12. März 2022 / 10:00 Uhr

Vor dem Bundesliga-Duell: Hertha und Gladbach im großen Krisen-Vergleich

Vor dem Bundesliga-Duell: Hertha und Gladbach im großen Krisen-Vergleich

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach laufen aktuell den eigenen Ansprüchen hinterher.
Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach laufen aktuell den eigenen Ansprüchen hinterher. © IMAGO/Langer/Matthias Koch (Montage)
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Hertha BSC gibt aktuell auf und neben dem Platz ein erschreckendes Bild ab. Am Samstag geht es mit Borussia Mönchengladbach gegen einen weiteren Club im Tief. Wo es bei beiden Mannschaften brennt und welcher Trainer mehr um seinen Posten bangen muss.

Offiziell ist es das Bundesliga-Topspiel des 26. Spieltags. Doch in Wirklichkeit ist es der große Bundesliga-Krisengipfel. Am Samstagabend (18.30 Uhr/Sky) reist Hertha BSC zu Borussia Mönchengladbach und es treffen zwei der formschwächsten Teams der Liga aufeinander.

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Die Berliner stehen mit 23 Punkten, nur zwei davon in der Rückrunde eingesammelt, auf dem 16. Tabellenplatz, die hochambitioniert in die Saison gestarteten Gladbacher liegen mit vier Punkten mehr auf Rang 13. Beide Mannschaften stehen unter Zugzwang, beide Trainer stark in der Kritik – doch wie sieht es aktuell zwischen beiden Clubs im direkten Vergleich aus?

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Defensive

Hertha BSC: Die Berliner haben während der gesamten Saison keine Stabilität in die Abwehr bekommen, was sich auch in den blanken Zahlen niederschlägt. Nur Fürth (64) hat mehr Gegentore kassiert als die Hertha (58), 23 davon allein in den acht Rückrundenspielen. Auch verletzungsbedingt mussten Ex-Trainer Pal Dardai und anschließend Tayfun Korkut immer wieder die Zusammenstellung der Viererkette verändern. Zuletzt gegen Frankfurt musste erstmals auch Niklas Stark zuschauen, obwohl er im Kader stand. Weil die Verunsicherung bei den Spielern aktuell so groß ist, hat man sich intern dazu entschieden, den flachen Spielaufbau aus der Defensive aufzugeben und im Abstiegskampf vermehrt auf lange Bälle in die Offensive zu setzen.

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Gladbach: Auch bei der Borussia ist vor allem die Defensive das Sorgenkind. Die drittschlechteste Verteidigung der Liga (51 Gegentore) leistet sich immer wieder kapitale Abwehrschnitzer, die den Gegner zu Toren einladen. Gladbach-Torhüter Yann Sommer sagte nach der jüngsten 2:3-Pleite gegen den VfB Stuttgart, dass man zum wiederholten Male "auseinander gefallen“ sei. Christoph Kramer machte klar, wie schwierig die Situation defensiv aktuell ist: "Mit hoch anlaufen tun wir uns schwer, mit tief verteidigen tun wir uns schwer, mit Vierer- oder Fünferkette – das ist alles egal“, so Kramer.

Offensive

Hertha BSC: Zwischen dem 14. und dem 17. Spieltag dachte man bei der Hertha, man habe endlich ein funktionierendes Offensivsystem gefunden. Sieben Tore gelangen in diesen vier Spielen, alle Treffer wurden von Angreifern erzielt, wobei vor allem das Duo Stevan Jovetic/Ishak Belfodil im Zusammenspiel zu überzeugen wusste. Doch dieses offensive Glück war nicht von langer Dauer. Vor allem, wenn der verletzungsanfällige Jovetic fehlt oder einen schlechten Tag hat, kommt der Berliner Angriff aktuell komplett zum Erlahmen. Spielern wie Suat Serdar oder Marco Richter fehlte zuletzt häufig die Bindung zum Spiel. Neuzugänge wie Myziane Maolida (Sommer) oder Dong-jun Lee (Winter) konnten bislang noch gar nicht nachweisen, dass sie Hertha BSC kurzfristig weiterhelfen können.

Gladbach: Die Offensive ist ohne Frage das Prunkstück der Borussia und hat – selbst in dieser schwierigen Spielzeit – immer wieder unter Beweis gestellt, dass sie zu großen Vorstellungen in der Lage ist. Bei all dem Talent zeigt sich in diesem Mannschaftsteil aber auch am stärksten, woran es dem Team von Adi Hütter in dieser Saison fehlt. Denn das hochtalentierte Personal hat das Thema Abstiegskampf bislang noch nicht in sein Vokabular aufgenommen. Gerade gegen vermeintlich kleine Gegner fällt auf, dass die Anzahl der Sprints (ein elementares Puzzleteil im laufintensiven Spiel von Hütter) geringer ausfällt. Es herrscht bei einigen Spielern wohl die Einstellung, dass es gegen solche Gegner dank der vorhandenen individuellen Klasse auch mit weniger Einsatz geht. Zudem fallen Gladbach durch die Ausfälle von Lars Stindl (Innebandriss im Knie) und Jonas Hofmann, der sich unter der Woche im Training einen Muskelfaserriss zuzog, wichtige Stützen weg.

