17. Oktober 2020 / 09:00 Uhr

Köln-Boss Horst Heldt über Markus Gisdol, die Kritik am Trainer und Unverständnis für die Länderspiele

Köln-Boss Horst Heldt über Markus Gisdol, die Kritik am Trainer und Unverständnis für die Länderspiele

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Steht hinter Markus Gisdol (links): Kölns Sportchef Horst Heldt.
Steht hinter Markus Gisdol (links): Kölns Sportchef Horst Heldt. © Jörg Schüler/Getty Images
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Kölns Sportchef Horst Heldt glaubt trotz des Fehlstarts an seinen Trainer Markus Gisdol und die Mannschaft – kritisiert aber die Länderspielansetzungen unter der Woche heftig. Der Boss des Karnevalsvereins im SPORTBUZZER-Interview.

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Null Punkte nach drei Spielen in der Fußball-Bundesliga sind keine Bilanz, mit der sich angeben ließe beim 1. FC Köln. Vor dem Spiel am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr, Sky) versucht sich Geschäftsführer Horst Heldt im SPORTBUZZER-Interview an einer Erklärung für die Krise.

SPORTBUZZER: Herr Heldt, der FC ist mit drei Niederlagen gestartet, saisonübergreifend ist man seit 13 Spielen sieglos. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Horst Heldt: Was in der vergangenen Saison war, haben wir sorgfältig aufgearbeitet, ist aber nicht maßgeblich für die Bewertung der ersten drei Spiele, da wir jetzt eine komplett andere Mannschaft haben. Dass die aktuelle Bilanz mit null Punkten keinem von uns gefällt, dürfte klar sein. Es hilft aber nicht, wenn man diese drei Spiele über einen Kamm schert.

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Heißt?

Im ersten Spiel war Hoffenheim ein starker Gegner – das hat die Mannschaft eine Woche später mit dem Sieg gegen den FC Bayern bestätigt. Dennoch glaube ich, dass wir einen Punkt verdient gehabt hätten. Am zweiten Spieltag, in Bielefeld, hätten wir mindestens ein Unentschieden holen müssen. Da haben wir uns selbst um den Lohn gebracht. Und im dritten Spiel war Gladbach einfach besser – auch wenn man das als Kölner nur schwer über die Lippen bringt.

Um eine Diskussion um Trainer Markus Gisdol im Keim zu ersticken, haben Sie gesagt, dass alle verantwortlich seien. Was hätten Sie denn persönlich anders machen können?

Das sollte keine Floskel sein. Vor allem wollte ich damit ein Zeichen setzen. Natürlich treffe ich auf dem Fußballplatz keine Entscheidungen, aber ich kann auch nicht so tun, als ginge mich das, was dort passiert, nichts an. Wir sind hier alle in der Verantwortung und müssen wie eine Familie zusammenstehen. Anders wird es nicht funktionieren.

Das kölsche "Zesamme sin mir stark" wird beim FC aber gerade von innen heraus häufig torpediert, wie zuletzt beim Rauswurf des Medienchefs.

Zurzeit ist es bei uns ruhig. Aber es stimmt, dass es diese Phase gegeben hat. Das macht aber niemand, um einfach mal für Unruhe zu sorgen, sondern weil es offensichtlich Dinge gab, die aufgearbeitet werden mussten. Dass so etwas bei einem Klub wie dem 1. FC Köln immer große öffentliche Begleitung findet, liegt auf der Hand. Schlimmer wäre es, wenn sich niemand für uns interessieren würde. Trotzdem sollten wir alle eine ganz einfache Formel berücksichtigen: Nur dort, wo Ruhe und Kontinuität herrscht, ist auch dauerhafter Erfolg möglich.

Fehlen dem FC die Fans noch mehr als manch anderen, weniger folkloristisch geprägten Vereinen?

Ein Beispiel: Wenn man zurzeit zum Spiel oder nach dem Spiel nach Hause fährt, fühlt man sich fast ein wenig verloren und vermisst sogar den sonst üblichen Stau. Ich empfinde viele Situationen als skurril, etwa wenn der Sky-Reporter fünf Meter entfernt auf der Tribüne steht und mir das Mikro an einer Stange hingehalten wird. Die Menschen fehlen uns, und ich glaube, dass der Fußball auch den Menschen fehlt. Wir alle sehnen uns in allen Bereichen des Lebens nach Normalität.

Befürchten Sie nicht, dass es noch einmal schlimmer werden könnte?

Was den Fußball betrifft, glaube ich, dass das Konzept der DFL und der Vereine tragfähig ist. Was die Gesellschaft als solche betrifft, befürchte ich, dass viele Bereiche des Lebens einen zweiten Lockdown nicht verkraften würden. Aber das Virus ist da und wird nicht einfach verschwinden. Also brauchen wir Lösungen, um mit dem Virus zu leben. Und vielleicht müssen wir dafür auch den aktuellen Inzidenzwert von 50 Neuerkrankten pro 100.000 Einwohner überdenken. In Prozent umgerechnet bedeutet der, dass 0,05 Prozent infiziert sind. Wir reden nicht von einem Prozent und auch nicht von 0,5 Prozent, sondern von 0,05 Prozent.

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Wie empfinden Sie in diesem Zusammenhang die Länderspiele?

Man hat uns erklärt, dass die Nations League eingeführt worden wäre, um die zahlreichen Freundschaftsspiele abzulösen. Deshalb ist das, was wir gerade erlebt haben, für mich nur schwer nachvollziehbar. Zum einen, weil der Terminkalender ohnehin auf wackligen Füßen steht. Vor allem aber, weil es völliger Irrsinn ist, dass Mannschaften in einer solchen Phase wie wild durch die Gegend reisen und in Risikogebiete fliegen. Es sind die Vereine, die die Spieler bezahlen, nicht die Verbände.

Der Bundestrainer musste sich von Experten wie Lothar Matthäus harsche Kritik gefallen lassen. Zu Recht?

Wir müssen alle Kritik aushalten. Das gehört dazu. Es steht außer Frage, dass Lothar Matthäus – neben Franz Beckenbauer der deutsche Vorzeigenationalspieler – das Recht hat, seine Meinung zu äußern. Ich kann aber auch verstehen, wenn Joachim Löw sagt: "Ihr hattet alle eure Höhen und Tiefen als Nationalspieler, und es gab auch bei euch weniger erfolgreiche Welt- oder Europameisterschaften." Wahrscheinlich ist es wie überall: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Und mit ein bisschen Sorgfalt in Bezug auf die Wortwahl, egal von welcher Seite, lässt sich manches sicher entschärfen.