18. November 2020 / 18:24 Uhr

Holstein Kiel hat einen Plan, der DFB Jogi Löw

Holstein Kiel hat einen Plan, der DFB Jogi Löw

Andreas Geidel
Holstein-Experte Andreas Opa Geidel äußert sich zum DFB-Nationalteam.
Holstein-Experte Andreas "Opa" Geidel äußert sich zum DFB-Nationalteam. © Andrè Haase
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Fußball-Zweitligist Holstein Kiel steht am Sonnabend (13 Uhr) auf heimischen Terrain vor einer Reifeprüfung. Die Sieglos-Serie gegen Heidenheim (zwei Remis und zwei Niederlagen in den vergangenen vier Partien) soll beendet werden. Und das im Optimalfall mit einem gesunden Mix aus neuer Defensiv-Stabilität (sechs Gegentreffer sind Liga-Bestwert) und der Wiederbelebung jener Offensiv-Qualitäten, die den Störchen in den vergangenen Jahren bundesweit Anerkennung verschaffte. Eine Wunschvorstellung von „erwachsenem Fußball“, von der die deutsche Nationalmannschaft bei der historischen 0:6-Demütigung in Spanien Lichtjahre entfernt war.

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Acht Tore in sieben Spielen – nur Schlusslicht Würzburg, Aue und Düsseldorf trafen im Bundesliga-Unterhaus noch weniger als die Kieler Störche. Deren Cheftrainer Ole Werner hatte bereits in der Saisonvorbereitung den Fokus auf die Themen „Balance und Arbeit gegen den Ball“ gelegt, den Titel „Verteidigung des eigenen Tores“ ganz oben auf die Arbeits-Agenda gesetzt.

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Die Erklärung für sein Handeln klingt plausibel: „Ich bin davon überzeugt: Wenn du über ein Jahr konstant punkten willst, musst du dich darauf verlassen können, dass du nicht immer drei Tore brauchst, um ein Spiel zu gewinnen. Das war in den letzten Jahren so. Auch wenn das immer mal zu spektakulären Spielverläufen geführt hat und auch etwas ist, das uns als Verein auszeichnet, steht es dauerhaftem Erfolg hier und da im Weg, wenn du nur diesen Hurra-Stil präferierst.“

Im nächsten Schritt der Entwicklung soll nun auch im Vorwärtsgang wieder mehr Präzision, Mut und Kreativität einkehren. Eine mit Blick auf die namentliche Offensiv-Qualität der Störche realisierbare Hoffnung. Es bleibt indes bei dem uralten Fußball-Lehrsatz: die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel.

Womit der Bogen zum DFB-Team geschlagen wäre. Dass nach dem Peinlich-Auftritt von Sevilla der Ruf nach Strategen wie Mats Hummels, Jerome Boateng oder Thomas Müller laut wird, ist ein natürlicher Reflex. Doch dieses Trio löst die grundsätzlichen Probleme allenfalls kurzfristig. Denn Kern allen Übels ist Noch-Bundestrainer Joachim Löw.

Holstein Kiel: Die Saison 2020/21 in Bildern

01. Spieltag: Holstein Kiel schlägt den SC Paderborn zum Auftakt in die Saison 2020/21 im Holstein-Stadion mit 1:0. Zur Galerie
01. Spieltag: Holstein Kiel schlägt den SC Paderborn zum Auftakt in die Saison 2020/21 im Holstein-Stadion mit 1:0. ©

Folgende Fragen müssen erlaubt sein:

Wenn ich als Trainer drei pfeilschnelle Angreifer mit internationalem Top-Niveau, aber ähnlichem Spielstil zur Verfügung habe, muss ich deshalb auch alle drei zwanghaft gleichzeitig auflaufen lassen? Ist nicht vielmehr eine Rakete wie Serge Gnabry als verkappter Mittelstürmer verschenkt, wo er doch bislang seine besonderen Stärken auf der Halbposition oder als nach innen ziehender und dort den Abschluss suchender Außenspieler nachgewiesen hat?

Müssen die defensiven Außenbahnspieler bei einer ohnehin fragilen Abwehr bei Ballbesitz auf beiden Seiten derart offensiv positioniert sein? Riskiere ich dadurch nicht zu große Lücken bei eigenen Ballverlusten und schnellem Umschaltspiel des Gegners?

Darf ich in Spanien bei einem Mittelfeld-Trio Gündogan/Kroos/Goretzka ernsthaft von defensiver Stabilität träume? Keiner der drei genannten Spieler ist ein echter „Sechser“, ein Stratege im defensiven zentralen Mittelfeld, der Lücken erkennt und stopft, Passwege zustellt, der Kommandos gibt und neben Spielkultur auch ein ausgeprägtes Zweikampfverhalten gegen den Ball besitzt.

