11. Juni 2021 / 07:25 Uhr

Hohe Belastung, anderer Denkansatz: Ausfalltage von RB Leipzigs Profis bleiben zahlreich

Hohe Belastung, anderer Denkansatz: Ausfalltage von RB Leipzigs Profis bleiben zahlreich

Elena Boshkovska und Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Konrad Laimer verpasste nach einer Arthroskopie im Knie nahezu die komplette Saison.
Konrad Laimer verpasste nach einer Arthroskopie im Knie nahezu die komplette Saison. © Getty Images
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Wie bereits in der Vorsaison verzeichnete RB Leipzig anno 2020/21 rund 1700 Verletzungstage im Profikader. Damit rangieren die Sachsen im Bundesliga-Vergleich im zweiten Jahr in Folge im unteren Tabellendrittel. Gründe für die Entwicklung gibt es mehrere.

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Leipzig. In der zweiten Saison in Folge gehört RB Leipzig zu den Bundesliga-Teams mit den meisten Ausfalltagen seiner Profis. Das geht aus der in dieser Woche veröffentlichten Auswertung des Blogs fussballverletzungen.com hervor. Demnach rangiert der deutsche Vizemeister zwar im Vergleich zur Vorsaison auf einem vermeintlich besseren 13. Rang (zuvor 16.). Allerdings hat sich die Anzahl der Verletzungstage gegenüber 2019/20 leicht auf 1715 (zuvor 1706) erhöht. Damit fehlte jeder Profi im RB-Kader im Durchschnitt 62,36 Tage (zuvor 62,04). Zum Vergleich: Am wenigsten mit Blessuren zu kämpfen hatte der FSV Mainz 05 (711 Ausfalltage insgesamt, 25,39 im Durchschnitt). Am schlechtesten erging es der TSG Hoffenheim (2401, 77,45). Im Frühjahr fehlten den Kraichgauern teilweise zehn (!) Akteure parallel.

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Vermehrt Langzeitverletzungen

Für RB setzt sich damit ein Trend fort, der im Sommer 2019 begann. In den Jahren zuvor hatten die Messestädter stets zu den Teams mit den wenigsten Fehltagen gehört, führten das Ranking 2017/18 sogar an. Damals standen lediglich 825 Verletzungstage (27,05 im Durchschnitt) zu Buche. In der Folgesaison 2018/19 waren es schon 1040 (40,00 im Durchschnitt), was aber immer noch zu Platz drei reichte.

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Seit dem Amtsantritt von Coach Julian Nagelsmann kämpfen die Leipziger verstärkt mit Langzeit-Verletzungen oder besser gesagt mit Problemen, die sich weniger günstig entwickelten als erhofft. In der gerade zu Ende gegangenen Saison waren gleich diverse Akteure betroffen. Konrad Laimers Reha nach einer Arthroskopie im Knie (Knochenödem) nahm fast die komplette Spielzeit in Anspruch. Er war nur bei vier von 48 möglichen Pflichtpartien dabei. Dominik Szoboszlai (Adduktoren/Schambein) wechselte zur Winterpause verletzt an die Pleiße, betrat den Rasen bisher gar nicht. Benjamin Henrichs (Patellasehne) verpasste annähernd die Hälfte der Saison. Hee-chan Hwang (Covid19-Erkrankung), Angelino (Muskelverletzung), Lukas Klostermann (Arthroskopie im Knie) und Ibrahima Konaté (Muskelfaserriss und Sprunggelenk) fehlten ebenfalls langfristig.



Drei Wettbewerbe, verdichtete Saison

In Nagelsmanns erster Saison in Leipzig arbeiteten unter anderem Hannes Wolf (Beinbruch), Konaté (Muskelfaserriss), Willi Orban (Arthroskopie in Knie) und Tyler Adams (Adduktorenbeschwerden und Muskelfaserriss) teilweise monatelang an ihrer Rückkehr auf den Platz.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Ein möglicher Grund ist die erhöhte Belastung durch die Teilnahme an drei Wettbewerben sowie die vor allem 2020/21 stark komprimierte Saison. Durch die Qualifikation für das Champions-League-Turnier in Lissabon im vergangenen Sommer gab es für die RB-Profis keine nennenswerte Pause. Es folgte eine eng getaktete Bundesliga-Hinrunde an deren Ende ebenfalls kaum Zeit zum Durchatmen blieb. Von diesem Problem waren nicht nur die Leipziger betroffen. Denn im aktuellen Ranking landeten mit Meister Bayern München (67,76 Tage im Durchschnitt), Borussia Dortmund (64,95) die beiden anderen Top-Teams der Liga noch hinter RB. Beide Clubs spielten ebenfalls lange in der Königsklasse sowie der BVB zusätzlich im DFB-Pokal, unterlagen also einer ähnlich hohen Belastung.

Umdenken bei den Teamärzten

Ein anderer möglicher Grund: eine veränderte Auffassung in Sachen Sportmedizin. Lautete das Credo früher häufig "Hauptsache schnell wieder auf dem Platz", spielen inzwischen Prävention und Nachhaltigkeit eine deutlich größere Rolle. Das bestätigte RB-Teamarzt Dr. Percy Marshall im Frühjahr im SportsTech Podcast mit Fee Beyer. "Früher war jemand gesund, der vorher krank war. Heute ist jemand in unserem Verständnis gesund, der sich gar nicht erst verletzt." Deshalb werde deutlich verstärkt vorbeugend gearbeitet. Kommt es dann aber doch zu einer (schweren) Verletzung, geht es nicht ums berühmte Fitspritzen, sondern eine vollständige Wiederherstellung. Und die braucht Zeit. Nach der grundlegenden Wundheilung in der Reha muss der Spieler zur Wettkampfhärte zurückgeführt werden. Die Rückkehr unterteilt Marshall in drei Phasen: „Return to activity“, „Return to sports“ und „Return to competition“. Diese können mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz war übrigens Angelino. Dessen zunächst nicht als sonderlich schwerwiegend kommunizierte Muskelverletzung führte im Frühjahr schlussendlich doch zu einer mehrwöchigen Pause. Der Spanier verpasste unter anderem das Achtelfinale der Champions League gegen Liverpool. Julian Nagelsmann bestätigte mehrfach, dass man sich zu dieser Maßnahme entschlossen habe, "um einen längeren Ausfall nicht zu riskieren". Man wählte quasi das kleinere Übel. In der Statistik der Ausfalltage macht sich dieses Prinzip natürlich deutlich bemerkbar.