03. Dezember 2021 / 15:18 Uhr

Nachruf auf Horst Eckel: "Mehr als Weltmeister kann man nicht werden"

Nachruf auf Horst Eckel: "Mehr als Weltmeister kann man nicht werden"

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Horst Eckel ist im Alter von 89 Jahren verstorben.
Horst Eckel ist im Alter von 89 Jahren verstorben. © dpa
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Horst Eckel ist tot. Der Weltmeister von 1954 starb am Freitag am Alter von 89 Jahren. Eckels Leben hatte mit der heutigen Glitzerwelt des Fußballs nichts zu tun, er wurde durch Bodenständigkeit und Bescheidenheit zu einer wahren Größe. Ein Nachruf. 

Aus dem Hintergrund schießen musste ein anderer. Auch nach innen wurde von einem anderen geflankt. Doch der Letzte, der noch davon erzählen konnte, wie es damals, an diesem 4. Juli 1954, wirklich war im verregneten Wankdorfstadion, war Horst Eckel.

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Bis Freitag, denn da ist Eckel im Alter von 89 Jahren gestorben. Damit lebt keiner mehr von denen, die damals auf dem Rasen standen. Über das "Wunder von Bern", den sagenumwobenen ersten Weltmeistertitel der bundesrepublikanischen Nationalmannschaft, vom Geist von Spiez, vom Fritz-Walter-Wetter, den genialen Ideen des Bundestrainers Sepp Herberger und von der 84. Minute, als Helmut Rahn das späte Siegtor für die DFB-Auswahl erzielte, kann von nun an nur noch aus zweiter Hand berichtet werden.

Kapitän und Vorbild Fritz Walter, zu dem er noch lange nach dessen Tod ehrfürchtig aufschaut, und Eckel absolvieren alle sechs Turnierspiele, stehen als einzige deutsche Spieler bei der WM von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz. Im Finale wird Eckel, gerade 22 Jahre alt, als rechter Läufer von Herberger aufgeboten. Der Rest gehört zu einem der bundesrepublikanischen Gründungsmythen: Die DFB-Elf schlägt die als unschlagbar geltenden Ungarn nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2, macht die Bundesrepublik neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Feld des Sports zum Weltmeister. Für viele im Land ist das neben dem parallel aufkeimenden Wirtschaftswunder ein Zeichen: Zu gern wollen sie verdrängen, was im Namen Deutschlands wenige Jahre zuvor Grauenhaftes passiert war, nun heißt es: "Wir sind wieder wer!" Später ersinnt man den Mythos des Wunders von Bern, um den Sieg der elf wackeren Helden stellvertretend für die vom Krieg gezeichnete Nation endgültig in die Nähe des Übermenschlichen zu erheben.


Eckel war Dauerläufer mit außergewöhnlicher Kondition

Dennoch ist Eckel auch nach den Maßstäben der damaligen Zeit kein Superstar. Er besitzt nicht diese Aura, die Mannschaftskapitän Fritz Walter zeitlebens mit sich herumträgt. Er besitzt nicht die fußballerische Genialität, die Siegtorschütze Helmut Rahn auszeichnete. Er hat nicht in der Weltauswahl gespielt wie der Hamburger Verteidiger Jupp Posipal. Er wird auch nicht gefeiert wie sein Kaiserslauterer Klubkamerad Werner Liebrich, den die internationale Presse aufgrund seiner unerbittlichen Verteidigungsarbeit zu einer der Entdeckungen dieser WM in der Schweiz kürt. Eckel ist und bleibt das, was man heute wohl einen Teamspieler nennen würde: ein Dauerläufer, der wegen seiner hageren Gestalt und seiner außerordentlichen Kondition "Windhund" gerufen wird. Dazu passend seine Rückennummer: Die Sechs tragen auch heute noch meist Spieler, die im Schatten der kreativen Stars die Drecksarbeit verrichten.

Und diese Drecksarbeit ist für Eckel im Finale klar umrissen. Bundestrainer Herberger gibt ihm nicht weniger als den Auftrag, den damals wohl besten Spieler der Welt zu stören. Der heißt Nandor Hidegkuti und hat sich in den vier Jahren zuvor, in denen die Ungarn ohne Niederlage geblieben waren, einen legendären Ruf erspielt. Ferenc Puskas mag Kapitän und Chef der Ungarn gewesen sein. Dreh- und Angelpunkt ist Hidegkuti. Herberger, der schlaue Fuchs, hatte das bei seinen fußballerischen Expeditionsreisen durch Europa längst festgestellt und lange vor der WM einen Plan dagegen ausgetüftelt. Zu diesem Plan gehört Eckel, der dann im Finale dem großen Ungarn auf Schritt und Tritt folgt. "Horst, der Hidegkuti, das ist Ihr Mann", gibt Herberger dem jungen Pfälzer mit auf den Weg. Und der erfüllt die Vorgaben, stolz darauf, "dass ich als Jüngster diese Aufgabe bekam".