Nur zur Erinnerung: Ilkay Gündogan spielt bei Manchester City an der Seite des Spaniers Rodri, der alleine schon wegen seiner Statur mit 1,91 m für Robustheit steht. Toni Kroos weiß in aller Regel bei Real Madrid mit dem Brasilianer Casimiro einen Weltklasse-„Sechser“ hinter sich. Und Hansi Flick würde beim FC Bayern wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, Goretzka könne im Rückwärtsgang ohne Absicherung eines Nebenmannes vom Schlage eines Joshua Kimmich oder Tolisso seine Defensiv-Aufgaben erfüllen.

Löws Sehnsucht liegt in der Spielidee vom FC Bayern, von ManCity oder Real. Sprich, sein Ansatz basiert auf dem Traum vom Zeit und Raum bringenden Ballbesitz. Ein Trugschluss, wie die DFB-Auftritte seit 2018 in unschöner Regelmäßigkeit belegen. Denn die Akteure der letzten Kette vor Manuel Neuer, egal, ob in Dreier- oder Vierer-Formation, geht das technische Rüstzeug ab, speziell unter Bedrängnis eine flotte und sichere Ballzirkulation anzukurbeln.

Nicht nur, aber speziell am Dienstagabend in Sevilla klafften Löcher in allen und vor allem zwischen den Mannschaftsteilen, die in dieser Form selbst im gehobenen Amateurbereich selten zu sehen sind. Kein Wunder, dass die Adlerträger ohne die erforderliche Kompaktheit gegen technisch versierte Spanier nicht in die Zweikämpfe gekommen sind. Kann es tatsächlich sein, dass es den DFB-Profis an Können mangelt, die Basics des Fußballs auf dem Rasen umzusetzen?

Eher nicht! Viel mehr ließen sich Körpersprache während der Partie und Interviews im Nachklapp dahin interpretieren, dass sie ihren Trainer nicht verstanden haben – oder dessen Anweisungen mangels Überzeugung (ob gewollt oder ungewollt) nicht mehr zu 100 Prozent Folge leisten.

Der personelle Neuaufbau nach der verkorksten WM in Russland war richtig. Schade nur, dass an entscheidender Stelle alles beim Alten blieb. Soll heißen: Löw hat sich nach dem WM-Triumph 2014 und vielen anderen Erfolgen irgendwann im Irrgarten seiner eigenen Visionen vom modernen Fußball verlaufen. Er ist nach fast 15 Jahren als Cheftrainer der Nationalmannschaft verbraucht, kann kein Feuer mehr entfachen. Und das ist wahrlich kein Makel.

Sollte die EM-Endrunde 2021 tatsächlich stattfinden und die Deutschen dabei keine nennenswerte Rolle spielen, wäre das unter der Regie eines neuen DFB-Coaches kein Anlass zur nationalen Trauer. Vielmehr bietet eine EM in kaum kalkulierbaren Corona-Zeiten die optimale Entwicklungs-Bühne für aufstrebende Auswahlspieler. Ins Rennen geschickt mit einem den realen Qualitäten angepassten Matchplan. Ohne Furcht vor bundesweitem Donnerhall bei Rückschlägen. Denn merke: Deutschland spielt (bis auf den FC Bayern) im Konzert des Weltfußballs schon lange eher die zweite Geige.

Verantwortlich sollte ein Trainer sein, der mit seinem Analysten-Staff für ehrliche Arbeit ohne überzogenen philosophischen Tiefgang steht. Einer, der in verständlicher Sprache seine Sätze formuliert – notfalls auch im fußballerischen Klartext. Einer, der mit natürlicher Autorität und Empathie auch unter den Top-Verdienern im Spielerkreis Begeisterung für die Belange der Nationalelf entfachen kann, sie ernsthaft mitnimmt. Einer, der ohne eigenes Mittelpunktstreben so etwas wie eine Hierarchie im Team entwickelt.

Videoclip mit KSV-Mittelfeldmotor Jonas Meffert

Zweitligist Holstein Kiel hat in der vergangenen Saison den Fußball-Theorie-Feingeist Andre Schubert nach sechs Spieltagen ausgewechselt und den damaligen U23-Trainer Ole Werner auf den Chefsessel gehoben. Auf nationaler Ebene mahlen die Mühlen langsamer. Und da weder Hansi Flick, noch Jürgen Klopp oder Horst Hrubesch aktuell zur Verfügung stehen, gibt es nur eine Wahl: Ihr Auftrag, Stefan Kuntz!

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