Trainer

Hertha BSC: Für Tayfun Korkut ist das Spiel gegen Gladbach die letzte Chance. Eine andere Interpretation lassen die Worte, die Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic unter der Woche fand, nicht zu. "Der Trainer und die Spieler wissen, dass wir am Wochenende punkten müssen. Das ist unausweichlich“, sagte Bobic, der Korkut Ende November letzten Jahres für viele Beobachter überraschend als Dardai-Nachfolger aus dem Hut zauberte. Seither wusste der 47-Jährige aber nicht zu überzeugen. Der einzige Hertha-Trainer, der in seinen ersten zwölf Ligaspielen weniger Punkte holte als Korkut (neun), war Friedhelm Funkel in der Saison 2009/10 (sieben). Auch deshalb richtete der Türke während einer Trainingseinheit einen klaren Appell an seine Mannschaft ("Das ist eure Zukunft, das ist nicht meine Zukunft!“). Bei einer Niederlage gegen Gladbach könnte diese Prophezeiung schneller Realität werden, als gedacht.

Von Helmut Schön bis Tayfun Korkut: Alle Hertha-Trainer seit 1950.

<b>Von Helmut Schön bis Jürgen Röber:</b> Die Vorgänger von Hertha-Trainer Tayfun Korkut. Zur Galerie
Von Helmut Schön bis Jürgen Röber: Die Vorgänger von Hertha-Trainer Tayfun Korkut. © dpa

Gladbach: Auch bei Borussia Mönchengladbach ist der Trainer längst in den Fokus der Kritik gerückt. Adi Hütter kam vor der Saison für eine Ablöse von 7,5 Millionen Euro aus Frankfurt und sollte das Team zurück in den Europacup führen. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Nicht einmal stand Gladbach in dieser Saison besser als auf Platz neun. Auf große Spiele, wie die Siege gegen Bayern und den BVB, folgten in der Regel enttäuschende Partien. Hütter schaffte es bislang nicht, eine Balance zwischen Offensive und Defensive herzustellen. Erschwerend hinzu kommt, dass der Österreicher nach positivem PCR-Test am Wochenende nicht an der Seitenlinie stehen wird. Sein Co-Trainer und enger Kumpel Christian Peintinger wird ihn vertreten. Verliert Hütter also in Corona-Isolation seinen Job, so wie es in dieser Saison schon Jesse Marsch in Leipzig geschehen ist? Zumindest öffentlich stärkte Roland Virkus seinem Trainer zuletzt noch den Rücken. "Es ist immer einfach, den Trainer zu hinterfragen. In erster Linie müssen sich die Jungs an die eigene Nase fassen“, sagte Gladbachs Sportdirektor im ZDF.

Nebenkriegsschauplätze

Hertha BSC: Bei den Hauptstädtern gibt es unzählige Baustellen. Am Montagabend gab Sportdirektor Arne Friedrich seinen vorzeitigen Abschied aus Berlin bekannt, weil sein "Einfluss bei wichtigen sportlichen Entscheidungen nicht mehr ausreichend gegeben“ war. Und auch zwischen 374-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst und Hertha werden die Gräben immer breiter. Nachdem Windhorst sein Investment bei Hertha vor wenigen Wochen bereits als "Fehler“ bezeichnete, stoppte er nun die Produktion einer von ihm finanzierten Hertha-Doku, weil er unter anderem von einem Mitglied der Geschäftsleitung als „unsympathisch“ bezeichnet worden sei. Ein Windhorst-Sprecher kündigte an, dass bei der Mitgliederversammlung im Mai "sicher etwas passieren“ müsse. Hertha reagierte verstimmt und schrieb, es seien "zum wiederholten Male unspezifische Unterstellungen getätigt“ worden. Fortsetzung folgt.


Gladbach: Auch bei Gladbach verliefen die vergangenen Monate turbulent. Das lag vor allem an der Personalie Max Eberl. Trotz Vertrages bis 2026 zog sich der Sportdirektor Ende Januar vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen zurück. Eberl, der seit 2008 die führende Person im sportlichen Bereich der Borussia war, hatte in der letzten Phase seiner Amtszeit wohl einige Themen verschleppt und so bei Spielern im Kader für Verdruss gesorgt. Trainer Hütter soll er einem „Sportbild“-Bericht zufolge mit dem Versprechen nach Gladbach gelockt haben, dass man durch Spielerverkäufe und einen möglichen Börsengang frisches Geld generieren werde, um das Team für den Angriff auf die Champions-League-Plätze aufrüsten zu können. Doch daraus wurde nichts, ganz im Gegenteil: Die Borussia hat in den vergangenen beiden Geschäftsjahren in Summe ein Minus von rund 35 Millionen Euro wegen der Pandemie verkraften müssen, der Umsatz ist seit 2019 um 100 Millionen Euro eingebrochen. Ein personeller Umbruch bahnt sich bei der Borussia also tatsächlich an, allerdings eher nicht zum Guten.