „Ich habe mir auch schon zweimal das Schlüsselbein und einmal den Oberarm gebrochen, das Risiko spielt beim Speedway immer mit.“

Aktuell kämpft Celina Liebmann erneut gegen die Schmerzen, eine von bereits vielen Schrecksekunden in ihrer Karriere erlebte sie am vergangenen Sonnabend – keine 24 Stunden nach dem historischen Ligarennen gegen Poznan. Der traditionelle Ostseepokal auf dem Wittstocker Heidering befand sich bereits in der Endphase, im letzten Lauf fuhr Liebmann ganz vorne mit. „Ich habe schon in den dreieinhalb Runden zuvor gemerkt, dass mich der Ukrainer hart attackiert“, betont „Celi“. Gemeint ist Andrij Rozaliuk, der ebenfalls schon für die Wölfe in der polnischen Liga gestartet ist. Mehrfach konnte Liebmann ihm ausweichen, in die letzte Kurve fuhr er aber zu spitz, weshalb sowohl Rozaliuk als auch Liebmann zu Fall kamen. „Er hat dann sein Motorrad angeschoben und ist noch durch das Ziel gefahren“, verrät Liebmann, die eben jenes unfaires Verhalten nicht nachvollziehen kann: „Dieses Manöver war absolut unnötig.“

Lob für Wölfe-Chef Frank Mauer

Am Montag muss sich Celina Liebmann, die sich das linke Handgelenk zertrümmert und einen Haarriss im Ellenbogen davon getragen hat, unters Messer legen. Die Saison ist damit beendet: „Ich hätte noch zwei Rennen in diesem Jahr gehabt, diese wurden aber eh wegen der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt. Sechs Wochen werde ich jetzt ohnehin pausieren müssen, die Vorfreude auf das kommende Rennjahr ist aber schon jetzt da.“

„Ich will die nächsten Schritte in meiner Entwicklung machen, mich für die U21-Weltmeisterschaft qualifizieren und weitere Erfahrungen in der polnischen Liga sammeln“, blickt Liebmann voraus. Der MSC Wittstock will sich auch im nächsten Jahr in der Speedway-Hochburg präsentieren – für die talentierte Rennfahrerin die richtige Entscheidung: „Es war von Wittstock gewagt, im Nachhinein aber absolut korrekt. Dadurch werden die deutschen Fahrer gefördert. Ohne Frank Mauer hätte es diese Möglichkeit nie gegeben.“ Der Vereinschef der Wölfe lebt den Speedway-Sport wie kein Zweiter, das weiß auch Celina Liebmann: „Er ist ein Macher und ich habe größten Respekt vor Frank. Überhaupt bin ich sehr gerne in Wittstock, die Bahn ist die beste Deutschlands, vielfältig und groß, da kann man viele Linien fahren. Und auch die Fans nehmen die polnische Liga toll an, sind dankbar.“

Die beste Frau im Speedway-Sport, die immer auf Papa Jürgen, Mama Sylvia, Schwester Lisa und Bruder Leon zählen kann, will ihren Status weiter behaupten: „Das Punkteziel in der polnischen Liga weitet sich automatisch aus, als Rekordhalterin will ich neue Rekorde aufstellen. Es macht mir immer großen Spaß, die Jungs zu ärgern.“