12. März 2019 / 14:48 Uhr

Holstein Kiel: Eine Analyse der sportlichen Situation

Holstein Kiel: Eine Analyse der sportlichen Situation

Marco Nehmer
Kieler Nachrichten
Der Aufstiegs-Zug fährt höchstwahrscheinlich ohne sie ab: Mathias Honsak (li.) und Janni Serra lassen nach der Darmstadt-Pleite die Köpfe hängen.
Der Aufstiegs-Zug fährt höchstwahrscheinlich ohne sie ab: Mathias Honsak (li.) und Janni Serra lassen nach der Darmstadt-Pleite die Köpfe hängen. © imago images / Jan Huebner
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Am Ende hatte Kenneth Kronholm noch eine eindringliche Bitte an sich und seine Kollegen: „Wir dürfen jetzt den Spaß am Fußball nicht verlieren.“ Der Torwart von Holstein Kiel, selbst nicht bester Laune nach seinem Patzer vorm 0:1, sah das Frustpotenzial der 2:3-Niederlage der Störche bei Darmstadt 98. Denn die zweite Pleite in Folge – ein Novum in dieser Zweitliga-Saison – hat die Aufstiegsträume wohl platzen lassen. Woran liegt es, dass die KSV im finalen Saisondrittel nach oben abreißen lassen muss? Eine Analyse.

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Grundlagen in Schieflage

Am Böllenfalltor setzte sich das fort, was bereits gegen Union Berlin und die SpVgg Greuther Fürth zu sehen gewesen war: Holstein lässt sich derzeit von der Physis des Gegners beeindrucken. Innenverteidiger Dominik Schmidt legte den Finger in die Wunde: „Wir haben in vielen Situationen die 50:50-Duelle verloren.“ Jede noch so raffinierte Spielidee wird ausgebremst, wenn es an den Grundlagen fehlt. Das haben die meisten Gegner in der jüngeren Vergangenheit erkannt.Dabei machten die Darmstädter allerdings etwas grundlegend anders als etwa Fürth oder Union: Sie pressten wenig, verschoben stattdessen kompakt und diszipliniert im Block.. Dieses System war immun gegen die Kieler Positionswechsel. So brauchte die KSV viel Geduld, um die Lilien außeinanderzuspielen. Doch ohne Konzentration, den nötigen Biss, die letzte Konsequenz klappt das nicht. Die Basis für den Erfolg war nicht gegeben. Keine Kür ohne Pflicht. „Das Einzige, was ich der Mannschaft nicht beibringen kann, ist die Bereitschaft, alles zu geben. Die war heute nicht da“, sagte Trainer Tim Walter.

Kein Anschluss ohne Abschluss

Kommt Holstein vorne einmal durch – und das ist dank der Automatismen, die der Mannschaft im Spielaufbau mittlerweile eingeschärft sind, eigentlich in jedem Spiel der Fall – krankt es schon seit Wochen im Torabschluss. Die KSV macht viel zu wenig aus den sich bietenden Möglichkeiten. Entweder ist der letzte Pass zu unpräzise (Jae-Sung Lee), der Schuss zu harmlos (Janni Serra), oder die Elf will den Ball geradezu ins Tor tragen.Symptomatisch: eine Szene aus der 27. Minute in Darmstadt. Über die linke Seite kombiniert sich Holstein sauber nach vorne. Über Alexander Mühling, Serra, Lee, nochmal Serra und wieder Mühling geht es im Billard-Stil bis vor den Kasten – aber keiner fühlt sich zuständig, das Tor einfach mal zu erzwingen. So klären die Lilien, ohne dass der Ball überhaupt aufs Tor geschossen wird. Der sogenannte „Non-Shot Expected Goals“-Wert, eine statistische Größe, die über die Tore Aufschluss gibt, die zu erwarten gewesen wären, hätten beide Teams in den jewiligen Spielsituationen den Abschluss gesucht, sagt aus: Die Walter-Elf hat 2,2 Tore durch unterlassenes Schießen verpasst, Darmstadt „nur“ 1,3.

Zweikampfstärke dringend gesucht: Die KSV, hier mit Jannik Dehm (li.) gegen Marcel Heller, verliert viele Duelle.
Zweikampfstärke dringend gesucht: Die KSV, hier mit Jannik Dehm (li.) gegen Marcel Heller, verliert viele Duelle. © Uwe Anspach/dpa
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Falltüren der Philosophie

Der ohnehin unerfahrene Kader wurde im Winter noch einmal verjüngt. Knapp hinter dem Hamburger SV (23 Jahre) hat Holstein nunmehr die zweitjüngste Mannschaft der Liga (23,6 Jahre). Das ist die neue Identität der KSV: lernwillige, technisch und taktisch versierte Talente unter Leitung eines offensiv denkenden Trainers. Die Kehrseite ist eingepreist: Fehler gehören dazu, sind Teil des Lernprozesses. „Wir haben uns dazu entschieden, es so zu machen“, sagte Tim Walter. „Und deshalb müssen wir das so akzeptieren.“ Etwa, dass ein Franck Evina falsche Entscheidungen trifft. Oder ein Jae-Sung Lee der Zweikampfführung nicht gewachsen ist. Die fehlende Erfahrung macht sich bemerkbar. Gegen abgezockte Teams – und das sind fast alle, die über den Störchen stehen – werden naive Fehler bestraft. Vor allem dann, wenn Spieler wie Kapitän David Kinsombi oder Kingsley Schindler ausfallen. Sie können eine Truppe führen, ihr Halt geben. So einer fehlte zuletzt. „Wenn Fehler passieren, die einem gestandenen Spieler vielleicht nicht unterlaufen, wird es irgendwann schwer“, sagte Walter. Die Fehlerkultur ist Teil der Philosophie – aber auch kurzfristiges Hindernis auf dem Weg nach oben.

Was Hoffnung macht

Aktuell reicht es nicht ganz für die Spitzenränge. Und ein Blick in die Zweitliga-Historie legt bei acht Punkten Rückstand auf Platz drei auch nicht wirklich nahe, dass es noch mit dem Aufstieg klappen kann: Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel gab es keinen einzigen Klub, der einen solchen Rückstand nach 25 Spielen noch aufholen konnte. Der VfL Bochum machte 2001/02 acht Punkte auf Fürth gut, profitierte dabei aber auch von einem noch ausstehenden Nachholspiel. 1998/99 holte der SSV Ulm immerhin sechs Punkte in den verbleibenden neun Spielen auf und ging hoch in die Bundesliga.Aber es ist auch nicht zu erwarten, dass die KSV jetzt nach hinten durchgereicht wird. Nach dem anstehenden Heimspiel gegen Erzgebirge Aue (Fr., 18.30 Uhr) ist erst einmal Länderspielpause. Zeit zum Durchatmen. Dann folgen die Highlights in Köln und zu Hause vor dann vermutlich 15000 Zuschauern gegen St. Pauli. Und das machbare Restprogramm meint es gut mit den Störchen, die noch immer sieben Punkte Vorsprung auf einen zweistelligen Tabellenplatz haben.Zudem zeichnet sich personell Entspannung ab: Aaron Seydel kehrt zurück, kann im Sturmzentrum den derzeit unglücklichen Janni Serra entlasten. Auch Schindler dürfte nach der Pause wieder zur Option werden. Frisches Blut für den Endspurt.

Stimmt ab! Wie schlagen sich die Störche im nächsten Spiel?

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