03. April 2020 / 10:51 Uhr

Historisches Leipziger Derby: Ein Geisterspiel vor über 80 Jahren in Leutzsch

Historisches Leipziger Derby: Ein Geisterspiel vor über 80 Jahren in Leutzsch

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Der Vorgänger der BSG Chemie Leipzig war zunächst nicht im Alfred-Kunze-Sportpark zu Hause.
Der Vorgänger der BSG Chemie Leipzig war zunächst nicht im Alfred-Kunze-Sportpark zu Hause. © Christian Modla
Anzeige

Die Geschichte der Rivalität zwischen der heutigen BSG Chemie und dem 1. FC Lok Leipzig reicht weit zurück. Bereits in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts ging es bei Duellen der Vorgängervereine nicht nur sportlich zur Sache. Wir werfen einen Blick zurück auf die historischen Wurzeln.

Anzeige

Sonntag, 13. September 1936: Das Fußballspiel in der Gauliga Sachsen zwischen dem Verein für Bewegungsspiele (VfB) Leipzig und dem Liganeuling Sportverein für Turnen und Rasenspiel (TuRa) vor 10.000 Zuschauern endet mit einem 4:0 für die Gastgeber im VfB-Stadion. Auf und neben dem Platz in Probstheida (dem heutigen Bruno-Plache-Stadion) ging es turbulent zu. Vier TuRa-Spieler wurden vom Platz gestellt. Auf den Rängen kam es zu Schlägereien zwischen den Fanlagern. Leipziger Derbystimmung.

Anzeige

Nicht irgendein Verein

Im Anschluss gab es Geldstrafen. Gegen die vom Platz gestellten Spieler wurden Sonderverfahren angestrebt. In der Rückrunde wurde das Spiel in Leutzsch, wo TuRa beheimatet war, ohne Zuschauer angepfiffen: ein Geisterspiel. Seit der Niederlage in Probstheida wurden überdies alle Auswärts- und Heimspiele von TuRa durch eine SA-Ordnungsgruppe begleitet. Denn ein nicht unerheblicher Teil der Fans bestand aus Sympathisanten des nach 1933 verbotenen sozialdemokratischen Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) und zeigte bereits zu dieser Zeit, dass TuRa nicht irgendein Verein in der Messestadt war.

DURCHKLICKEN: Das Leipziger Derby in Bildern

01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Carl M. Schwarz hatte den Club, aus dessen Wurzeln später die BSG Chemie Leipzig erwuchs, initiiert. Neben Fußball fanden hier auch Handball und Leichtathletik ein Zuhause. Er besaß eine Automatenfabrik für Geldspiel mit Sitz in der Luppenstraße 1. Nach der Vereinsgründung benannte Schwarz seine Firma in TURA Automatenfabrik um. So verwies der Verein auf das Unternehmen und umgekehrt. Dass sich die Logos augenfällig ähnelten, war ebenfalls kein Zufall.

Schwarz nahm den Vorsitz des Vereins ein, Mitarbeiter seiner Firma bildeten den Vorstand. Die Spieler schlossen einen Vertrag mit der Automatenfabrik und arbeiteten jedoch „nur“ auf dem Rasen. Es gibt Vermutungen, dass Schwarz einer anvisierten Profiliga in Deutschland um ein paar Schritte voraus sein wollte. Das Ziel der Mannschaft war der Meistertitel. Das Team startete in wenigen Jahren von der Kreis- in die Gauliga 1936/37 durch.

Umzug in den Alfred-Kunze-Sportpark

Hier traf der eifrige Aufsteiger TuRa in seinem vierten Vereinsjahr auf den VfB – 1900 Gründungsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes und mit drei Meistertiteln Platzhirsch in Leipzig. Dem ersten direkten Liga-Duell ging eine VfB-Niederlage ein Jahr zuvor in einem Freundschaftsspiel voraus. Damit stand der VfB nicht allein da. TuRa führte auch den FC Schalke 04 vor und gewann im September 1935 mit 2:1 gegen die Knappen. Damals spielte die Werkself von Schwarz noch auf dem Lindenauer Sportplatz, der sich auf dem heutigen Kleinmessegelände befand.

Mehr zur heutigen BSG Chemie

Erst danach zog TuRa nach Leutzsch in den heutigen Alfred-Kunze-Sportpark um. Der Verein profitierte dabei in zweierlei Hinsicht von den politischen Zuständen nach 1933. Das Sächsische Ministerium des Inneren verordnete das "Verbot marxistischer Verbände zum Schutz von Volk und Staat" im Frühjahr 1933. Darunter fielen unter anderem die Arbeitersportvereine. Victoria 06 Leipzig, einer der bisherigen Nutzer des 1920 eingeweihten Stadions in Leutzsch, musste sich auflösen, sein Vermögen ging in den Besitz des Landes Sachsen über. Nach der zwischenzeitlichen Nutzung durch die SA spielte TuRa hier.

Ständige Kontrolle durch die SA

Schwarz und sein Mannschaftsmanager Jack Emont engagierten nach 1933 einige wichtige Spieler und Funktionäre der ehemaligen sozialdemokratischen Fußballbewegung für ihren Verein. So beschäftigten sie beispielsweise Robert Riedel, ehemals SPD-Mitglied und im Bundesvorstand des ATSB. Riedel arbeitete von 1924 bis 1933 als Bundesfußballwart des ATSB und trainierte die Arbeiterfußballauswahl, die 1925 die Gold- und 1931 die Silbermedaille bei den Arbeiter-Olympiaden gewann. Einige Akteure aus dem Olympiateam folgten Riedel zu TuRa.

Diese Personalien führten nach dem ersten Ligapflichtspiel 1936 dazu, dass der Leipziger Kreis- und Ortsgruppenführer des Reichsbundes für Leibesübungen öffentlich erklären musste, dass TuRa stramm den neuen Staatsidealen folgt. Die SA-Ordnungsgruppe kontrollierte das permanent. Im November 1938 kam es schließlich zur Fusion mit der Spielvereinigung 1899 zu TuRa 1899. Der Meistertitel rückte in weite Ferne. Schwarz und Emont zogen sich zurück. Beide starben im April 1945 beim Bombenangriff auf die Messestadt. Der Verein wurde nach Kriegsende aufgelöst.