13. Februar 2019 / 11:48 Uhr

Holstein Kiel: Ein Tor, ein Trainer und ein Hype

Holstein Kiel: Ein Tor, ein Trainer und ein Hype

Marco Nehmer
Kieler Nachrichten
Analoge Jubeltraube: Holsteins Spieler nach dem 1:0 durch Janni Serra in Magdeburg. Die digitale Jubeltraube sorgte jetzt für einen wahren Hype.
Analoge Jubeltraube: Holsteins Spieler nach dem 1:0 durch Janni Serra in Magdeburg. Die digitale Jubeltraube sorgte jetzt für einen wahren Hype. © Peter Steffen/dpa
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Zweitligist Holstein Kiel sorgt mit dem 1:0 beim 1. FC Magdeburg für einen Internet-Hit. Trainer Tim Walter steht mehr denn je im Fokus.

Am 25. Juni 2018 schaut die Sportwelt nach Russland. Finaler Spieltag der Gruppen A und B bei der Fußball-WM. Spanien rettet sich zum 2:2 gegen Marokko, der Gastgeber verliert 0:3 gegen Uruguay. Der Iran holt einen Punkt gegen Europameister Portugal. Und Mohamed Salah, der wohl in jenen Tagen weltbeste Fußballer, scheidet trotz eines erzielten Tors aus. Die Gazetten haben ihre Geschichten, schreiben am nächsten Tag von Dramen und Triumphen.

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Am 25. Juni 2018 schaut praktisch keiner nach Kiel. Dort nimmt ein bis dato nur unter Beobachtern des deutschen Nachwuchsfußballs bekannter Trainer seine Arbeit auf: Tim Walter. Trainingsauftakt bei seinem neuen Klub Holstein Kiel. Der Zweitligist steht nach Fast-Aufstieg und Total-Umbruch vor einer ungewissen Saison. Die Ideen des Trainers: für Fans und Spieler gewöhnungsbedürftig. Walter will offensiven Fußball spielen lassen, mit radikalen Methoden, fluidem Positionsspiel, mit der taktischen Neudefinition etwa des Innenverteidigers und des Torwarts.

Die Spielidee nähert sich der Perfektion an

Überraschungssieg zum Auftakt beim HSV, Rückschläge, Krisenmomente, Aufholjagden, und seit dem Spätherbst immer öfter pure Dominanz: Seit Walters Amtsübernahme im Sommer ist viel passiert, Schritt für Schritt nähert sich sein System der Perfektion an. Nicht immer erfolgreich, aber fast immer spektakulär.

Und deswegen ist vom 25. Juni 2018 heute nicht mehr viel übrig. Die WM, taktisch ein eher biederes Turnier, ist schon lange kein Thema mehr. Dafür rückt Walter immer mehr in den Fokus. Die Fußballwelt wird aufmerksam auf Kiel. Die Förde, das Gelobte Land für Taktik-Nerds und Liebhaber des schönen Spiels?

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Spätestens seit dem Remis in Magdeburg gibt es in den sozialen Medien kein Halten mehr. Das Spiel war in seiner Gesamtheit keins für die Geschichtsbücher, aber das Kieler Tor zum 1:0 hat einen wahren Hype ausgelöst. Einen um die KSV – und einem um Walter, den geistigen Vater eines Angriffs von poetischer Schönheit.

Bilder von der Zweitliga-Partie zwischen dem 1.FC Magdeburg und Holstein Kiel

Der Kieler Janni Serra bejubelt bereits nach fünf Minuten seinen Treffer zum 0:1 gegen den 1. FC Magdeburg. Zur Galerie
Der Kieler Janni Serra bejubelt bereits nach fünf Minuten seinen Treffer zum 0:1 gegen den 1. FC Magdeburg. ©

Ein Spielzug aus dem Poesie-Album

Im Mittelfeld erobert Lászlo Bénes den Ball, passt ihn nach hinten auf Hauke Wahl, Rückpass auf Kenneth Kronholm. Wahl kippt links ab, bindet einen Stürmer. Gegen den anderen sucht Kronholm – ursprünglich mal als klassischer Torwart verpflichtet – das Dribbling. Mit einer Zidane-Gedächtnis-Pirouette öffnet er sich ein Fenster für die Spielverlagerung auf rechts. Sein Ball findet Kingsley Schindler, dort, wo sich Mittel- und Seitenauslinie berühren. Ablage auf Atakan Karazor, Pass in die Mitte auf den eingerückten Bénes – und ab geht die wilde Fahrt. Plötzliche Tempoverschärfung, chirurgisches Zuspiel in die Schnittstelle auf den einlaufenden Alexander Mühling, Direktablage auf Janni Serra – Tor. Ein Wahnsinn von einem Angriff. Walters Handschrift mit der edlen Feder.

