23. Februar 2021 / 12:21 Uhr

„Hier Fräulein“ – Göttinger Schiedsrichterin und Trainerinnen behaupten sich in der sportlichen Männerwelt

„Hier Fräulein“ – Göttinger Schiedsrichterin und Trainerinnen behaupten sich in der sportlichen Männerwelt

Kathrin Lienig
Göttinger Tageblatt
Während im Radball (M.) die Männer noch unter sich sind, haben Frauen wie Daniela Wiemers (v.l.), Katharina Linke, Jule Friedrichs und Nele Röhrs im Fußball, Volleyball und Handball auf und neben dem Platz inzwischen das Sagen.
Während im Radball (M.) die Männer noch unter sich sind, haben Frauen wie Daniela Wiemers (v.l.), Katharina Linke, Jule Friedrichs und Nele Röhrs im Fußball, Volleyball und Handball auf und neben dem Platz inzwischen das Sagen. © HS/SPF/R
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Wenn Fußball-Schiedsrichterin Katharina Linke ein Herrenspiel pfeift, ist die Infrastruktur auf den Sportanlagen oft noch nicht darauf ausgelegt, dass die einzige Frau auf dem Platz auch eine eigene Dusche nutzen kann. Frauen haben sich in sportlichen Männerdomänen inzwischen aber etabliert.

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Es war im Sommer 1988, einer meiner ersten Fußball-Termine für das Eichsfelder Tageblatt als freie Mitarbeiterin. Ich stand auf dem Sportplatz in Rhumspringe, unterhielt mich mit einem ehemaligen Klassenkameraden während ein Tor fiel. Als ich aus meiner Tasche Block und Stift nahm und die Situation notierte, hörte ich hinter mir zwei ältere Männer sagen: „Oh nee, jetzt schicken sie auch schon die Frauen zum Fußball.“ Meinem Gesprächspartner war das unendlich peinlich, ich sagte zu ihm: „Die sagen es, andere denken es.“

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Inzwischen sind Frauen auf Fußballplätzen mehr als schmückendes Beiwerk ihrer Männer und zahlen sogar Eintritt – was nicht immer so war. Zu behaupten, sie haben die Männerdomäne erobert, wäre wahrscheinlich übertrieben. Aber sie haben sich etabliert. Auch als Schiedsrichterin. Eine von ihnen ist Katharina Linke, die seit neun Jahren pfeift und sich im Frauenbereich bis zur Regionalliga und bei den B-Mädchen bis zur 2. Bundesliga „hochgearbeitet“ hat. Bei den Herren ist sie inzwischen in der Landesliga gekommen, außer der Bad Harzburgerin Riem Hussein, die bei den Frauen auch international pfeift, ist keine Unparteiische im Bezirk Braunschweig im Moment so weit gekommen.

Viele ungläubige Blicke

„Ja, ich musste mich beweisen. Anfangs haben viele ungläubig geguckt, wenn ich mit zwei Assistenten gekommen bin und diejenige war, die das Spiel auf dem Platz geleitet hat. Aber man hat mich kennengelernt“, berichtet die Göttingerin. Sie hat auch beobachtet, dass es leichter ist ein Spiel zu leiten, „wenn die Führungsspieler einer Mannschaft mich akzeptieren“. Während eines Jugendspiels habe ein Trainer mal zu ihr gesagt „Hier Fräulein, passen Sie mal auf“. Und ein Beobachter, der die Leistungen der Unparteiischen beurteilen sollte, war überrascht, dass Linke „mit ihren kurzen Beinen so gut mithalten konnte“. Das stand anschließend im Bericht. Wenn die Master-Studentin (Angewandte Statistik) darüber erzählt, lacht sie.

Für die Fußballerin war das Pfeifen zunächst nur ein „Nebenprodukt“ ihres Hobbies, der Stellenwert wurde aber immer größer, sodass sie sich inzwischen komplett darauf konzentriert. Hinsichtlich der Akzeptanz habe sich viel verbessert, an der Infrastruktur auf den Anlagen hapert es dagegen immer wieder. „Oft gibt es nur eine Dusche für alle, dann muss ich mit den Mannschaften absprechen, dass ich zuerst duschen darf.“


FIFA-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus aus Bad Lauterberg, die auch Bundesliga-Spiele bei den Herren geleitet hat, sei in gewisser Weise eine Wegbereiterin für ihre Kolleginnen gewesen. Und auch ein Vorbild für die 25-jährige Linke, die sich freuen würde, wenn es für sie persönlich „noch ein bisschen höher gehen würde“.

