10. April 2022 / 14:27 Uhr

Pro und Contra zu den Hertha-Fans: Ist die Trikot-Aktion vertretbar?

Pro und Contra zu den Hertha-Fans: Ist die Trikot-Aktion vertretbar?

Christoph Brandhorst und Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Gingen die Unmutsbekundungen der Hertha-Fans zu weit? SPORTBUZZER-Redakteure diskutieren.
Gingen die Unmutsbekundungen der Hertha-Fans zu weit? SPORTBUZZER-Redakteure diskutieren. © IMAGO/camera4+ (Montage)
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Nach der Derby-Demütigung gegen den 1. FC Union Berlin verlangten die eigenen Anhänger, dass die Hertha-Spieler die Trikots ausziehen müssen. Ist so etwas das gute Recht der Fans oder wird durch die Aktion eine Grenze überschritten? Die SPORTBUZZER-Redakteure Christoph Brandhorst und Stephan Henke im Pro und Contra.

PRO: Das Fass ist übergelaufen

Von SPORTBUZZER-Redakteur Christoph Brandhorst

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Die Hertha-Fans haben genug gesehen. Nach sportlichen Tiefschlägen und Querelen abseits des Rasens haben sie die Nase voll. Die Derby-Demütigung bringt das Fass nun zum Überlaufen. Dabei hatten sie es ja noch einmal versucht, hatten das Olympiastadion nach dem Ende der Corona-Beschränkungen zum ersten Mal seit exakt 811 Tagen mit insgesamt 74. 667 Zuschauern so richtig voll gemacht. Was sie erlebten, war eine Schmach sondergleichen. Drei Derbys hat die Hertha nun in einer Saison verloren, was Unions Vormachtstellung in der Hauptstadt nur noch weiter zementiert.

Das ist zu viel für die Fanseele, die verständlicherweise kocht. Der Tenor: Ihr habt es nicht mehr verdient, dieses Trikot zu tragen. Also forderten die Ultras am Samstagabend die Spieler auf, ihre Jerseys abzulegen. Eine drastische Aktion, aber ein berechtigter letzter Weckruf. Während die Fußballer kommen und gehen, sich bei Misserfolg schnell mal andere Arbeitgeber suchen, sind es die Berliner Fans, die bleiben. "Aus Respekt", so erklärte es Hertha-Keeper Marcel Lotka später bei Sky, habe er der Forderung der Anhänger Folge geleistet.

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Ganz klipp und klar muss an dieser Stelle aber auch eines sein: Gewalt- und Jagdszenen, wie man sie etwa vor einem Jahr nach dem Abstieg von Schalke 04 sah, haben weder auf noch neben dem Platz etwas zu suchen! Die darf es, egal wie dieses Drama ausgeht, auch in Berlin nicht geben. Und trotzdem muss für Enttäuschung und Frust der Fans Raum bleiben, müssen sich die teils hochbezahlten Spieler, die es auf dem Platz verbocken, stellen. Sie ertragen seit mehr als drei Jahren ein leidiges Theater: Windhorst-Einstieg, große Transfersummen, Big-City-Club-Gerede, Trainer- und Sportdirektor-Wechsel. Herausgekommen ist bislang: nichts.

CONTRA: Die Hertha-Fans sind über das Ziel hinausgeschossen

Von SPORTBUZZER-Redakteur Stephan Henke

Keine Frage: Die Hertha-Fans haben allen Grund sauer zu sein, richtig sauer zu sein. Seit mehreren Jahren hinkt die Wirklichkeit bei den Berlinern dem Anspruch hinterher, diverse Skandale und Skandälchen – Klinsmann, Kalou, Windhorst – haben aus der Hertha zwischenzeitlich die Lachnummer der Liga gemacht. Und das 1:4 gegen den 1. FC Union war, inklusive Pokal-Aus im eigenen Stadion, die dritte Derby-Niederlage in dieser Saison. Die Häme dafür kassieren vorwiegend die Fans, in der S-Bahn, am Arbeitsplatz, in Chatgruppen.

Doch von den Spielern, die zwar schlecht gespielt, aber sich auch nicht aufgegeben haben, zu verlangen, das Trikot auszuziehen, weil sie es nicht wert seien, es zu tragen, das geht zu weit. Das ist ehrverletzend, das ist auch nicht motivierend, sondern eher beängstigend. In Kombination mit dem "Trainingsbesuch" der Fans vor einigen Wochen, als rund 80 Hertha-Anhänger den Profis eindringlich gedroht hatten, ergibt sich inzwischen ein Klima der Angst. Was macht es mit den Spielern? Natürlich sind das hochbezahlte Profis, aber sie sind auch Menschen. Die muss man nicht in Watte packen, aber eben auch nicht demütigen.

Das erinnert immer mehr an die Situation beim FC Schalke 04 vor rund einem Jahr. Wie das ausgegangen ist, ist bekannt: Am Ende jagte ein wütender Fan-Mob die Spieler vor dem eigenen Stadion. Union-Manager Oliver Ruhnert – natürlich in der gönnerhaften Lage als Derbysieger und mit jahrelangem Erfolg – meinte, dass es so etwas bei Union nicht geben würde. Und damit trifft er einen Punkt: Was die Hertha-Spieler brauchen, ist jetzt Unterstützung und positive Energie statt Angst und Demütigung. Denn sportlich ist der Abstieg noch nicht besiegelt, auch wenn es nach dem 1:4 gegen Union nicht gut aussieht.