04. März 2020 / 07:51 Uhr

Hopp-Anwalt Schickhardt: „Zur Opferrolle taugen diese Chaoten nicht“

Hopp-Anwalt Schickhardt: „Zur Opferrolle taugen diese Chaoten nicht“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Christoph Schickhardt vertritt als Anwalt Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp.
Christoph Schickhardt vertritt als Anwalt Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. © Getty Images
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Christoph Schickhardt hat Dietmar Hopp als Anwalt schon in diversen Verfahren wegen Beleidigung von Fans vertreten. Der Sportrechtler spricht im SPORTBUZZER über einen Machtkampf im deutschen Fußball, Straftatbestände, Verurteilungen und Selbstreinigungskräfte.

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Leipzig/Ludwigsburg. Professor Christoph Schickhardt, 64, war an Hunderten Verfahren im Sportrecht beteiligt, vertrat RB Leipzig 2014 in Sachen Zweitliga-Lizenz, ist Anwalt des von verschiedenen Fan-Gruppierungen verunglimpften Hoffenheimer Mäzens Dietmar Hopp, 79. Schickhardt spicht im SPORTBUZZER-Interview über die Provokationen vom Wochenende in diversen Bundesliga-Stadien, strafrechtliche und verbandsrechtliche Sanktionsmöglichkeiten, Selbstreinigungskräfte der Fans, den Sündenfall 2017 in Dortmund und einen Wendepunkt im deutschen Fußball.

Wie haben Sie das Wochenende erlebt, welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Ein kleiner Teil der Bundesliga-Zuschauer hat in vielen Stadien konzertiert provoziert und beleidigt, bewusst die Machtfrage gestellt. Wer hat das Sagen, wer hat Recht, wer die Deutungshoheit? Die Ultras oder die Clubs, die DFL, der DFB und die normalen Fans? Sind die Clubs noch Herr im eigenen Haus?

Eine Stunde null?

Ja, das muss der Wendepunkt sein. Und eine konsequente Reaktion aller, die den Fußball leben und lieben, ist alternativlos. Alle müssen jetzt aufstehen und dagegenhalten. Unter Führung der Deutschen Fußball-Liga und des DFB.

Die Chronologie im Fall Hopp: So eskalierte der Hass gegen den Hoffenheim-Mäzen

Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp ist über die Jahre zur Hassfigur der aktiven Fanszenen geworden. Im Februar 2020 kam es zum Eklat. Doch was ist die Ursache für die Anfeindungen? Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Chronologie des Hasses gegen Hopp! Zur Galerie
Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp ist über die Jahre zur Hassfigur der aktiven Fanszenen geworden. Im Februar 2020 kam es zum Eklat. Doch was ist die Ursache für die Anfeindungen? Der SPORTBUZZER zeigt die Chronologie des Hasses gegen Hopp! ©

Auslöser war eine am 21. Februar verhängte Strafe des DFB-Sportgerichts gegen Borussia Dortmund, deren Fans zwei Jahre lang kein BVB-Spiel in Hoffenheim sehen werden. Damit wurde die Kollektivstrafe wiederbelebt.

Auslöser waren die BVB-Fans selbst. Sie haben die ausgestreckte Hand des DFB-Sportgerichts verweigert und trotz gewährter Bewährung diese widerlichen Banner gegen Herrn Hopp im Dezember erneut gezeigt. Deshalb wurde die Bewährung zurecht aufgehoben und dieses Urteil gefällt. Schuld sind die Täter, zur Opferrolle taugen diese Chaoten nicht.

Joschka Fischer hat Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen 1984 ein „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ entgegen geschleudert. Fischer wurde wegen ungebührlichen Benehmens von der Sitzung ausgeschlossen. Wann ist eigentlich der Straftatbestand Beleidigung erfüllt?

Joschka Fischer dient bezüglich Benehmen wohl auch nicht als Vorbild. Offenbar hat er aber gelernt und sich entwickelt. Unsere Rechts- und Werteordnung ergibt sich aus den Gesetzen. Diese gelten für alle, sind nicht disponibel, sind der kleinste gemeinsame Nenner des Zusammenlebens. Hier gilt der § 185 Strafgesetzbuch. Jede Beleidigung wird bestraft. Herabsetzung, Diffamierung, Verunglimpfung. Dieses Gesetz schützt bewusst den Einzelnen, seine persönliche Integrität. Leider ist es heute oft üblich, dass diese Straftat nicht verfolgt wird. Das Beleidigen von Polizisten, Lehrern, Sanitätern, Feuerwehrleuten - einfach jedermann - ist salonfähig geworden. Ein riesiger Fehler.

