20. Juni 2018 / 06:52 Uhr

Holstein Kiel: Trainer Tim Walter im Interview

Holstein Kiel: Trainer Tim Walter im Interview

Andreas Geidel
Kieler Nachrichten
KSV-Chefcoach Tim Walter (re.) im Interview mit KN-Sportredakteur Andreas Geidel (li.).
KSV-Chefcoach Tim Walter (re.) im Interview mit KN-Sportredakteur Andreas Geidel (li.). © Andrè Haase
Anzeige

"Ich hasse es, zu verlieren. Und ich liebe es, zu gewinnen. Mit schönem und attraktivem Fußball".

Anzeige
Anzeige

Großer Medienrummel beim Fußball-Zweitligisten Holstein Kiel am Dienstagnachmittag. Kein Wunder, schließlich präsentierten sich der neue Cheftrainer Tim Walter und der neue Geschäftsführer Sport, Fabian Wohlgemuth, der Öffentlichkeit. Ihr gemeinsames Credo: Die Störche bekommen ein neues Gesicht. Insgesamt sieben bis acht Neuzugänge versprach der 39-jährige Wohlgemuth. Der von anderen Klubs umworbene Kingsley Schindler sei ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu „neuen Ufern“ und deshalb eher unverkäuflich. Selbst die Verluste des Duo Marvin Ducksch/Dominick Drexler, zusammen in der abgelaufenen Saison für 30 Tore und 23 Assists der Störche verantwortlich, bringt den 1,92 Meter großen Walter (42) nicht aus der Ruhe: „Die beiden sind auch erst in Kiel zu Hochkarätern gereift. Wir suchen Spieler mit Potenzial. In meinem Spiel sollen sehr, sehr viele Spieler Tore schießen.“

Herr Walter, Sie sind in Bruchsal nahe Karlsruhe geboren, haben lange für den KSC gewirkt und gehörten zuletzt drei Jahre zum Trainerstab des großen FC Bayern. Warum haben Sie sich jetzt für Holstein Kiel als erste Adresse im Bundesliga-Bereich in Ihrer Karriere entschieden?

Walter: Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass Holstein die richtige Adresse für mich ist. Hier kann ich zusammen mit Fabian Wohlgemuth viele Dinge mit entscheiden. Fabian und ich kennen uns schon viele Jahre aus dem Jugendbereich.

Unter Ihrem Vorgänger Markus Anfang stieg die Mannschaft in die Zweite Liga auf und spielte sich dort als No-name-Produkt in fast unveränderter Formation und mit einer gewachsenen Hierarchie mit Offensivfußball in die Herzen der Fans und an die Spitze der Tabelle. Jetzt folgt der große Umbruch mit 14 Abgängen. Eine schwere Hypothek?

Nein, ich verspüre keinen Druck! Ich bin überzeugt von der Geschichte hier in Kiel. Ich brenne für die Sache. Das Motto heißt: Auf zu neuen Ufern! Mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern – das ist mein Profil. Der Verein ist dazu bereit, das Konzept mitzutragen, damit das Ganze langsam und nachhaltig wächst. Ich bin davon überzeugt, gemeinsam mit Fabian und dem Funktionsteam den Neuaufbau in Kiel voran zu treiben.

Zum Trainingsstart am kommenden Montag dürfte der Kader noch nicht komplett sein. Bereitet dieser Fakt Bauchschmerzen?

Wir werden inklusive der Torhüter mit 23 Spielern beginnen. Und wir haben weiter viele Jungs im Blick. Wir arbeiten mit Hochdruck, aber sondieren gleichzeitig den Markt in aller Ruhe. Auch, weil wir in der Position sind, Ablösesummen in gewisser Höhe zahlen zu können. Das Umfeld ist ungeduldig, wir nicht. Schließlich endet die Transferperiode erst am 31. August.

Hatten sichtlich Spaß bei der Arbeit: KSV-Coach Tim Walter (re.) und KN-Sportredakteur Andreas Geidel (li.).
Hatten sichtlich Spaß bei der Arbeit: KSV-Coach Tim Walter (re.) und KN-Sportredakteur Andreas Geidel (li.). © Andrè Haase
Anzeige

Wie stehen Sie zum Thema Leihspieler?

Es kann dadurch das Problem entstehen, jedes Jahr die Mannschaft neu zusammenstellen zu müssen. Wie vor der kommenden Saison, wenn sechs Leihspieler, davon viele Stammkräfte, ersetzt werden müssen. Für uns ist es wichtig, langfristig mit eigenen Spielern zu planen. Es werden für das kommende Spieljahr maximal ein bis zwei Leihspieler verpflichtet.

Wie sieht Ihre taktische Grundausrichtung aus?

