27. März 2019 / 10:57 Uhr

Holstein Kiel: "Der Anspruch in der Stadt ist gestiegen“, Tim Walter

Holstein Kiel: "Der Anspruch in der Stadt ist gestiegen“, Tim Walter

Marco Nehmer
Kieler Nachrichten
Tim Walter (Mitte) ist Wegweiser des Kieler Erfolgs. Vorm Endspurt in der Liga äußert sich der Trainer zur Entwicklung seiner Elf.
Tim Walter (Mitte) ist Wegweiser des Kieler Erfolgs. Vorm Endspurt in der Liga äußert sich der Trainer zur Entwicklung seiner Elf. © Ulf Dahl
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Zweite Liga: Coach Tim Walter über freie Köpfe, den Wunsch nach besseren Trainingsbedingungen – und die Gier nach großen Spielen - Holstein Kiel will den Blick nach vorne richten

Die Länderspielpause ist vorbei – jetzt geht der Blick an den Rhein. Seit Montag bereitet sich Fußball-Zweitligist Holstein Kiel auf das Spitzenspiel beim Tabellenführer 1. FC Köln (So., 13.30 Uhr) vor. Störche-Chefcoach Tim Walter will mit seiner Mannschaft auch vor 50000 Zuschauern die totale Kontrolle ausüben. Ein Anspruch, der niemanden mehr überraschen dürfte – die KSV hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Zeit für ein Gespräch vor dem Endspurt in der Liga.

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Herr Walter, nach dem Testspiel in Berlin (3:1 gegen Hertha BSC) haben Sie Ihren Spielern drei freie Tage gewährt, ehe die Vorbereitung auf Köln beginnt. Wie wichtig ist es, auch mal den Kopf freizubekommen?

Tim Walter: Für die Mannschaft war es extrem wichtig. Meine Spieler haben mir erzählt, dass sie bei anderen Vereinen oft Pläne fürs freie Wochenende mitbekommen haben. Das wollte ich überhaupt nicht. Ich wollte, dass sie auch mal abschalten, dass sie Zeit und Ruhe für sich und die Familie haben. Ich glaube, das hat ihnen gutgetan, mal gar nichts mit Fußball zu tun zu haben.

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Die Wochen zuvor waren in jeder Hinsicht ereignisreich. War das die intensivste Zeit, seit Sie im Verein sind?

W: Nach dem Winter ist es immer intensiv, weil es Schlag auf Schlag geht. In unserem Fall kam ein Highlight nach dem anderen, zwischendrin der DFB-Pokal. Wir mussten neue Spieler integrieren. Dass man dann auch mal eine Ergebnisdelle drin hat, ist auch normal. Trotzdem war ich grundlegend zufrieden, man sieht die Entwicklung, die die Mannschaft hinter sich hat. Das Problem war zuletzt eher die mentale Seite nach den Belastungen. Es war daher wichtig, mit einem Erfolgserlebnis (5:1 gegen Aue, d. Red.) in die Pause zu gehen.

Soll so die neue Tribüne aussehen?

Jetzt steht direkt das nächste Highlight an: Auswärtsspiel beim 1. FC Köln, eine volle Arena, rund 5000 erwartete Kieler Fans. Sind das die Spiele, für die Sie Trainer geworden sind?


W: Ich habe schon beim Saison-Auftakt im Hamburger Volksparkstadion (3:0 für Holstein vor 57000 Zuschauern, d. Red.) gedacht: „Was ist denn das? Das ist brutal!“ Wie sich das Spiel dann entwickelt hat – das könnte ich jede Woche haben. Wir arbeiten darauf hin, solche Spiele vielleicht irgendwann auch öfter zu haben. Wir genießen solche Momente sehr.

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Welche Stimmung nehmen Sie in der Mannschaft vor dem Spiel wahr? Spornt das Aufeinandertreffen mit Ex-Trainer Markus Anfang und den ehemaligen Kollegen Rafael Czichos und Dominick Drexler zusätzlich an?

W: In der Hinrunde war es definitiv so, dass das in der Mannschaft eine Rolle gespielt hat. Mittlerweile spricht davon aber niemand mehr. Ich nehme nicht wahr, dass es eine besondere Motivation gibt. Dieses Kapitel ist beendet. Wichtig ist nur: Wir wollen unser Spiel durchziehen, noch mehr Kontrolle haben – egal vor wie vielen Zuschauern. Ich glaube schon, dass der Gegner mehr auf uns achtet als wir auf ihn.

Holstein Kiel kann sich am Sonntag wieder einmal auf großer Bühne präsentieren, nachdem die Aufmerksamkeit für Ihr Spiel in den vergangenen Monaten stetig gewachsen ist. Wie nehmen Sie das Interesse wahr?

W: Was wir machen, wird wahrgenommen – und es ist so, dass es die Sache für uns auch erschwert. Die Mannschaften wollen uns noch mehr die Favoritenrolle zuschieben. Der Anspruch in der Stadt ist mittlerweile auch ein anderer. Wenn Teams wie Aue oder Fürth kommen, geht man davon aus, dass wir diese Spiele gewinnen. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen immer an die Grenzen gehen. Unsere spielerische Klasse ist nicht das Entscheidende, sondern zuerst einmal die Einstellung. Wir hatten eine schwierigere Phase, weil die Spieler im Kopf hatten, dass sie überlegen sind, aber die Bereitschaft hat gefehlt. Da sind wir nun aber hoffentlich drüber hinweg.

Damit haben Sie wieder eine Stufe der Entwicklung genommen. Wo steht die Mannschaft jetzt?

W: Wir sind immer noch in der Entwicklung. Es dauert, wir sind ständig in Prozessen. Man kann daher schwer sagen, in welchem Stadium wir sind. Wir sind dafür noch zu frisch zusammen. Dass unsere Spieler Begehrlichkeiten wecken, macht es noch schwieriger, abschätzen zu können, wo die Entwicklung einmal hinführen könnte. Aber diese stetige Erneuerung hält es auch frisch. Wichtig ist, dass man die Qualität der Spieler immer weiter steigert.

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Stichwort Qualität: Das 5:1 gegen Aue hat gezeigt, dass die Spielidee zu einem gewissen Grad unabhängig vom Personal funktioniert. Die Mannschaft hat die Prinzipien verinnerlicht. Sind Sie deshalb so gelassen, wenn es um Ausfälle geht?

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W: Der individuelle Spieler ist noch immer ausschlaggebend. Aber bei Ausfällen bin ich total entspannt. Ich will ja, dass jeder Spieler bei mir besser wird. Ich achte nicht nur auf die ersten elf Spieler, sondern auf alle. Wenn ich das nicht mache, bekomme ich irgendwann in der Saison Probleme.

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Probleme haben viele Gegner mit Ihrer Spielidee. Aber Ideen müssen von Zeit zu Zeit angepasst werden, um den Innovationsvorsprung aufrecht zu erhalten. Haben Sie schon Pläne für die nächste Ausbaustufe in der Schublade liegen?

W: Es ist wichtig, sich weiterzuentwickeln. Man muss sein Spiel immer verifizieren, immer verbessern. Es ist aber nicht einfach. Es kommt darauf an, welche Qualität ich habe. Um besser zu werden, brauche ich technisch gute Spieler. Und es ist wichtig, tagtäglich daran zu arbeiten – aber dafür brauche ich auch optimale Bedingungen. Wenn ich mir den Trainingsplatz angucke, dann gibt es da noch Nachholbedarf. Der nächste Schritt muss sein, auch in diesen Bereichen zu investieren.