14. September 2021 / 15:32 Uhr

Höllenritt von Italien zum Nordkap: Leipziger Radfahr-Duo strampelt 4.512 Kilometer

Höllenritt von Italien zum Nordkap: Leipziger Radfahr-Duo strampelt 4.512 Kilometer

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Northcape
14 Tage on Tour: Ulrike Kieschke (r.) und Thomas Günsel radelten täglich mehr als 300 Kilometer durch ganz Europa. © Matteo Dunchi
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Was für ein Ritt! Die Leipzigerin Ulrike Kieschke und Lebenspartner Thomas Günsel haben innerhalb von zwei Wochen das Abenteuer „North Cape“ bestanden und elf europäische Länder auf dem Fahrrad durchquert. 

Leipzig. Was für eine mentale und körperliche Spitzenleistung! Ein Kontinent, zehn Länder, über 4000 Kilometer. „Wenn Du müde bist, dann geht es nicht mehr. Die Augen verdrehen sich. Du bist dabei, jede Sekunde einzuschlafen“, erklärt die Leipzigerin Ulrike Kieschke, die sich das Ultracycling Abenteuer „North Cape 4000“ gab. Das verrückt anmutende Unterfangen trat die 35-Jährige mit ihrem Freund und sportlichen Weggefährten Thomas Günsel (38) an.

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Das Leipziger Gespann radelte innerhalb von zwei Wochen täglich mehr als 300 Kilometer durch ganz Europa. Mit dem Leipziger Duo nahmen 190 Athleten aus 30 Nationen die Tortur in Angriff. 80 blieben unterwegs auf der Strecke – so auch der Leipziger Extremsportler Jan Thielbeer. Der Start erfolgte unweit des Gardasees im von Hügeln und Weinbergen gelegenen italienischen Städtchen Rovereto. Ihr Ziel: der nördlichste Punkt Europas, das Nordkap.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Ultracycling Abenteuer „North Cape 4000“

Das Leipziger Gespann radelte innerhalb von zwei Wochen täglich mehr als 300 Kilometer durch ganz Europa. Zur Galerie
Das Leipziger Gespann radelte innerhalb von zwei Wochen täglich mehr als 300 Kilometer durch ganz Europa. ©

Nach 14 Tagen, elf Stunden und 44 Minuten erreichten die Sachsen das Ziel in Norwegen. In ihren Beinen steckten 4512 Kilometer und ein faszinierendes Abenteuer – das war in keinerlei Hinsicht ein Zuckerschlecken. Das Duo kämpfte sich über unterwurzelte oder kaum befahrbare Radwege oder für Radfahrer gesperrte Straßen, überquerte die Alpen, trotzte heißen Temperaturen, Wind und Wetter. Die Müdigkeit wegen der stets kurzen Nachtruhe war ihr ständiger Begleiter. „Wir haben maximal drei bis vier Stunden geschlafen“, so Ulrike Kieschke.

Mit Teamwork zum Ziel

Anfangs nächtigte das Paar vorwiegend im Freien – auf Campingplätzen, selbst ein Friedhof diente als Bleibe. Das Refugium See oder Fluss wurde alsbald abgewählt, allenthalben machten sich lästige Mücken über die Schlafende her. Festgelegte Zwischenstopps wurden im zuvor aufgestellten 16-Tage-Plan nur sporadisch eingehalten. Spontane Absagen der Unterkunft gehörten zu Herausforderungen, die es zu lösen galt.

Ebenso die Nahrung: Im zehn Kilo schweren Gepäck (davon zwei Liter Flüssigkeit) befanden sich Kakao, Trinkjoghurt und Bananen. „Auch Brötchen mit Avocado, Lachs und Frischkäse. Also viel Fett, um die Fahrt zu überstehen“, ergänzt die Leipzigerin. Partner Thomas kümmerte sich um die Räder und die Analyse der Strecke. Dazu gehörte auch der Trip zum nächsten Supermarkt, der in einsamen Gegenden schon mal 150 Kilometer entfernt sein konnte.

Als schnellste Frau zum Nordkap

Freilich hatte die Route auch zahlreiche Tücken. „Die Etappe in Polen war anstrengend. Uns haben Hunde kilometerweit verfolgt“, erklärt die Kieschke. Auch der Körper meldete sich. „Am zehnten Tag kamen die Schmerzen.“ Blasenpflaster an wunden Stellen des Gesäßes und eine zweite Hose mussten es richten, nebst Schmerztabletten. Gesäßcreme sei bei jedem Gang zum WC rettender Helfer gewesen. Nichtsdestotrotz trieb der Ehrgeiz das Duo immer wieder an. „Wir hatten Bock. Es lief besser als gedacht. Der Körper funktioniert einfach“, erzählt die Leipzigerin. Vor allem in den baltischen Staaten ging das Paar auf Strecke, schrubbte 1500 Kilometer innerhalb von vier Tagen und fuhr in die Top 20 nach vorn. Die Platzierung büßte das Paar wieder ein. Starkregen, Gegenwind mit heftigen Böen, eine Schnellstraße mit einem nur 20 Zentimeter kurzen Standstreifen und ein extrem hohes LKW-Aufkommen bremste beide in Finnland aus. Die norwegische durften sie erst fünf Stunden später passieren als geplant. Das Tandem erreichte auf Rang 24 das Ziel.


Die Physiotherapeutin freute sich über den Titel „schnellste Frau“ – mit zwei Tagen Vorsprung vor der weiblichen Konkurrenz. „Ich bin super zufrieden.“, sagt sie stolz. Die 35-Jährige hatte nach einem Schlüsselbeinbruch nur fünf Wochen direkte Vorbereitungszeit. Was bleibt? „Eindrücke der Landschaften, eine überragende Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde und ein neues Reiseziel für den nächsten Urlaub, die Slowakei.“ Taube Zehen und Füße und Zehen begleiteten Kieschke übrigens noch tagelang.