Es wird immer eine Grundordnung geben, aber die Übergänge sind fließend. Dadurch ist der Begriff „System“ nicht seriös zu definieren. Wir wollen immer aktiv sein, immer extrem ballorientiert agieren. Ich stehe für zielgerichteten Ballbesitz und hohes Pressing. Der Gegner soll sich uns anpassen.

Ballbesitz als Grundlage nachhaltigen Erfolges?

Exakt. Ich habe erst kürzlich in einem Interview gesagt, dass es nicht in der Natur des Menschen liege, dass er dem Ball hinterherläuft. So ist auch meine Trainingsarbeit ausgelegt. Langfristiger Erfolg geht nur über mehr Ballbesitz. Das Ziel ist das gegnerische Tor – und dahin führen viele Mittel und Wege. Aggressives Gegenpressing und schnelles Umschaltspiel gehören mit Sicherheit auch dazu.

Die Personalpolitik in Kiel wird nach dem Prinzip „Ausbildung und Weiterentwicklung“ von Talenten oder von Spielern, die woanders nicht den endgültigen Durchbruch geschafft haben, betrieben. Keine Chance also bei den Störchen für gestandene Zweitliga-Profis?

Nicht zwangsläufig. Das Potenzial eines Spielers sollte so sein, dass die Fantasie ausreicht, er könne Erste Liga spielen. Die 30-jährigen Spieler in unserem Kader bilden das Fundament. Aber sie haben zuletzt am Limit gespielt. Und das ist überhaupt nicht negativ gemeint. Das Gefüge zwischen Jung und Alt muss stimmen, die Hierarchie muss passen.

Was wiegt schwerer: Der Bundesliga-Abstieg der U19 oder der Regionalliga-Aufstieg der U23?

Der Aufstieg der U23 ist sehr, sehr wichtig nach meiner Auffassung. Dadurch ist die Bindung zur ersten Mannschaft deutlich näher. Wenn jetzt ein U19-Spieler die Qualität mitbringt und in der U19 unterfordert ist, macht es Sinn, dass er in der U23 spielt. Dort soll Tim Siedschlag dann als Führungskraft agieren und seine Erfahrung an die Jugend weitergeben.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Profi aus?

Das Wichtigste ist der Charakter. Basierend auf einer guten Erziehung. Dazu muss der absolute Wille vorhanden sein, täglich alles zu geben. Für sich selbst, für die Mannschaft und für den Verein. Und er sollte technisch-taktische Voraussetzungen mitbringen. Für mich ist ganz klar: Mentalität schlägt Qualität und Talent.

Markus Anfang legte großen Wert auf Disziplin, pflegte aber einen vergleichsweise kumpelhaften Umgang mit den Spielern, wollte im gesamten Konstrukt eine familiäre Atmosphäre schaffen. Die Spieler durften ihn duzen. Wie ist das bei Ihnen?

Auch mich können die Spieler duzen. Ich bin seit zwölf Jahren hauptamtlich als Trainer tätig und habe meinen Weg in diesem Bereich gefunden. Auch, weil ich eigene Kinder habe. Die Spieler wollen ja auch Antworten haben. Es geht immer um Menschen. Um die Frage, mit wem habe ich zu tun? Ich bemühe mich, ein väterlicher Freund für die Spieler zu sein. Und eines steht auch fest: Nur aalglatte Menschen braucht kein Mensch der Welt. Es braucht mitunter das Besondere, um auf dem Platz den Unterschied zu machen.

Welche spezielle DNA bringen Sie von der Säbener Straße mit nach Projensdorf?

Ich hasse es, zu verlieren. Und ich liebe es, zu gewinnen. Mit schönem und attraktivem Fußball.

Wer wird neben Patrick Kohlmann neuer Co-Trainer?

Das wird Rainer Ulrich. Der war schon mein Co-Trainer beim FC Bayern II und verfügt über eine sehr, sehr lange Erfahrung auf diesem Gebiet. Er hat trotz seiner 69 Jahre ein gutes Händchen für die Spieler. Er kann sowohl die Spieler als auch mich gut reflektieren. Er ist der Ruhepol und steht zugleich für Innovation und Erfolg. Wir werden wie unsere Vorgänger in einer WG wohnen.

Weitere News zu Holstein Kiel

So erlebt Kiel die Fußball Weltmeisterschaft 2018:

Ob die Deutsch-Schwedische Freundschaft auch nach Toni Kroos famosen Siegtreffer noch gehalten hat? Zur Galerie
Ob die Deutsch-Schwedische Freundschaft auch nach Toni Kroos famosen Siegtreffer noch gehalten hat? ©

ANZEIGE: 50% auf dein Spieler-Set! Der Deal des Monats im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus Kiel
Sport aus aller Welt