29. Juni 2020 / 12:26 Uhr

Holstein Kiel: Profis liefern Statement für Dominik Schmidt

Holstein Kiel: Profis liefern Statement für Dominik Schmidt

Andreas Geidel
Nach fünf Jahren an der Förde verlässt Innenverteidiger Dominik Schmidt die Kieler Störche.
Nach fünf Jahren an der Förde verlässt Innenverteidiger Dominik Schmidt die Kieler Störche. © Nawe/Repro
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Das letzte Spiel des Routiniers im Trikot des Fußball-Zweitligisten macht aus einem leeren Holstein-Stadion einen Hot-Spot der Emotionen. Folgt jetzt die späte Abrechnung?

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Wir erinnern uns: Tränen flossen im Sturzbach, als Holstein Kiels Fußball-Gott Patrick Herrmann am 3. Februar 2019 nach siebeneinhalb Jahren in Diensten der Störche vor 8235 Zuschauern offiziell verabschiedet wurde. Am vergangenen Zweitliga-Sonntag waren die Ränge im Holstein-Stadion Corona-bedingt leer, es war unvergleichlich leiser als im Winter des Vorjahres. Doch die Szenen rund um den letzten Auftritt von Defensiv-Routinier Dominik Schmidt verwandelten den Ort der Stille in einen Hot-Spot der Emotionen.

Schon vor dem Anstoß des Saisonfinales gegen den 1. FC Nürnberg (1:1) überraschten die Holstein-Profis ihren ausscheidenden Kollegen. Sie trugen beim Warmmachen weiße Shirts mit dem Konterfei Schmidts und dem Aufdruck „Danke Dome – Deine Familie und Freunde“. Ein derartiges Statement für Sympathie und Solidarität hatte es in der jüngeren Vereinsgeschichte der Störche nicht gegeben. Und vielleicht trug der ein oder andere Spieler dieses Shirt auch als Symbol seines Unverständnisses gegenüber der Entscheidung der Klub-Verantwortlichen, den auslaufenden Vertrag mit Schmidt nicht verlängert zu haben.

Die KSV-Profis verabschieden Dome Schmidt

Nach dem Schlusspfiff warfen die Störche-Kicker ihren „Dome“ wie einen Heroen im Kollektiv in die Luft. Fast hätte der gegen seinen eigenen Körper und den seiner Gegner stets beinharte Verteidiger in seinen letzten 20 Minuten für die KSV sogar noch ein Tor erzielt – Schiedsrichter Sven Jablonski indes kannte keine Gnade und entschied zurecht auf Abseits. Es wäre Schmidts sechster Treffer in einem seiner insgesamt 154. Pflichtspiele für die Kieler seit Dienstantritt am 1. Juli 2015 gewesen.

Am frühen Abend dieses 28. Juni 2020 teilte der gebürtige Berliner über die Vereinskanäle mit: „Es war emotional für mich, es hat mich sehr berührt, dass meine Familie und meine Freunde sich das für mich haben einfallen lassen! Dieser Verein war die letzten fünf Jahre wie meine Familie – und ich gehe hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge! Ich möchte mich bei allen Menschen für die Unterstützung der letzten fünf Jahre bedanken!!! Aber vor allem bei unseren Fans sage ich danke.“

KSV-Keeper Ioannis Gelios (li.) und Kapitän Hauke Wahl verabschieden Dome Schmidt (re.) herzlich.
KSV-Keeper Ioannis Gelios (li.) und Kapitän Hauke Wahl verabschieden "Dome" Schmidt (re.) herzlich. © Uwe Paesler
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Schmidt, der gebürtige Berliner, der Familienmensch, der mit Frau, einjährigem Kind und Hund in Mönkeberg seine Wahlheimat gefunden hat. Schmidt, der Vorzeige-Profi, der auf dem Feld keiner körperlichen und abseits des Rasens auch keiner verbalen Konfrontation aus dem Wege geht. Einer, der aus seiner Meinung keinen Hehl macht, dadurch immer mal wieder aneckt. Ein harter Hund mit sensiblem Kern, der sich als Vize-Kapitän, Mitglied des Mannschaftsrates oder personifizierter Kummerkasten für jüngere und neue Spieler im Mannschaftskreis Reputation im XXL-Format erworben hat.

