12. Juli 2021 / 18:55 Uhr

Heimische Kicker und ihr EM-Fazit: "Fans, die durch ganz Europa reisen müssen, das ist ein No-Go"

Heimische Kicker und ihr EM-Fazit: "Fans, die durch ganz Europa reisen müssen, das ist ein No-Go"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die EM sorgte für Begeisterung, aber nicht nur: Siggi Reich (v. l.), Rocco Tuccio, Dennis Laeseke, Sören Henke und Svenja Heling ziehen ihr persönliches Turnier-Fazit.
Die EM sorgte für Begeisterung, aber nicht nur: Siggi Reich (v. l.), Rocco Tuccio, Dennis Laeseke, Sören Henke und Svenja Heling ziehen ihr persönliches Turnier-Fazit. © DPA/Photowerk/NFV-Kreis Gifhorn/Privat
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Italien ist Europameister! Doch von dieser EM, die mitten in der Corona-Pandemie eine große Party mit Tausenden Gästen auf dem gesamten europäischen Kontinent war, bleibt noch viel mehr. Auf und neben dem Platz. Wir haben uns in der Fußball-Szene umgehört zum persönlichem EM-Fazit.

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Italien ist Europameister, England musste sich am Sonntagabend im heimischen Wembley-Stadion im Elfmeterschießen geschlagen geben. Doch von dieser EM 2020, die Corona-bedingt 2021 stattfand, bleibt viel mehr. Zeichen gegen Rassismus, volle Stadien trotz Pandemie, wichtige Elfmeter, strittige Schiri-Entscheidungen und das schwache Abschneiden der deutschen Elf. Wir haben uns in der heimischen Fußball-Szene umgehört und nach dem EM-Fazit gefragt.

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Siggi Reich (VfL-Legende, 178-facher Bundesligaspieler, 93 Tore, sicherer Elfmeterschütze)

Mein EM-Fazit: "Italien mit überraschend anderem Fußball als früher fand ich positiv. Fans, die durch ganz Europa reisen müssen, um ihr Team zu sehen, das ist ein No-Go, das kann ein Normalsterblicher gar nicht, das war für mich das Negative an dieser EM."

...und die Sache mit den Elferschießen: "Ich konnte gut Elfmeter schießen, habe aber auch mal in Stendal nach 120 Minuten einen für den VfL verschossen. Viermal ging es bei der EM ins Elfmeterschießen. Der Druck, der auf den Schützen lastet, ist enorm. Das lange Warten, sich dann wieder auf den Punkt konzentrieren zu müssen, ist brutal. Wenn man lange auf dem Platz war ist es schwierig, die Spannung wieder hochzufahren. Nach 120 Minuten ist man körperlich am Ende. Aber so wie bei den Engländern, zwei Spieler einzuwechseln, die ihren vielleicht ersten Ballkontakt bei den Elfern haben, ist auch nicht ideal. Letztlich ist es so: Stimmt der Anlauf nicht, ist man schon in Schwierigkeiten, sieht man dann, dass der Torwart die Ecke ahnt, verschießt man meist."

Rocco Tuccio (Offensivspieler von Lupo/Martini Wolfsburg)

Mein EM-Fazit: "Dass manche Teams, darunter auch Italien, öfter Heimrecht hatten, fand ich nicht toll. Was mir gefallen hat war, dass es ein sehr faires Turnier mit wenigen wirklich harten Fouls war."

...und Europameister Italien: "Dass Italien gewonnen hat, hat mich natürlich begeistert. Auch wenn ich in Deutschland geboren bin, so bin ich doch leidenschaftlich für Italien. Ich wusste, dass diese Mannschaft weit kommen kann, aber erst nach dem Sieg gegen Belgien habe ich ihr den Titel zugetraut. Es war ein verdienter Turniersieg, Italien war dominant, spielstark. Für das Land war es nach langer Zeit ohne Titel das Schönste, was passieren kann, genau wie für alle Menschen mit italienischen Wurzeln in Deutschland und auch für unseren Verein."

Dennis Laeseke (Vorsitzender des Kreisschiedsrichter-Ausschusses Gifhorn)

Mein EM-Fazit: "Ich bin gespannt, was da unter dem Corona-Aspekt noch auf uns zukommt: In London war einiges los. Da kann man im Nachhinein fast froh sein, dass Deutschland nicht im Finale stand und wir uns auf diesem Wege noch mehr Infektionen ins Land geholt haben."

...und die Schiri-Leistungen: "Italien ist ein verdienter Europameister, sie haben in der Pause des Finals die richtigen Entscheidungen getroffen. Das gilt als Gesamtkritik auch für Referee Björn Kuipers. Er hat das Endspiel gut geleitet. Überhaupt: In den Partien, die ich verfolgt habe, war die Leistung der Unparteiischen gut. Es hat ja viel Kritik für Danny Makkelie gegeben, weil er im Halbfinale den Strafstoß für England gegen Dänemark gepfiffen hat. Natürlich gibt es klarere Elfer. Aber von dort, wo Makkelie steht und wie er die Szene sieht, ist seine Entscheidung nachvollziehbar. Das gleiche gilt für den Videoassistenten. Es gab zwei Kontakte an Raheem Sterling. Deshalb war es keine klare Fehlentscheidung."

Sören Henke (Trainer des FC Germania Parsau)

Mein EM-Fazit: "Das war eine unnötige EM, gerade in der Form. In vier Monaten reisen während einer Pandemie 24 Teams und ihr Staff quer durch Europa. Dazu haben einige Nebenschauplätze gezeigt, was für ein fragwürdiges Gebilde die UEFA ist. Beispielsweise wenn es darum geht, in Sachen Respekt und Toleranz ein Zeichen zu setzen. Rein sportlich ist Italien aber der verdiente Sieger."

...und das Abschneiden der Deutschen: "Dass Deutschland nicht weit kommt, war abzusehen. Seit der WM 2018 hatte man nicht den Eindruck, dass die Mannschaft bei der EM plötzlich einen anderen Fußball spielen kann - und sie hat dazu noch von einem seltsamen Gruppen-Modus profitiert, bei dem mehr Nationen weiterkommen als ausscheiden. Das ist schade um das Erbe von Jogi Löw, der das DFB-Team über Jahre geprägt hat."

Svenja Heling (2. Vorsitzende NFV-Fußball-Kreis Wolfsburg)

Mein EM-Fazit: "Die Entfremdung von der Basis - da hat sich bei der UEFA ein Trend bestätigt. Zum Beispiel im Umgang nachdem der dänische Spieler Eriksen zusammengebrochen war. Das hat mich sehr bewegt. Die Mannschaften entscheiden zu lassen, wie es weitergeht oder ihnen die Pistole auf die Brust zu setzen - 'sonst spielen wir am nächsten Tag um 12 Uhr', das zeigt fehlendes Gespür für die Basis in so einem großen Verband."

...Fußball in den Zeiten der Pandemie: "So schön es war, wieder feiernde Menschen beim Fußball zu sehen - es hat nicht in die Zeit gepasst. Und sei es im Umgang mit der Regenbogen-Symbolik oder der unterschwelligen Drohung, ein Endspiel an einen anderen Ort zu verlegen, wenn die Zuschauerkapazität nicht erhöht wird. Die gesellschaftliche Realität den Sponsoren- oder VIP-Interessen unterzuordnen, da hat die UEFA kein gutes Bild abgegeben. "