22. Mai 2020 / 09:00 Uhr

Horst Heldt über Kritik am Neustart und die Gehaltsobergrenze: "Wichtig, dass diese Diskussion geführt wird"

Horst Heldt über Kritik am Neustart und die Gehaltsobergrenze: "Wichtig, dass diese Diskussion geführt wird"

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kölns Sportchef Horst Heldt spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den geglückten Bundesliga-Neustart.
Kölns Sportchef Horst Heldt spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den geglückten Bundesliga-Neustart. © imago images/Herbert Bucco
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Seit Mitte November ist er neben Geschäftsführer Alexander Wehrle der starke Mann beim 1. FC Köln. Sportgeschäftsführer Horst Heldt spricht im SPORTBUZZER-Interview über Neustart-Diskussionen, Fußball in leeren Stadien und die Gehaltsobergrenze.

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SPORTBUZZER: Herr Heldt, wie groß ist nach dem ersten Geisterspieltag Ihre Hoffnung, dass man die Saison so doch noch zu Ende spielen kann?

Horst Heldt (50): Aus meiner Sicht ist das Konzept der DFL bisher voll aufgegangen, sodass ich große Hoffnung habe, dass wir die Saison auf sportliche Weise zu Ende führen können. Klar ist aber auch, dass wir gegen einen Feind kämpfen, der einerseits so klein ist, dass er unsichtbar bleibt, andererseits aber so mächtig ist, dass die kleinste Undiszipliniertheit alles erneut lahmlegen könnte. Das allerdings betrifft nicht nur den Fußball.

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Hatten Sie Anfang Mai, als beim FC drei Corona-Fälle bekannt wurden, Sorge, die Liga könnte ohne Köln starten?

Nein. Die Situation war natürlich völlig neu, aber wir waren von Anfang an im Austausch mit dem Gesundheitsamt. Dass sich nicht mehr Spieler infiziert haben, hat gezeigt, dass die Maßnahmen, die im Vorfeld und auch nach der Diagnose getroffen wurden, gegriffen haben.

Wird der Profifußball in Geisterspielen entzaubert, weil man noch am TV-Gerät hören kann, dass es auf dem Rasen kaum weniger „Spiel-endlich-ab“-Rufe gibt als auf den Aschenplätzen der Amateurkicker?

Diese Empfindung kann ich voll und ganz bestätigen, deshalb sprechen viele Stimmen jetzt von Fußball pur. Das ist natürlich ein interessanter Aspekt, der noch einmal eine ganz neue Sichtweise eröffnet. (lacht) Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb ist mir Fußball in einem voll besetzten Stadion mit allen Emotionen natürlich tausendmal lieber.

"Ich glaube an die Macht der Fans"

Sind Mannschaften, deren Ausstrahlung abhängt vom Geschehen auf den Rängen, gegenüber kühl agierenden, fußballerisch starken Teams nicht im Nachteil?

Ich glaube fest an die enorme Macht der Fans als ein Faktor, der großen Einfluss haben kann auf den Ausgang eines Spiels. Beim 1. FC Köln ist das auf jeden Fall so. Bricht dieser Faktor aber weg, haben Teams mit großer spielerischer Qualität möglicherweise einen Vorteil. Das hat man bei Dortmund gegen Schalke (4:0, d. Red.) ebenso sehen können wie bei Bremen gegen Leverkusen (1:4, d. Red.). Allerdings muss das kein Dauerzustand sein. Alle Spieler auf diesem Niveau können kicken, aber auch der Kopf spielt nun mal im Fußball eine wichtige Rolle.

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Grundsätzlich hat das Ausland den Re-Start gelobt, während es hierzulande auch viele kritische Stimmen gibt. Haben Sie dafür Verständnis?

Selbstverständlich. Für mich gehört zu einer Diskussionskultur, dass man sich mit anderen Meinungen vernünftig auseinandersetzt. Allerdings bin ich ein Fan davon, dass man faktenorientiert diskutiert. Wer meint, Recht zu haben oder Recht bekommen zu können, wenn er nur laut genug ist und/oder jeden Tag in einer anderen TV-Talkshow auftritt und dort Polemik betreibt, der dürfte an einer Diskussion kaum interessiert sein. Da wird der Fußball dann missbraucht, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

"Ich glaube, eine Krise solchen Ausmaßes ist immer eine Chance"

An wen denken Sie?

Wer dieses Interview liest und ehrlich zu sich selbst ist, wird wissen, wer gemeint ist. Die Behauptung etwa, dass der Fußball Corona-Testkapazitäten für sich in Anspruch genommen hätte, die der Bevölkerung dann gefehlt hätten, war nachweislich falsch. Tatsächlich haben Labore und Institute darauf hingewiesen, dass nur ein Drittel der vorhandenen Kapazitäten genutzt wird. Dennoch wurde diese falsche Behauptung weiterverbreitet. Mit einer Chuzpe, die mich staunen lässt.

Kann die Krise eine Chance sein, das Image des Profifußballs aufzupolieren?

Ich glaube, dass eine Krise solchen Ausmaßes grundsätzlich immer eine Chance ist, um alles auf den Prüfstand zu stellen. Das wird der Fußball auch tun. Einfach zur vermeintlichen Normalität zurückkehren – das wäre auf jeden Fall der falsche Weg. Ich bin überzeugt, dass es bereits sinnvolle Ansätze gibt. Allerdings sollte man auch keine Erwartungen wecken, die später nicht eingelöst werden können.

Stichwort Gehaltsobergrenze?

Zum Beispiel. Es ist wichtig, dass diese Diskussion geführt wird. Aber sie darf nicht nur geführt werden, weil man glaubt, dass das in der Öffentlichkeit gut ankommt. Glauben Sie ernsthaft, dass die Schere zwischen Reich und Arm in der Bundesliga sich schließen würde aufgrund einer Gehaltsobergrenze, und dass der SC Paderborn plötzlich acht von zehn Spielen gegen den FC Bayern gewinnen würde?! Das würde definitiv nicht passieren! Und dennoch kann eine solche Obergrenze aus wirtschaftlicher Sicht Sinn machen. Die Vereine könnten so in Zukunft auf eine etwaige ähnliche Krise finanziell besser vorbereitet sein.