12. Juni 2019 / 19:03 Uhr

Herzrasen-Saison: Bei Lengedes Coach überwiegt die Freude

Herzrasen-Saison: Bei Lengedes Coach überwiegt die Freude

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
Da ist der Pott: Die Lengeder freuten sich riesig über den Gewinn des Bezirkspokals nach dem 6:4-Krimi in Göttingen.
Da ist der Pott: Die Lengeder freuten sich riesig über den Gewinn des Bezirkspokals nach dem 6:4-Krimi in Göttingen. © Hubert Jelinek
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Ein Saison mit Auf- und Ab, dem Klassenerhalt am letzten Spieltag und dem folgenden Bezirkspokalgewinn erlebte Landesligist SV Lengede. Im PAZ-Interview berichtet Trainer Dennis Kleinschmidt über 67 Glückwunsch-Nachrichten, phänomenale Fans und eine lange Pokalfeier.

Falls ein Film-Regisseur mal Nachhilfe darin benötigt, ein Happy End zu entwerfen – Fußball-Landesligist SV Lengede könnte behilflich sein. Dank Schützenhilfe und eigener Nervenstärke rettete die Mannschaft am letzten Liga-Spieltag noch den Klassenerhalt und feierte nur acht Tage später sogar noch den Bezirkspokal-Triumph. PAZ-Sportredakteur Christian Meyer sprach nach dieser Herzrasen-Saison im großen Interview mit SVL-Coach Dennis Kleinschmidt unter anderem über Medikamente, Garten-Arbeit, Sturm-Flaute und ein Vereins-Juwel.

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Auf letzter Rille zum Klassenerhalt, im Bezirkspokal-Finale nach einer 4:1-Führung noch gezittert – Dennis, müssen Sie nach dieser Saison eigentlich Herz-Medikamente nehmen?

Dieses Auf und Ab war schon brutal. Zum Glück bin ich noch jung, deshalb brauchte ich keine Herz-Medikamente. Was mir am meisten Kopfschmerzen gemacht hat, war, dass wir den Klassenerhalt nicht mehr in eigener Hand hatten. Am deutlichsten gemerkt habe ich den Stress in meinem Schlafverhalten, ich konnte nicht mehr gut schlafen, war auch schneller gereizt. Vorm Bezirkspokal-Finale etwa war ich um 3.30 Uhr wach und habe mich ins Wohnzimmer gesetzt und gegrübelt. Doch Fußball lebt ja von den Emotionen, wenn es immer so ein Happy End gibt wie diesmal, kann ich vielleicht noch ein paar Saisons davon ertragen – aber lieber wäre mir, ich müsste keine mehr in dieser Form durchmachen.

Wo wir gerade bei Medikamenten sind: Aber eine Aspirin haben Sie Dienstag nach dem Bezirkspokal-Partymarathon doch bestimmt gebraucht…

Zumindest ging es mir nicht ganz so gut (lacht). Das lag aber vor allem daran, dass ich früh aufstehen musste, obwohl ich frei hatte. Ich hatte meiner Frau versprochen, auf unseren dreijährigen Sohn Lewis aufzupassen, dementsprechend wenig Schlaf habe ich bekommen. Aber das war es Wert.

I. SC Göttingen 05 - SV Lengede, Bezirkspokalfinale 2019

I. SC Göttingen 05 - SV Lengede, Bezirkspokalfinale 2019 Zur Galerie
I. SC Göttingen 05 - SV Lengede, Bezirkspokalfinale 2019 © Richter

Verraten Sie doch mal, wie der Fast-Absteiger SV Lengede den Bezirkspokal-Triumph gefeiert hat.


Die Party hat die Klassenerhalt-Feier nochmal getoppt. Das lag auch daran, dass viele Fans uns begleitet haben, ich schätze mal rund 150 waren es bestimmt. Ex-Spieler wie Sascha Marchefka und Onur Bacaksiz oder Neuzugänge haben uns die Daumen gedrückt. Diese Unterstützung war phänomenal. 80 Prozent der Spieler sind danach ungeduscht in unseren Fan-Bus gestiegen und wir haben „We are the Champions“ und „You’ll never walk alone“ gesungen. Auf dem Lengeder Volksfest wurden wir fantastisch empfangen. Wir sind erstmal alle komplett auf die Tanzfläche und haben den Pokal in die Höhe gestemmt.

Und ihr Handy brummte in Dauerschleife. Über wessen Glückwünsche haben Sie sich am meisten gefreut?

67 Nachrichten waren es am Dienstagmorgen. Sehr gefreut habe ich mich vor allem über die Glückwünsche von Trainer-Kollegen. Vöhrums Nils Könnecker oder Hillerses Willi Feer zählten zu den ersten Gratulanten. Auch unser ehemaliger Torwart Sven Kiontke hat etwas Tolles geschrieben.

Jetzt ist Fußball-Pause. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf zwei Kurz-Urlaube. Unter anderem feiere ich meinen 30. Geburtstag mit meinen besten Kumpels auf Mallorca. Es tut gut, mal nicht zum Training zu müssen, aber eine echte Auszeit hat man als Trainer nicht. Ich möchte mich schließlich noch um Neuzugänge kümmern. Und meiner Frau habe ich versprochen, dass wir uns bei unserem Neubau jetzt um die Hofeinfahrt kümmern können und Beete anlegen – das wird auch anstrengend.

Der SV Lengede hat mit Platz zwölf die schlechteste Platzierung der vergangenen Jahre erreicht und sich erst am letzten Spieltag noch den Klassenerhalt gesichert. War es trotzdem eine erfolgreiche Saison?

