25. April 2022 / 11:44 Uhr

Kommentar zum Kurven-Boykott der Hertha-Profis: Auch Fußball-Millionäre haben das Recht, sich zu wehren

Kommentar zum Kurven-Boykott der Hertha-Profis: Auch Fußball-Millionäre haben das Recht, sich zu wehren

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Kurven-Boykott der Hertha-Fans ist nachvollziehbar, meint Ronald Tenbusch.
Der Kurven-Boykott der Hertha-Fans ist nachvollziehbar, meint Ronald Tenbusch. © Getty Images/IMAGO/agefotostock/camera4+ (Montage)
Anzeige

Hertha gewinnt das wichtige Abstiegsduell gegen den VfB Stuttgart. Die Spieler verweigern anschließend aber gemeinsame Feierlichkeiten mit den Fans in der Kurve. Grund sind die Ultra-Anfeindungen der vergangenen Monate. Ein menschlicher und nachvollziehbarer Schritt, meint MAZ-Redakteur Ronald Tenbusch.

Nach dem befreienden 2:0-Sieg von Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart hätte alles so schön sein können. Durch den Erfolg im Abstiegsduell wächst der Vorsprung der Berliner zum Bundesliga-Relegationsplatz auf nunmehr vier Punkte an. So heißblütig die Unterstützung der Fans und der Einsatz der Spieler über die 90 Minuten am Sonntag aber auch war, so unterkühlt ging es im Olympiastadion nach dem Spiel zu. Herthas Spieler boykottierten den obligatorischen Gang in die Ostkurve. Eine Mannschaftsentscheidung, weil "es gegen Union nicht okay war", wie Torwart Marcel Lotka am DAZN-Mikro sagte.

Anzeige

Gemeint hatte er die Demütigung, die einigen Spielern nach dem 1:4 im Stadtderby vor der Ostkurve zu Teil wurde. Nach dem dritten verlorenen Duell mit dem Berliner Rivalen binnen einer Saison wurden die Spieler aufgefordert, ihr Trikot abzulegen. Der Tenor aus dem Block: Ihr seid es nicht wert, dieses Jersey zu tragen. Einige Spieler kamen der Aufforderung nach, um zu deeskalieren. Vermutlich auch, weil sie noch die Bilder aus dem Januar diesen Jahres vor Augen hatten. Da stürmten nach der Pokal-Derbypleite gegen Union plötzlich rund 80 Personen das Hertha-Training, drohten, zum Teil mit Quarzhandschuhen ausgerüstet, "die nächste Stufe zu zünden", wenn die Leistungen nicht besser würden.

Mehr zu Hertha BSC

Mit dem Jubel-Boykott reagierten die Spieler nun also auf die Attacken der Fans. Ist das okay? Es besteht kein Zweifel, dass Hertha BSC auf und neben dem Platz seit Monaten, seit Jahren eine schlechte Figur abgibt und seinen Fans, für die der Klub ein Stück Lebensinhalt ist, viel zumutet. Es ist auch in Ordnung, dass sich die Spieler nach schlechten Leistungen der Kritik von Fans und Öffentlichkeit stellen müssen. Ob am Mikro oder in der Kurve. Dass sich einige vermeintliche Führungsspieler, wie beispielsweise Kapitän Dedryck Boyata, dem immer wieder durch den direkten Gang in die Kabine entzogen haben, wirkt feige und sorgt für verständlichen Verdruss.

Anzeige

Das ändert aber rein gar nichts daran, dass auch Fußballer – mögen sie noch so viele Millionen Euro Gehalt bekommen – Menschen mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und Würde sind. Und wenn einem dieses Recht genommen wird oder dieses auch nur infrage gestellt wird, dann werden Grenzen überschritten. Teile der Hertha-Fans haben das getan und dafür nun die Quittung bekommen. Denn was kann es für einen echten Fan Schöneres geben, als gemeinsam mit der Mannschaft einen derart wichtigen Sieg zu feiern? Der Boykott der Hertha-Spieler ist nachvollziehbar. Gleichzeitig täten sie gut daran, den Fans alsbald wieder die Hand zu reichen. Trainer Felix Magath fasste es treffend zusammen: "Ich hoffe, dass wir in den kommenden Tagen dazu kommen, dass sich beide Gruppen wieder annähern. Damit Spieler und Fans sich wieder gemeinsam gegen den Abstieg stemmen."