08. Januar 2019 / 06:30 Uhr

Holstein Kiel: Blau! Eins! Grün! Elefant! Vier!

Holstein Kiel: Blau! Eins! Grün! Elefant! Vier!

Niklas Schomburg
Kieler Nachrichten
Aaron Seydel schuftet im Kraftraum für das Comeback.
Aaron Seydel schuftet im Kraftraum für das Comeback. © Paesler
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Physiotherapeut Tim Höper arbeitet mit den angeschlagenen Störchen im Kraftraum an einer baldigen Rückkehr

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Aaron Seydel kämpft sich durch Stabilitätsübungen, Neuzugang Franck Evina absolviert eine Einheit auf dem Ergometer, aus den Lautsprechern dröhnt spanische Popmusik. Und Jonas Meffert wird umher gescheucht. „Blau! Eins! Grün! Elefant! Vier!“ – Physiotherapeut Tim Höper schickt den Mittelfeldspieler mit verschiedenen Kommandos vor, zurück, nach links und rechts, jedem Punkt ist jeweils eine Nummer, eine Farbe und ein Tier zugewiesen. Beim „Propriozeptionstraining“ sollen Koordination und Kognition gesteigert werden. Im Kraftraum direkt neben den Trainingsplätzen arbeiten die angeschlagenen Zweitliga-Kicker von Holstein Kiel an ihrer Rückkehr auf das Fußballfeld. „Wir sind insgesamt sehr zufrieden mit der Entwicklung der angeschlagenen Spieler“, sagt Höper. Und dehnt diese Zufriedenheit etwas aus. „Rückblickend sind wir bis auf wenige Ausnahmen im dritten Jahr in Folge weitgehend verletzungsfrei. Darauf sind wir in der gesamten medizinischen Abteilung schon ein wenig stolz.“ Meffert will beim ersten Punktspiel in Heidenheim wieder dabei sein. „Wir sind aufgrund seiner Kniereizung noch etwas vorsichtig. Wir arbeiten gerade vor allem an der Exzentrik der hinteren Beinmuskulatur, um vorn zu entlasten. Das sieht sehr gut aus“, sagt Höper.

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Das gilt auch für Kapitän David Kinsombi, der seit Sonnabend leichte Hüftprobleme hat. „Er hatte etwas Probleme in der Rotation, wir mobilisieren unter anderem manuell, um ihn wieder in die Laufbelastung zu bringen“, sagt Höper, der dabei nicht nur an Beinen und Hüfte Hand anlegt, sondern auch am Kopf. „Es gibt Verbindungen zwischen Kopf, Kiefer und Rücken“, erklärt der 45-Jährige. „Der Kopf wiegt rund sechs Kilogramm, das ist schon eine Menge Gewicht, die man tragen muss. Und wir müssen versuchen, die so entstehenden Spannungsphänomene im Schulter-Nacken Bereich zu lösen. Die Spieler neigen dazu, bei hoher Konzentration während des Spiels die Zähne aufeinanderzupressen, was häufig Bewegungseinschränkungen der Kopfgelenke erzeugt, so dass sie den Kopf nicht mehr drehen können.“

Während Neuzugang Franck Evina (Muskelfaserriss) voll im Plan liegt und unter der Woche in die Laufbelastung einsteigen soll, ist Aaron Seydel so etwas wie das Kieler Sorgenkind. Der 21-Nationalspieler streifte zum letzten Mal am 3. September im Spiel gegen Magdeburg das KSV-Trikot über, fehlt seitdem mit einer Fersenreizung. „Der Verlauf ist völlig normal bei so einer Verletzung“, sagt Höper. „Fußball verlangt wie auch Handball wahnsinnige Stabilität im Fuß und den umgebenden Strukturen, auch die Ferse ist bei vielen Bewegungen sehr stark belastet. Zwischen oberem und unterem Sprunggelenk sowie im Bereich des Mittelfußes bestehen etliche Verbindungen: faszial, bandhaft und vor allem muskulär. Dann kann das durchaus mal sein, dass man bei einem Problem einige Monate nicht laufen kann – vor allem bei Aarons Statur mit fast zwei Metern Größe und 91 Kilogramm Gewicht.“

Physio Tim Höper arbeitet mit David Kinsombi, Aaron Seydel, Jonas Meffert und Franck Evina
Weitere News aus dem Trainingslager

Der Saisonverlauf von Holstein Kiel in der Zweitliga-Spielzeit 2018/19.

1. Spieltag: Holstein Kiel startet mit einem Paukenschlag in die Saison und gewinnt beim Hamburger SV mit 3:0. Die Tore für die Störche erzielen Jonas Meffert (56.), David Kinsombi (78.) und Mathias Honsak (90.+3). Zur Galerie
1. Spieltag: Holstein Kiel startet mit einem Paukenschlag in die Saison und gewinnt beim Hamburger SV mit 3:0. Die Tore für die Störche erzielen Jonas Meffert (56.), David Kinsombi (78.) und Mathias Honsak (90.+3). ©

Das weiß auch Seydel selbst. „Ich bin zufrieden mit meinen Fortschritten“, sagt der Stürmer. „Nach wie vor gibt es keine präzise Prognose, wann ich wieder komplett fit bin. Aber mir wird die Zeit gegeben, die ich brauche, und es wird auf mich Rücksicht genommen. Jeder Fußballer will auf dem Platz stehen, aber man darf nichts überstürzen.“ So lautet auch das Credo der KSV. „Wir wollen ihn erst auf den Platz stellen, wenn er 90 Minuten durchspielen kann“, beschreibt Höper. „Die Spieler sind unser höchstes Gut. Wir nehmen uns lieber mehr Zeit bei der Wiedereingliederung. Das macht auch den Kopf frei, der Spieler steht dann emotional nicht so sehr unter Druck.“ Diese Geduld zahlt sich aus. „Arbeit im Kraftraum ist immer anstrengend, aber die Spieler sind gut drauf, das sieht man deutlich“, sagt Höper.

Neben Trainingsmethoden spielen bei dieser Arbeit auch andere Faktoren eine Rolle. Etwa das Schuhwerk. „Schuhe sind häufig ein Thema. Da wird gemeinsam mit den Herstellern versucht, die individuellen Bedürfnisse der Spieler zu berücksichtigen, und entsprechend viel gearbeitet. Zur Optimierung stehen uns verlässliche Partner zur Seite, wie die Firma Kriwat, um auch im Einlagenbereich oder bei Anpassung von Schuhmaterial gut aufgestellt zu sein“, sagt Höper. „Es geht häufig um die erwähnte Stabilität, die ein Schuh abbilden muss. Vor kurzem wurde beispielsweise untersucht, ob Schuhe eine größere Rolle bei schweren Kreuzbandverletzungen spielen.“

Eines ist auch ohne nähere Untersuchung klar: „Die Bedingungen hier sind überragend, wir haben eine sehr gute Versorgung und tolle Einrichtungen vor Ort“, sagt Höper. „Dieses Jahr haben die Verantwortlichen mit der Wahl der Anlage auf jeden Fall die richtige Entscheidung getroffen.“