Ein Pfarrer hat eine andere Beleidigungsschwelle als ein Rocker.

Dies sind Nuancen, die bei diesen Geschützen keine Rolle spielen. Die unsäglichen Beleidigungen sind im Fall von Herrn Hopp bekannt, der Straftatbestand ist eindeutig. Herr Hopp ist erschüttert, fühlt sich beeinträchtigt und verächtlich gemacht. Das haben diverse Gerichte bestätigt.

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Gab es bereits rechtskräftige Verurteilungen?

Etliche. Diese Meldungen tauchen dann eher auf den Lokalseiten auf, finden keine große Öffentlichkeit. Für die Straftäter aus den Kurven haben die Verurteilungen durchaus Bedeutung und einen negativen Einfluss. Beispielsweise auf ihr Berufsleben. Eine Verurteilung wegen Beleidigung ist kein Kavaliersdelikt. Es handelt sich übrigens nicht um Klagen von Dietmar Hopp, sondern um Veranlassungen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht von Amts wegen.

X Tagessätze a X Euro?

Ja, abhängig vom Einkommen des Verurteilten.

Inwieweit kann das Verbandsrecht einwirken?

Unter anderem durch bundesweite Stadionverbote. Das Verbandsrecht ist kein Papiertiger, im Gegenteil. Ein Stadionverbot in allen deutschen Stadien trifft diese Person hart.

Bei der Umsetzung wären personalisierte Tickets hilfreich.

Ja, das ist möglich und durchführbar. Ich habe gerade eine Karte für die EM bestellt. Alles personalisiert. Ich muss Adresse, Geburtsdatum, Passnummer angeben. Ich komme trotzdem und fühle mich nicht verfolgt.

Als Gastgeber muss es demnach möglich sein, nur jene zur Party einzuladen, die nicht mit der Dame des Hauses anbandeln und die nicht die komplette Hausbar leeren.

So könnte man das sagen. Es ist eben die Verantwortung des Clubs oder Vereins. Diese geben die Regel vor, man muss ja nicht hingehen. DFB-Präsident Fritz Keller hat recht: Die Clubs müssen genau hinsehen, wem sie Eintrittskarten verkaufen.

Die Münchner Ultra-Gruppierung Schickeria wurde 2014 mit dem Julius-Hirsch-Preis wegen ihrer Verdienste im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus geehrt. Ultras sind nicht per se schlecht.

Es gibt viele Dinge, die Ultras positiv anstoßen und bewegen. Aber es gibt eben auch einige Ultras, die Einfluss aufs operative Geschäft der Clubs wollen, die den Marsch durch die Institutionen antreten, die sich wichtiger als den Verein nehmen, die Politik machen, die diffamieren, maßlos sind und Angst und Schrecken verbreiten. Auf die können die Bundesliga und die Fankurven gut verzichten. Respekt und Anstand sind unverzichtbar und unteilbar. Gegenüber jedermann. Aber die Diskrepanz sehe ich auch. Der Mensch macht eben - wenn es tatsächlich die gleichen sein sollten - gute und schlechte Sachen.

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Auf Schalke stimmte der königsblaue Vorsänger beim Spiel gegen RB in festen Abständen „Timo Werner ist ein Hurensohn“ an. Ist das auch ein Fall, um ein Spiel zu unterbrechen?

Bei allem Verständnis für Deeskalationsstrategien: Da muss die Polizei rein in den Block und denjenigen oder diejenigen in Gewahrsam nehmen. Beleidigung, Anstiften zur Beleidigung, Verstöße gegen das Versammlungsgesetz - da kommt einiges zusammen.

Wenn das Spiel in Hoffenheim abgebrochen worden wäre ...

... hätten die Bayern das Spiel am Grünen Tisch verloren. Es ist absurd: Die Bayern führen 6:0 in Hoffenheim und die Bayern-Fans gefährden den Erfolg und vielleicht den Gewinn der Meisterschaft.