Das ist schwierig zu sagen. Den PAZ-Cup-Titel haben wir auch nicht verteidigt, und dass wir uns in der Liga einiges mehr erwartet haben, gehört auch zur Wahrheit. Und dennoch überwiegt bei mir jetzt die Freude. Mit dem Klassenerhalt in letzter Minute sind die Spieler zu Helden geworden, mit dem ersten Bezirkspokal-Triumph der Vereinsgeschichte sogar zu Lengeder Legenden. Was bei mir von dieser Saison aber vor allem hängen bleibt, waren die vergangenen sieben Wochen. Wir sind zusammengerückt, das Lengede-Gefühl hat uns stark gemacht.

Warum musste die Mannschaft so zittern?

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Dafür gibt es nicht nur eine Erklärung. Wir hatten Verletzungsprobleme. Mit Daniel Kudlek hat uns der Kopf der Mannschaft lange Zeit gefehlt. Er lenkt und führt. Für mich ist er der beste Kapitän, den man sich wünschen kann, das haben wir nach seiner Rückkehr am Saisonende gesehen. Schwierig wurde es vor allem, weil wir zum Start in die Rückrunde fünf Niederlagen in Folge kassierten. In dieser Phase litt das Selbstvertrauen, und uns klebte das Pech an den Hacken. Hinzu kam, dass viele Konkurrenten in der Rückrunde noch einmal stärker geworden sind.

In der entscheidenden Phase überragte Justin Folchmann. Der Mittelfeldspieler führt mit 9 Toren schon die interne Torschützenliste an. Fehlte dem SVL auch ein echter Torjäger?

Absolut. Mit 60 Gegentoren hatten wir zwar die achtbeste Abwehr, mit 46 Toren aber den drittschwächsten Sturm. Ich muss ehrlich zugeben, dass wir dachten, wir könnten den Abgang von Onur Bacaksiz besser kompensieren.

Ihr Ex-Torjäger hat mit dem Kreisligisten SV Bosporus den Aufstieg verpasst. Holen Sie ihn zurück?

Ich würde mich freuen, wenn es klappen würde. Onur schlägt tolle Standards, kann aus dem Nichts ein Tor machen und ist auch menschlich überragend. Fest steht aber schon, dass wir mit Alexander Künne aus Lehndorf einen Stürmer holen, der seine Torgefahr ebenfalls bereits unter Beweis gestellt hat. Für Ölper erzielte er in der Landesliga schon einmal 15 Tore in einer Saison.

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Namhafte Verstärkung hat der SV Lengede auch in der Winterpause mit Sulhattin Capli und Luei Omar bekommen. Gespielt haben Sie wenig. War es richtig, die beiden zu holen?

Als Mannschaft willst du weiterkommen. Und diesen Schritt wollten wir auch mit externer Qualität machen. Es war ein Versuch, der leider nicht ganz geklappt hat. Die beiden werden uns wieder verlassen.

Welcher Spieler war für Sie die größte positive Überraschung?

Marcel Burkutean. Der Junge ist ein Juwel. Dass er aber in seinem ersten echten Herren-Jahr gleich so einschlägt, hatte auch ich nicht erwartet. Er hat einen Riesen-Schritt in seiner Entwicklung und seiner Einstellung gemacht. Wie er Zweikämpfe führt und mit welchem Tempo er seine Aktionen bestreitet – dafür kann ich nur lobende Worte finden.

Mit Sascha Scheer, Matthias Nickel, Daniel Jacob und nun auch noch Stefan Kleinschmidt und Dzevad Mulic verlassen Leistungsträger den SVL. Warum werden Sie sie vermissen?

Sascha ist für mich der beste Torwart, den es derzeit im Landkreis Peine gibt. Mit seinen Paraden setzt er regelmäßig alle physikalischen Gesetze außer Kraft und kann zudem noch richtig gut kicken. Mir imponiert, wie er sich auf den Punkt fokussieren kann. Matti ist ein Spieler, den sich jeder Trainer nur wünschen kann, weil er ein starker Verteidiger ist und sich zudem vorbildlich für das Drumherum einsetzt. Heute muss man junge Leute ja regelrecht dazu zwingen, zum Beispiel Trainingsmaterialien zu tragen. Für Matti war das eine Selbstverständlichkeit. Jacco schlägt überragende Diagonalbälle und ist vorne und hinten kopfballstark. Stefans Abgang macht mich traurig. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt als Trainer bin. Mit seinen Toren und seiner Führungsarbeit hat er entscheidend dazu beigetragen, dass wir zusammen die Erfolgsgeschichte beim TSV Sierße/Wahle schreiben konnten. Sechs Jahre habe ich zusammen mit meinem Cousin gearbeitet, ich bin ihm zu Dank verpflichtet. Und Dzevad hat sich bombastisch entwickelt, seine Qualität als Innenverteidiger wird sehr fehlen.

Warum muss der SVL in der kommenden Saison weniger zittern?

Weil wir gute Neuzugänge haben – sowohl externe als auch interne. Ich freue mich auf unsere vielen A-Jugend-Talente. Und ich hoffe, dass wir vorne mehr Gefahr ausstrahlen können.

Und wer gewinnt den Härke-Pokal, wenn der SV Lengede diesmal nicht dabei sein darf?

Ich bleibe dabei: In jedem Wettbewerb sollte der Titelverteidiger dabei sein dürfen. Trotzdem wird es spannend. Groß Lafferde hat eine starke Mannschaft, Wendezelle hat sich super entwickelt. Wir freuen uns dafür auf eine Einladung zum Landespokal.