04. Januar 2020 / 06:00 Uhr

Heiner Brand vor der Handball-EM über die Chancen des DHB-Teams und die große Belastung der Spieler

Heiner Brand vor der Handball-EM über die Chancen des DHB-Teams und die große Belastung der Spieler

Jan Jüttner
Heiner Brand traut der deutschen Mannschaft bei der Handball-EM eine gute Rolle zu.
Heiner Brand traut der deutschen Mannschaft bei der Handball-EM eine gute Rolle zu. © imago images/Montage
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Am Donnerstag startet das DHB-Team mit dem Spiel gegen die Niederlande in das EM-Turnier. Im SPORTBUZZER-Interview kritisiert Ex-Bundestrainer Heiner Brand die enorme Belastung der Spieler. Trotz der vielen Ausfälle traut der 67-Jährige der Mannschaft von Coach Christian Prokop jedoch einiges zu.

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Am Samstag testet die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Mannheim gegen Island (17.20 Uhr/ZDF), am Montag geht es in Wien gegen Österreich, ehe die DHB-Auswahl am 7. Januar nach Trondheim fliegt. Bei der EM (9. bis 26. Januar) in Norwegen, Österreich und Schweden trifft der WM-Vierte in der Gruppe auf die Niederlande, Titelverteidiger Spanien und Lettland. Trainer-Legende Heiner Brand, der das DHB-Team von 1997 bis 2011 coachte, über die Titelchancen, einen möglichen Handball-Boom und die hohe Belastung der Spieler.

SPORTBUZZER: Herr Brand, was trauen Sie dem deutschen Team bei der EM zu?

Heiner Brand: Deutschland wird eine positive Rolle spielen. Ich sehe es nicht so skeptisch. Es gibt zwar einige Ausfälle, aber wir sind mittlerweile sehr breit aufgestellt und die Lücken lassen sich sehr gut füllen. Zudem ist die Auslosung nicht schlecht für uns.

Ist der Titel drin?

Die Chancen ins Halbfinale einzuziehen sind gut. In der Hauptrunde gehen wir Schweden, Dänemark, Norwegen und Frankreich aus dem Weg, die spielen in einer anderen Gruppe. Diese Teams haben alle eine hohe individuelle Qualität. Mit Blick auf den Titel ist auch mit Kroatien zu rechnen, aber eine Übermannschaft sehe ich in ihnen nicht. Wenn Deutschland erstmal im Halbfinale steht, ist alles drin.

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Worauf wird es ankommen?

Viel wird von den Torleuten Andreas Wolff und Jogi Bitter abhängen. Das ist immer die Basis für den Erfolg. Ansonsten muss die Mannschaft geschlossen ihre Leistung zeigen. Sicherlich braucht man auch mal die Tore von Julius Kühn aus großer Entfernung. Die Abwehr mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler wird stehen, da mache ich mir keine Gedanken.

"Einen Handball-Boom hat es in den letzten 15 Jahren immer gegeben"

Wer könnte der deutsche Shootingstar bei der EM werden?

Bis auf David Schmidt und Marian Michalczik sind ja im Grunde nur gestandene Leute dabei. Mit Timo Kastening steht noch ein neuer Mann im Kader. Es wird aber auf die mannschaftliche Geschlossenheit ankommen, weniger auf einzelne Spieler.

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Kann das DHB-Team wieder einen Handball-Boom auslösen?

Das wird automatisch kommen, wenn Deutschland weit kommt. Das hat es in den letzten 15 Jahren immer gegeben. Das ist in Deutschland ein Selbstläufer. Deswegen ist es auch so wichtig, dass die großen Turniere jedes Jahr stattfinden.

Wie sind die Gruppengegner Niederlande und Lettland einzuschätzen?

Man muss mit der nötigen Ernsthaftigkeit an solche Spiele rangehen. Aber diese beiden Gegner dürften kein Problem sein. Diese Spiele zu gewinnen ist ein absolutes Muss.

Große Belastung: "Es wird sich immer beschwert, aber es ändert sich nichts"

Spieler wie Wiencek und Pekeler haben schon 39 Pflichtspiele bestritten. Wird die Qualität unter der enormen Belastung leiden?

Diese Probleme haben wir ja vor jedem großen Turnier. Es wird sich immer beschwert, aber es ändert sich nichts. Es ist illusorisch, daran zu glauben, dass die Belastung weniger wird. Jeder vertritt seine eigenen Interessen. Die Verbände, die Bundesliga und die Spieler selbst. Die wollen ja auch nicht weniger Geld verdienen, wenn nicht mehr so viele Spiele stattfinden.

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Trainer Christian Prokop hat sich auf 16 DHB-Spieler festgelegt, mit denen er in die Handball-EM 2020 starten wird. Der SPORTBUZZER stellt die Mannschaft vor. ©

Wie könnte die Lösung aussehen?

In der Champions League finden allein in der Gruppenphase 14 Spiele statt. Da müsste man vielleicht wieder zum normalen Landesmeister-Pokal zurückkommen, wo jede Nation nur mit einem Team vertreten ist. Das würde den Terminplan entlasten, aber eben auch weniger Einnahmen für die Topklubs bringen. Vielleicht müsste man in der Liga auch mehr Spiele in einer Woche ansetzen, damit die Spieler mal zwei Wochen Pause haben. Aber da glauben die Vereine, dass dann die Zuschauer weg bleiben.

Das Teilnehmerfeld bei der EM ist von 16 auf 24 Teams aufgestockt worden.

Der Handball kämpft um Anerkennung und steht im Wettbewerb zu anderen Sportarten. Durch die Teilnahme von kleineren Handball-Ländern an einer EM wird der Sport dort natürlich stärker in den Fokus gerückt, Handball wird so internationaler. In Lettland oder in den Niederlanden wird der Sport nun ganz anders wahrgenommen. Es ist schwer, die Mitte zu finden.