Mit etwas Verzögerung nimmt Montagabend dann auch die weite Fußballwelt davon Notiz. Einige Taktik-Blogger posten das Video vom Tor beim Kurznachrichtendienst Twitter, und dann geht es viral. Rasend schnell, eine digitale Tempoverschärfung nach der analogen auf dem Platz. Am Ende nennt es Piers Morgan das „großartigste Tor der Fußballgeschichte“. Das ist vielleicht etwas dick aufgetragen. Aber Morgans Wort hat Gewicht. Morgan ist eine britische Reporterlegende. Früher bei CNN, heute bei ITV. Meinungsstark, schillernd, kontrovers. Damit hat er sich eine Twitter-Anhängerschaft von 6,5 Millionen Followern aufgebaut. Und sie alle jetzt mit dem Serra-Tor konfrontiert.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer medialen Aufmerksamkeit, die vor Monaten ihren Ausgang genommen und sich mittlerweile zum Hype ausgewachsen hat. Walters Fußball ist in der Szene der Taktik-Blogger schon seit einiger Zeit das nächste große Ding. Der Blog „spielverlagerung.de“ hat allein der Rolle von Hauke Wahl im Kieler Spielaufbau ein Analyse-Dossier von erschlagendem Umfang gewidmet.

Und jetzt ist auch die breite Öffentlichkeit angefixt. Mirko Slomka berichtet im NDR-„Sportclub“ von Walters Fußball, das Fußballmagazin „11Freunde“ erzielt mit einem deutschlandweit beachteten Interview mit dem KSV-Cheftrainer große Reichweite. Und das Augsburg-Pokalspiel, Ausgeburt der Kieler Dominanz, hat den Kreis der Jünger des Walter-Systems noch einmal erweitert. Nicht wenige Bayern-Fans wünschen sich insgeheim eine Rückkehr Tim Walters, der bis vergangenen Sommer ja noch die Regionalliga-Truppe des FCB coachte, an seine alte Wirkungsstätte für den Fall der Entlassung von Niko Kovac.

Holstein plant Vertragsgespräche mit Walter

Holstein Kiel kann all das einerseits recht sein. Der Imagegewinn ist riesig, als Anreiz für einen Wechsel talentierter Spieler an die Förde ist die derzeitige Situation unschlagbar. Andererseits: Unterm Radar können die Störche nun nicht mehr fliegen. Nahezu jeder weiß, was für ein aufregender Trainer da in Kiel auf der Bank sitzt. „Die Leistungen der Mannschaft sprechen für sich und für Tim Walter. Wer in der Zweiten Liga „Gutes“ tut, ist automatisch auf dem Präsentierteller“, sagt Sportdirektor Fabian Wohlgemuth, auf den schon bald Arbeit zukommen dürfte: Ein Drittel der Laufzeit von Walters Vertrag ist vorbei, er endet im Sommer 2020.

„Wir wissen um die Bedeutung unseres Trainers für die Mannschaft und die Vereinsentwicklung“, sagt Wohlgemuth, „und sind intern über das Wann und Wie von Gesprächen in Sachen Zukunftsgestaltung absolut einig.“ Tendenziell dürfte den Verantwortlichen der Sommer als Zielmarke vorschweben, um für geklärte Verhältnisse zu sorgen. Schließlich könnten Vertragsverhandlungen den Fokus auf die sportlichen Ziele gefährden.

Der Saisonverlauf von Holstein Kiel in der Zweitliga-Spielzeit 2018/19.

1. Spieltag: Holstein Kiel startet mit einem Paukenschlag in die Saison und gewinnt beim Hamburger SV mit 3:0. Die Tore für die Störche erzielen Jonas Meffert (56.), David Kinsombi (78.) und Mathias Honsak (90.+3). Zur Galerie
1. Spieltag: Holstein Kiel startet mit einem Paukenschlag in die Saison und gewinnt beim Hamburger SV mit 3:0. Die Tore für die Störche erzielen Jonas Meffert (56.), David Kinsombi (78.) und Mathias Honsak (90.+3). ©

Aufstieg wäre bestes Argument

Die Aufstiegsplätze sind weiter im Visier, und die Bundesliga-Zugehörigkeit wäre wohl für beide Seiten das Argument schlechthin für eine Weiterbeschäftigung. Der finale Schritt ins Konzert der Großen – dorthin, wo Holstein Kiel zumindest medial mittlerweile angekommen ist.

Und wenn der Sprung ins Oberhaus nicht gelingt? Wiederholt sich dann das Szenario vom vergangenen Juni? Schlüsselspieler weg, Sportdirektor weg – und Trainer weg. Katerstimmung nach dem Beinahe-Aufstieg. Das wird die Zukunft zeigen. In der Gegenwart jedenfalls ist Tim Walter ein gefragter Mann. Die Begehrlichkeiten wachsen.

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