Wie erinnern Sie das 2017er Spiel zwischen Dortmund und Leipzig mit zig BVB-Banner a la „Bullen schlachten" - „Fick Dich Mateschitz" - „Burn-Out Ralle: Häng Dich auf".

Damals wurde dieser größtmögliche Sündenfall leider nicht in der notwendigen Art und Weise problematisiert. Das Spiel hätte zwingend unterbrochen müssen beziehungsweise gar nicht erst angepfiffen werden dürfen. Das war keine Handvoll Fehlgeleiteter, da waren viele Hunderte beteiligt. In Gladbach war das vor kurzem anders. Das waren rund 50 Straftäter, völlig isoliert vom Rest der Fans. Und diesen 50 wurde im Borussen-Park klar gemacht, dass 99,9 Prozent der Menschen im Stadion gegen sie und ihre Parolen sind. Dieses Fanverhalten im Borussen-Park hat Maßstäbe gesetzt. Die Selbstreinigungskräfte sind von enormer Wichtigkeit und können eine große Wucht entwickeln. Allen Zuschauer innerhalb und außerhalb der Fanblöcke muss klar werden: Wir lassen uns unser Vergnügen am Fußball nicht kaputtmachen. Das ist die Mutter aller Maßnahmen.

Februar 2017: So hart griffen die BVB-Fans RB Leipzig an

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So krass protestieren die Dortmund-Fans gegen RB Leipzig ©

In England können sich Fans via Kick-it-out-App melden und diejenigen outen, die Dinge tun, die sich nicht gehören. Gute Idee auch im Hinblick auf Ängste beim direkten Kontakt mit Straftätern?

Ja, eine derartige Möglichkeit ist absolut nachahmenswert.

Oliver Kahn musste viele Bananen aufsammeln und Affenlaute über sich ergehen lassen. War das Problembewusstsein damals unterentwickelt?

Oliver Kahn hätte den Platz verlassen und sagen sollen: Mit so einer wildgewordenen Horde im Rücken kann ich meiner Arbeit nicht nachgehen. Man hätte ihn besser schützen müssen. Das war eine Schande.

RB Leipzig ...

... hat in Sachen Willkommenskultur und Sportorganisation alles richtig gemacht. Die Gastfreundschaft gegenüber gegnerischen Fans, Mannschaften und Offiziellen ist vorbildlich. Jedes Spiel ist ein Fußballfest und alle können sich freuen. Es braucht keinen Feind. Ich habe mir das Spiel gegen Leverkusen mit größtem Vergnügen angeschaut. Keine Beleidigungen, kein Hass. Da sitzt der Familienvater mit seinem sechsjährigen Sohn auf der Tribüne und die Frau zu Hause weiß: Meine Lieben kommen um sechs unversehrt zu mir zurück. Das ist der Fußball, den wir wollen. RB ist diesbezüglich ein Leuchtturm.

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In Hoffenheim und Leipzig wird der Geist von 50+1 nicht wirklich gelebt. Können Sie Anfeindungen gegen diese beiden Clubs verstehen?

Nein, kann ich nicht. Wer 50+1 im Zusammenhang mit Übergriffen auf Hoffenheim und Leipzig ins Feld führt, ist ein Populist. Die 50+1-Regelung hat in Leipzig und Hoffenheim genaue Anwendung gefunden. Beide Clubs verhalten sich absolut regelgerecht, bereichern die Bundesliga, haben hochmoderne Nachwuchsleistungszentren und veranstalten vielbeachtete Fußballfeste. All jenen, die ihre Sorgen über die Kommerzialisierung und Globalisierung auf Herrn Hopp oder RB projizieren wollen, sei gesagt: Die Bundesliga ist zu 100 Prozent durchkommerzialisiert. Bei den Bayern, in Hoffenheim, in Leipzig. Auch auf St. Pauli in der zweiten Liga. Borussia Dortmund ist eine Aktiengesellschaft mit Aktien im Streubesitz und das seit 2000. Da war Hoffenheim noch in der Oberliga als Dorfclub. Mehr Kommerz geht nicht. Alle Clubs sind Geschäftsmodelle und betriebswirtschaftlich ausgerichtet. Wer etwas anderes behauptet, der täuscht die Fans mit teils verheerenden Folgen.