Die Legenden der Weltmeister-Elf von 1954

Fritz Walter, Toni Turek, Horst Eckel, Helmut Rahn, Ottmar Walter, Werner Liebrich, Josef Posipal, Hans Schäfer, Werner Kohlmeyer, Karl Mai und Max Morlock (von links nach rechts) Zur Galerie
Fritz Walter, Toni Turek, Horst Eckel, Helmut Rahn, Ottmar Walter, Werner Liebrich, Josef Posipal, Hans Schäfer, Werner Kohlmeyer, Karl Mai und Max Morlock (von links nach rechts) ©

Eigene Ansprüche, die Lust auf eine kreativere Rolle, stellt Eckel zugunsten der Mannschaft zurück. Der mächtige Herberger hatte bereits 1952 den Kaiserslauterer Vereinstrainer angewiesen, den durch viele Waldläufe – die Wettkampfmannschaft des FCK trainierte damals nur zweimal in der Woche – topfitten Eckel vom Stürmer zum Läufer umzuschulen. Auf dieser Position, die dem heutigen defensiven Mittelfeld entspricht, glaubt der Bundestrainer, dass Eckels Fähigkeiten am besten zur Geltung kämen. Und natürlich gehorcht der, als Kind seiner Zeit an Gehorsam gewöhnt, auch wenn er dadurch in insgesamt 32 Länderspielen kein einziges Tor schießt. "Das war eines unserer Erfolgsrezepte: Wir haben auf dem Platz gemacht, was man uns gesagt hatte. Keiner hat sich selbst zu wichtig genommen. Wir waren wirklich eine Mannschaft mit Teamgeist. Und dann konnten alle auch noch ganz gut Fußball spielen", sagt Eckel 2020 dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), zu dem auch der SPORTBUZZER gehört.

Sich selbst nicht zu wichtig nehmen: Dieses Motto umreißt Horst Eckels gesamtes Leben. Er gehört noch zu einer Generation, in der Spitzenfußballer nach der Karriere nicht ausgesorgt hatten. Eckel bleibt fast sein ganzes Leben seinem Heimatörtchen Vogelbach treu. Er heiratet seine Jugendfreundin Hannelore, das Paar bekommt zwei Töchter. Nach der Schulzeit verdient Eckel sein Geld zunächst im Sägewerk. Nachdem sein fußballerisches Talent vom damals so strahlenden 1. FC Kaiserslautern erkannt worden war, beginnt er eine Lehre als Werkzeugmacher. Seinen damaligen Tagesablauf schildert er dem RND in einem Interview so: "Ich bin früh zur Arbeit nach Kaiserslautern gefahren, später dann zum Training und spätabends nach Hause. Der Ablauf war immer derselbe. Einfach selbstverständlich."

Eckel gewinnt mit dem 1. FC Kaiserslautern zwei deutsche Meisterschaften

Nach der Karriere, während der er zwei deutsche Meisterschaften mit dem 1. FC Kaiserslautern feiert, versucht er sich als Trainer, beginnt dann ein Lehramtsstudium. Finanziert wird dies dadurch, dass seine Familie ein Sporthotel betreibt, er selbst nach den Seminaren Amateurvereine gegen Honorar trainiert. Realschullehrer für Sport und Werken bleibt der Fußball-Weltmeister dann von 1973 bis zu seiner Pensionierung. Und auch wenn er zugibt, dass ihm das Wunder von Bern im Leben Türen geöffnet habe, sei das Durchgehen seine Angelegenheit gewesen, wie Eckel in seiner 2004 erschienenen Autobiografie "Die 84. Minute" schreibt. Auch im Beruf verlangt er keine Sonderrolle. "Warum auch, ich hatte eine Anstellung als Lehrer, nicht als Weltmeister, und das war auch gut so." Noch Jahrzehnte später erzählt er stolz: "Ich bin der Horst Eckel geblieben, der ich davor auch war."

Dass er am 4. Juli 1954 aber Teil von etwas ganz Besonderem wird, das wusste natürlich auch Eckel bei aller Bodenständigkeit immer. Einer seiner schönsten Sätze: „Mehr als Weltmeister kann man nicht werden.“