„Bei Sprüchen sofort kontern“

Jule Friedrichs vom FC Gleichen spielt selbst Fußball und steht an der Seitenlinie – darunter auch als Co-Trainerin des Herren-Bezirksligisten FC Gleichen. Als ihr Vater die Diemardenerin auf diesen Job bei den Herren angesprochen habe, sei sie zunächst überrascht gewesen. „Ich habe mir dann gedacht, dass ich mir das ja mal angucken könnte.“ Als einzige Frau unter den Männern, die allesamt älter sind als sie, sei es zu Anfang erst „ein bisschen komisch“ gewesen. „Inzwischen respektieren mich alle. Ich muss eben zeigen, was ich kann und bei Sprüchen sofort kontern.“ Nach dieser Saison wechseln einige A-Jugendliche in den Herrenbereich. „Das sind dann die Jungs, mit denen ich angefangen habe Fußball zu spielen.“

Ihr „Trainer-Chef“ beim Herrenteam des FC Gleichen, Dennis von Ahlen, schätzt die Zusammenarbeit mit der Schülerin, die in diesem Frühjahr Abitur macht. „Ich bin ja an der Linie eher ein Alpha-Männchen und lasse mir nicht so gern reinreden“, gibt der Coach zu. Bei den Spielern sei sie „voll akzeptiert“, ihre Fachkompetenz beweise die 19-Jährige B-Lizenz-Inhaberin während des Trainings durch strukturierte Übungen immer wieder.

Spieler sind auf Trainerinnen-Duo zugekommen

Schon in der dritten Saison trainieren Nele Röhrs und Lara Al Najem die zweite Herrenmannschaft der HSG Plesse-Hardenberg. Und die beiden Oberliga-Handballerinnen haben keine Probleme mit der Akzeptanz: „Die Spieler sind auf uns zugekommen, haben uns gefragt, ob wir das machen würden, nachdem unser Vorgänger aufgehört hat“, berichtet Röhrs. Das Team habe die beiden Trainerinnen super aufgenommen. „Wir haben viel Spaß, alle ziehen mit“, erzählt die Torfrau, die zugibt, dass der Ton „schon ein bisschen anders“ als bei einer Damenmannschaft sei. „Wir reden viel mit den Spielern, legen Wert auf Kommunikation. Die Stimmung ist locker, aber insgesamt sind alle sehr diszipliniert.“ Und wenn doch mal ein Spruch kommen sollte: „Dann hauen wir eben auch einen raus.“

Kaum Reaktionen darauf, dass zwei Frauen bei der Männermannschaft an der Seitenlinie stehen, gibt es von den Landesliga-Kontrahenten. Da wundert sich eher mal das gegnerische Publikum. „Naja, ganz selbstverständlich ist es noch nicht. Es gibt doch schon einmal ungläubige Blicke, wenn zwei Frauen an der Linie stehe“, hat Röhrs beobachtet.

Männerteams lassen sich einfacher führen

Daniela Wiemers ist eine erfahrene Volleyball-Trainerin, die während ihres Studiums in Göttingen aus einer immer größer werdenden Mixed-Mannschaft eine Damen und eine Herrenmannschaft bei der SG Lenglern gemacht hat. „Ich habe schon alles trainiert und trainiere auch gerade wieder alles“, berichtet die Lehrerin, die jetzt beim Tuspo Weende aktiv ist – zusätzlich auch noch im Jugendbereich.

„Männer machen alles, wenn sie glauben, dass ihr Gegenüber kompetent ist“, sagt die 53-Jährige. Als B-Lizenz-Inhaberin hat sie keine Probleme mit der Akzeptanz, hat aber bemerkt, dass das männliche Geschlecht im Umgang manchmal einfacher ist. „Männer können sich besser quälen, sie lassen sich einfacher führen, sind offener. Frauen sind oft mehr hinten herum. In einer Männermannschaft kracht es mal richtig, dann ist auch einer mal beleidigt. Aber so ein richtiger Knall ist am Ende besser fürs Mannschaftsklima“, hat Wiemers festgestellt.

Eine schlechte Erfahrung hat sie nur als Schiedsrichterin gemacht – bei einem Männerspiel. „Da bin ich nicht ernst genommen worden, Entscheidungen wurden gleich diskutiert. Dann muss man den Mut haben und auch mal eine Karte zeigen. Danach war Ruhe“, sagt Wiemers, die aber auch schon festgestellt hat, dass in solchen Situationen die eigene Männermannschaft dann geschlossen hinter ihr steht. Dagegen sei sie als Trainerin noch nie anders als männliche Kollegen behandelt worden. „Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich selbst Trainer ausbilde und viele mich deshalb auch kennen. Natürlich weiß ich nicht, ob in den Kabinen mal Sprüche über mich gemacht werden.“

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Bei Olympia haben Frauen mehr Medaillenchancen

Mit der Aufnahme des Frauenboxens in das Programm der Olympischen Spiele, die 2009 beschlossen wurde, gibt es keine olympische Sommersportart mehr, die nur Männern offen steht. Gewichtheberinnen, Ringerinnen, Hammerwerferinnen sind schon länger dabei – die Männer haben zusammenrücken müssen für die Frauen. Die haben bei Olympischen Spielen sogar zweimal mehr die Chance, Medaillen zu holen: Die Rhythmische Sportgymnastik und das Synchronschwimmen sind ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten. Der Reitsport ist die einzige Sportart, bei der Frauen und Männer gemeinsam antreten – sowohl im Springreiten als auch in der Dressur und in der Vielseitigkeit.

In vielen Sportarten werden Sportlerinnen bei Großereignissen aber noch immer zurückgestellt. Ob Tour de France, Formel 1 oder American Football, hier dominieren die Männer. Ein Grund ist auch, dass Sponsoren für Frauensport kaum zahlen. Sportlerinnen verdienen deshalb meistens deutlich weniger als Sportler.