Einer, der immer voran geht, wie es Cheftrainer Ole Werner noch am Freitag vor dem Nürnberg-Spiel in einer virtuellen Pressekonferenz betont hatte. Spielern wie ihm sei es zu verdanken, dass man aktuell überhaupt über Zweitliga-Fußball in Kiel sprechen dürfe. „Mit Dome verlässt uns ein Gesicht dieses Vereins. Er ist ein Spieler, der hier Spuren hinterlassen hat.“ Werners warme Worte besaßen Züge einer Hommage.

Die gesperrten, verletzten und angeschlagenen Holstein-Spieler auf der Tribüne freuen sich über das Tor von Dominik Schmidt, das leider nicht anerkannt wurde.
Die gesperrten, verletzten und angeschlagenen Holstein-Spieler auf der Tribüne freuen sich über das Tor von Dominik Schmidt, das leider nicht anerkannt wurde. © Uwe Paesler

Doch ab Mittwoch ist Schmidt als aktiver Spieler Holstein-Geschichte. Ausgerechnet an dessen 33. Geburtstag ist das Engagement endgültig beendet. Dann zieht mit Schmidt der letzte Aufstiegsheld von 2017 neben Alexander Mühling zwangsweise aus dem Nest der Störche.

Wie es für ihn weiter geht, weiß zurzeit niemand. Er könne dank seiner Erfahrung (u. a. zwei Champions-League- und zwölf Bundesliga-Einsätze für Werder Bremen) und seinem aktuellen Leistungsvermögen noch einigen Mannschaften helfen, riet der knapp zehn Monate jüngere Werner der Konkurrenz.

Holstein Kiel: Die Saison 2019/20 in Bildern

1. Spieltag: Holstein Kiel spielt zu Hause gegen den SV Sandhausen 1:1-Unentschieden. Torschützen: 0:1 Behrens (4.), 1:1 Iyoha (54.). Zur Galerie
1. Spieltag: Holstein Kiel spielt zu Hause gegen den SV Sandhausen 1:1-Unentschieden. Torschützen: 0:1 Behrens (4.), 1:1 Iyoha (54.). ©

Die KSV Holstein indes plant ohne seinen Routinier, bastelt für die Zukunft an einem neuen Personal-Puzzle. Auch Schmidt, bis zu seiner „Wachablösung“ am 3. November 2019 über Jahre Dauerbrenner in der Kieler Defensivzentrale, bleibt nicht von der knallharten Realität im Profifußball verschont. Dessen ist sich der seit 14 Jahren in dieser Branche sein Geld verdienende Berufskicker bewusst. Doch die aus seiner Sicht mangelnde Wertschätzung seitens der Verantwortlichen ihm gegenüber hatte er am 24. April via Sportbuzzer kritisiert. Er selbst war in die Offensive gegangen, hatte die Nicht-Vertragsverlängerung öffentlich gemacht. „Ich bin enttäuscht und zugleich überrascht über die Entscheidung des Vereins. Wie man mit mir hier in den vergangenen Wochen umgegangen ist, das ist definitiv nicht in Ordnung. So bald die sportlichen Ziele, wie zum Beispiel der Klassenerhalt, erreicht sind, werde ich mich präziser zu den Vorgängen äußern. Mehr möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt zu diesem Thema nicht sagen“, so Schmidt vor knapp zehn Wochen an dieser Stelle. Dominik Schmidt steht ab Mittwoch nicht mehr auf der Gehaltsliste der Störche. Beginnt dann die Zeit der späten Abrechnung?

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