24. Januar 2023 / 17:40 Uhr

Hohes Pensum und Reisestress bei der Handball-WM: Wie die DHB-Auswahl mit der Belastung umgeht

Hohes Pensum und Reisestress bei der Handball-WM: Wie die DHB-Auswahl mit der Belastung umgeht

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Die deutschen Handballer müssen bei der Handball-WM ein enormes Pensum gehen.
Die deutschen Handballer müssen bei der Handball-WM ein enormes Pensum gehen. © Imago/NTB (Montage)
Anzeige

Die Handball-Profis müssen bei der laufenden Weltmeisterschaft ein enorm hohes Pensum gehen. Alle zwei Tage ein Spiel, dazu der Reisestress – das zehrt an den Kräften. Wie bekommt die DHB-Auswahl das hin? 

Sechs Spiele in elf Tagen, dazu der Reisestress, der Umzug von Kattowitz nach Danzig. Deutschlands Handballer werden in den WM-Tagen an ihre Belastungsgrenze geführt. "Es ist viel, aber nicht zu viel. Wir haben gut austrainierte Spitzenathleten, die kennen die Belastung aus der Bundesliga. Und wir können sie gut steuern, haben alles engmaschig unter Kontrolle", sagt Dr. Philip Lübke (47). Der Kieler Orthopäde und Unfall-Chirurg betreut seit Oktober 2021 die Mannschaft. "Das Wichtigste sind aber die Hände unserer Physiotherapeuten." Die gehören Reinhold Roth (67) und Dennis Finke (47). Das Duo, das nie schläft, bis tief in die Nacht hinein behandelt.

Anzeige

Das Team hinterm Team hat alles dabei, eine halbe Tonne an Material, verstaut in vier großen Alukisten. Nahrungsergänzungsmittel, 350 Rollen Tape, 110 Rollen hautschützender Unterverband, und, und, und … Mehr als fünf Kilometer bekommen Johannes Golla & Co. um Füße und Hände gewickelt. Lübke selbst hat noch zwei Kisten mit ärztlichen Utensilien plus seinen Arztkoffer und noch drei Taschen mit Notfallmaterial. "Wir haben auch immer einen Defibrillator dabei."

Der Renner im Team: Kompressionshosen. "Das sind Hosen mit Kammern, die dank eines kleinen Kompressors in einem Rhythmus mit Luft gefüllt werden", erklärt Lübke, "das ist eine Form der Lymphdrainage die gut eine halbe Stunde dauert. Damit werden die Schlackenstoffe schneller abtransportiert, erholt sich der Muskel schneller." Fünf Hosen kreisen nach den Spielen von Zimmer zu Zimmer.

Strikte Ernährung, um die Spieler durchgehend fit zu halten

Es geht um Regeneration und Wohlfühlen. Dazu gehört auch, dass Lübke, Roth und Finke vor dem Spiel Mandarinen pellen, Bananen schälen, in mundegerechte Häppchen zerkleinern und nebenbei noch Spezialgetränke anrühren. Vorm Spiel Buffer, "die eine schnelle Übersäuerung verhindern sollen". Nach dem Spiel Refresher, "um die Speicher schnell aufzuladen". Kurz vorm Spielende düst einer aus dem Trio los, um die "Kabinenbar" zu öffnen. Salzstangen, Nüsse, Studentenfutter, dunkle Schokolade, Energie- oder Müsliriegel, Wasser, Multivitamin-Getränke – alles liegt dann griffbereit. Noch in der Mixedzone werden den Spielern außerdem Smoothies gereicht, "gemixt nach einem Geheimrezept", sagt Lübke und erklärt lachend: Das "F", das er als Offizieller bei der WM trägt, stehe deshalb nicht für Doktor, sondern "für Feel-Good-Manager".

Anzeige

Lübke ist seit mehreren Jahren im Teamsport zu Hause. Seine Beobachtung: "Die Spieler sind sehr viel selbstachtsamer geworden, haben mehr verstanden, dass der Körper und ihre Gesundheit das Potenzial und ihr Kapital sind.“ Dazu zähle auch, dass es den Klassiker vergangener Generationen, "wo mal schnell eine Tablette eingeworfen wurde, fürs Gefühl oder weil es schon immer so war", nicht mehr gibt. "Die Spieler wollen eher den Grund für Beschwerden behandeln als die Beschwerden ausschalten."

Der DHB hat seinen eigenen Koch bei der WM dabei

Zur Rundumversorgung gehört auch, dass sich der DHB seit drei Jahren einen Koch leistet. Nils Walbrecht (41), der schon in verschiedenen Sterne-Restaurants in Deutschland und Österreich gearbeitet hat, schwingt im Kattowitzer Hotel in der Küche den Löffel. "Das war gar nicht so einfach, Nils musste richtig kämpfen. Die Gastgeber wollten zig Zertifikate sehen", erzählt Doc Lübke. Und das Sagen haben immer noch die Hotelköche. "Nils entscheidet was angeboten, wie gewürzt wird."

Und im Unterschied zur Sterneküche fehlt eins: Fett. "Fett ist ein Geschmacksträger und wird in der Gourmetküche reichlich verwendet. Aber in der Hochleistungssport-Küche geht das nicht, denn zu viel Fett macht träge." Im Angebot hat er so ein Sportler-Tiramisu. "Das wird nicht mit Mascarpone, sondern mit Quark gemacht und enthält deswegen nicht so viel Fett." Apfel Crumble mit Haferflocken anstatt mit normalem Mehl, besondere Quarkspeisen, Milchreis, Chia-Pudding, kleine Snacks – Walbrecht, der auch Ernährungsberater ist, will, dass Golla & Co. auf nichts verzichten müssen. Selbstredend: Der Smoothie, der nach den Spielen gereicht wird, ist sein Geheimrezept.

Doc Lübke und Koch Walbrecht kümmern sich auch um die Essenssteuerung. "In den WM-Tagen ist das aufgrund der sehr späten Anwurfzeiten nicht so einfach", sagt Lübke. So gibt es bei 20.30-Uhr-Spielen am Nachmittag noch eine Extra-Mahlzeit, damit die Kohlehydrat-Speicher aufgefüllt werden. "Das ist dann die klassische Spaghetti Bolognese und dazu gibt es Milchreis." Nach den Spätspielen ist für 23.30 Uhr auch stets ein Nachtmahl angesetzt. Und: "In der Kabine gibt es zuvor schon Sandwich, Wrap oder Butterbrot", erzählt Lübke. Nörgler gebe es im Team keine. "Wir haben keinen der nur Pommes mit Ketchup essen will." Walbrecht habe sogar schon eine vegane Mousse au Chocolat zubereitet, "aber nur so zum Spaß, um zu testen, ob es einer merkt. Hat natürlich keiner gemerkt."

Anzeige: Erlebe die gesamte Bundesliga mit WOW und DAZN zum Vorteilspreis